Jenseits des Sturms

„Raha, da ist ein Brief für dich angekommen.“

Eine leichte Brise strich über den ruhigen Nachmittag, lange nachdem die Abenteuer um die Letzten Tage bestritten waren. Krile überreichte G'raha Tia, der nach einem etwas verspäteten Mittagessen in Baldesions Annex zurückgekehrt war, einen versiegelten Brief. Es war ungewöhnlich, dass er nicht an die Gelehrten, sondern an G'raha Tia persönlich adressiert war, aber sein Name war deutlich in wohlgeformten eorzäischen Buchstaben auf dem Umschlag zu lesen. Ein Absender fand sich nicht. G'raha Tia lieh sich am Empfang von Ojika einen Brieföffner, öffnete den Umschlag, überflog den Inhalt und gab unwillkürlich ein erstauntes „Nanu!“ von sich. Krile und Ojika sahen ihn gespannt an. Nachdem er den Brief noch einmal überflogen hatte, um sich zu vergewissern, dass er sich nicht verlesen hatte, antwortete er mit einer Mischung aus Erstaunen und Verwirrung.

„Der Brief ist von König Hien. Er will mich sprechen.“

„Ach ja? Was will er denn von dir?“

„Das schreibt er nicht. Wenn er mich darum bäte, unseren Abenteurerfreund mitzubringen, wäre ich weniger überrascht, aber so ...“

G'raha Tia drehte und wendete den Brief, konnte aber keinerlei Geheimzeichen oder dergleichen entdecken. Er hatte also keinen Grund, an dessen Inhalt zu zweifeln. Noch während er überlegte, was zu tun war, erschien das flüchtige Bild des Abenteurers, wie er über das kleine, ferne Land Doma sprach, in seinem Kopf.

„Na, einem König soll man keine Bitte abschlagen.“

Krile und Ojika wussten, dass G'raha Tia keine Gelegenheit ausschlagen würde, mit seinem Freund auf Reisen zu gehen, und schenkten ihm ein Lächeln. Mit leichter Nervosität und großer Vorfreude machte er sich daran, sich auf die Reise vorzubereiten.


G'raha Tia reiste über Kugane in das Dorf Isari und fuhr von dort in einem Boot, das für ihn organisiert worden war, den Einzig hinauf. In der domanischen Enklave angekommen wurde er von einem Wolfsmann namens Hakuro mit einer tiefen Verbeugung nach fernöstlicher Art begrüßt. Er folgte ihm die Hauptstraße hinunter. Die Steinmauern auf beiden Seiten hatten charakteristische runde Tore und kleine, fächerförmige Fenster, und überall sah man fleißig die Handwerker arbeiten. Obwohl G'raha Tia auf Schritt und Tritt abgelenkt wurde, bemühte er sich, mit seiner Eskorte mitzuhalten.

Hakuro führte ihn zu einem besonders prächtigen Gebäude am Ende der Straße. Es war einst das Büro des Magistrats, diente aber nun als Wohnsitz von König Hien und war allgemein als Kienkan bekannt. Drinnen gingen sie einen langen Korridor entlang. Die Bodenbretter knarrten und ein kräftiger, exotischer Duft nach Gras und Bäumen lag in der Luft. Plötzlich überkam G'raha Tia die Anspannung. Er richtete sich auf und ging die Etikette des Fernen Ostens noch einmal in Gedanken durch. G'raha Tia waren solch zeremonielle Eleganz und Würde von Natur aus fremd, obwohl er sich so einige Gepflogenheiten angeeignet hatte, als er noch als Oberhaupt einer weit entfernten Stadt agierte.

Kurz darauf wurde eine Tür aufgezogen, hinter der der König von Doma wartete.

„Ich freue mich, dich zu sehen, G'raha Tia. Entschuldige, dass ich dich von so weit weg hergerufen habe.“

Hien lächelte, als er dies sagte.

Sie waren sich schon einmal begegnet, als sie gemeinsam mit ihren Verbündeten das Vorgehen gegen die Telophoroi besprachen. Zu jener Zeit kannte G'raha Tia Hien nur als Legende, die in den Geschichtsbüchern der Zukunft besungen werden sollte ... Geschichtsbücher und Legenden, die für die Gegenwart allerdings nicht von Belang waren. So stellte G'raha Tia sich ihm lediglich als neues Mitglied des Bundes der Morgenröte vor.

Schon damals erschien ihm Hien imposant, aber jetzt, vor der mit Wandmalereien verzierten Kulisse und dem Landeswappen im Hintergrund, wirkte er wahrlich majestätisch. Hien war im Jahr, nachdem Doma von den Garlearn annektiert wurde, geboren und damit genauso alt wie G'raha Tia. Die Würde, die er jetzt ausstrahlte, war auch eine Erinnerung an die Entbehrungen, die er in seinem Leben zu ertragen hatte.

„Vielen Dank für die Einladung. Ich bin ebenso froh wie neugierig, womit ich dienen kann. Wolltest du denn wirklich nur mit mir sprechen? Es handelt sich doch nicht etwa um einen Irrtum?“

„Es ist kein Irrtum. Ich benötige deinen Rat.“

Sie setzten sich und sprachen kurz über G'raha Tias Eindrücke seiner Reise, bevor Hien zur Sache kam. Er berichtete, dass es Neuigkeiten bezüglich der Beziehungen zu Garlemald gegeben habe. Radz-at-Han, das als eines der ersten Länder den Handel mit den Garlearn wieder aufgenommen hatte, hatte zu einem Treffen eingeladen, an dem hohe Beamte und Repräsentanten der betroffenen Länder teilnehmen würden - darunter auch Hien. Er wollte so viel wie möglich über die Situation auf garleischer Seite erfahren, um reibungslose Gespräche zu gewährleisten. Unter den Teilnehmern war auch der Statthalter der Region Locus Amoenus, die auch Corvos genannt wurde. Hien war besonders viel daran gelegen, Informationen über dieses Gebiet zu sammeln, weshalb er seine Berater nach Thancred schicken ließ, der sich zur Zeit der Apokalypse in der Gegend aufgehalten hatte. Wenn jemand verlässliche Informationen bereitstellen konnte, dann waren es die Mitglieder vom Bund der Morgenröte, doch Thancred verwies die Domaner stattdessen an G'raha Tia, der damals auf derselben Mission gewesen war und zudem ursprünglich aus Corvos stammte.

„Das stimmt zwar, aber ... ich war nicht mehr in Corvos, seit die Sharlayaner mich als Kind aufgenommen haben. Ich weiß nicht, ob ich genug darüber weiß, um deinen Erwartungen gerecht zu werden.“

„Das verstehe ich. Viele von uns, die in den garleischen Provinzen geboren wurden, haben sich in ähnlicher Weise von ihrem Heimatland entfremdet. Erzähl mir einfach von Corvos, wie du es kennst.“

G'raha Tia begann mit einem kurzen geschichtlichen Abriss: Auf die Frage, wer das Land als Erstes besiedelte, antworteten sowohl die Corvaren als auch die Garlear mit einem klaren: „Das waren wir.“ Aus allagischen Geschichtsbüchern wusste man allerdings, dass die Allager dort schon vor fünftausend Jahren eine Provinzstadt gegründet hatten und viele Miqo'te als Zwangsarbeiter ansiedelten, um das fruchtbare Land zu bestellen. Doch nach mehreren Katastrophen und Kriegen blieben allein die Corvaren und Garlear in dieser Region übrig und standen sich in einem bitteren Konflikt gegenüber. Ein Konflikt, den die Corvaren schließlich vor achthundert Jahren für sich entscheiden konnten. Die Garlear zogen sich indes in den eisigen Norden zurück.

Dies änderte sich erst in der Neuzeit, als Solus Galvus vor etwa sechzig Jahren die Magitek einführte und die garleischen Legionen nach Süden marschieren ließ, so als wolle er die Niederlage seiner Vorfahren rächen. Dank ihrer dramatisch verbesserten Kampfkraft eroberten die Garlear Corvos im Nu. Sie tilgten den Namen von der Landkarte und änderten ihn in Locus Amoenus. Anderen Provinzen blieb diese erniedrigende Namensänderung erspart - ein Beleg dafür, dass dieser Sieg für die Garlear besondere Bedeutung hatte.

„Sogar den Namen hat man dem Land genommen ...“

Hien, der schweigend zugehört hatte, sagte diese Worte mehr zu sich selbst. Er kannte den Schmerz und das Leid derer, die unter einer Besatzungsmacht zu leben hatten.

„In gewisser Weise gibt es immer noch Überbleibsel von Corvos, in der Kultur und im Stadtbild. Der Kern von Politik und Arbeit wird jedoch bereits von einer Generation dominiert, die unter der garleischen Herrschaft geboren wurde.“

Die Auswirkungen dieser Tatsache wurden während der Letzten Tage deutlich. Selbst unter Berücksichtigung des Umstands, dass es sich um eine noch nie dagewesene Katastrophe handelte, war die Reaktion der Verwaltung langsamer als in Radz-at-Han gewesen, das zur gleichen Zeit heimgesucht worden war. Als G'raha Tia einen jungen Corvaren, der nicht garleischer Abstammung war, nach dem Grund dafür gefragt hatte, hatte dieser erklärt, dass die Zerstörung der Hauptstadt Garlemald die Koordinierung mit dem „Heimatland“ unmöglich gemacht habe und dass viele Funktionen lahmgelegt worden seien.

Nachdem G'raha Tia diese Situation geschildert hatte, schloss Hien seine Augen und atmete lange und ruhig aus.

„Als der Befreiungskrieg entschieden wurde, war Doma bereits seit fünfundzwanzig Jahren eine kaiserliche Provinz, Ala Mhigo seit zwanzig Jahren. Hätten die Bürger ein paar Jahrzehnte länger unter dem Joch der Garlear gelebt, wäre der Kampf um die Freiheit vielleicht anders ausgegangen.“

„Denn irgendwann wird die Besatzung zum Alltag, und dann ist es nicht jedem möglich, den Willen aufrechtzuerhalten, für die Unabhängigkeit zu kämpfen.“

„Wer kann den Corvaren die Schuld für das geben, was passiert ist? Die Macht der Zeit ist eine schreckliche Sache. Auch ich bin mit einer garleischen Erziehung aufgewachsen. Dank meiner Eltern und Gosetsu verkümmerte mein Ehrgeiz nicht, aber auch ich bin kein reiner Domaner, frei von jeglichem garleischen Einfluss.“

In diesen Worten schwang das Leid der Kinder mit, die unter garleischer Herrschaft geboren worden waren. In dem strengen Klassensystem Garlemalds wurde vielen die Staatsbürgerschaft verwehrt. Sie wurden diskriminiert, weil sie Domaner oder Mhigiten waren, und selbst wenn sie durch Leistung, wie dem gefährlichen Dienst in den Legionen, bürgerliche Rechte gewährt bekamen, wurde ihnen unverhohlene Verachtung entgegengebracht. Ständig wurden die Bewohner der Provinzen daran erinnert, wer sie waren. Wut und Trauer waren die Folge. Gleichzeitig blieb ihnen die Heimat, von denen ihre Eltern und Großeltern voller Nostalgie sprachen, fremd. Die Bräuche und Sitten lagen hinter der undurchdringlichen Barriere der Zeit.

In dem schweren, exotischen Duft lag eine unwillkürliche Stille, die niemand stören wollte. G'raha Tia suchte nach den richtigen Worten und sprach leise und aufrichtig seine Gedanken aus.

„Historiker und Archäologen, wie ich es einer bin, ziehen ihre Linien an besonderen Meilensteinen der Geschichte. Bis hierher sprechen sie von dieser Zivilisation, ab da von jener. Aber in Wirklichkeit leben die Leute in einer Kontinuität. Keine Bevölkerung wird je durch ein historisches Ereignis ausgetauscht. Könige wechseln, Länder ändern ihre Namen, aber das Volk bleibt. Es kann, von neuem Wind angetrieben, die nächste Ära gestalten.“

„So sind die Begebenheiten der Geschichte stets miteinander verbunden. Es spielt keine Rolle, ob man eine garleische Erziehung genossen hat oder nicht, man ist Teil desselben Flusses. Ich wünsche mir, dass die Domaner erkennen, dass die Ereignisse lediglich eine natürliche Veränderung der Dinge sind - und keine scharfe Trennlinie zwischen Gestern, Heute und Morgen.“

Hien sah G'raha Tia leicht überrascht an, ließ dann aber ein herzliches Lachen ertönen.

„Entschuldige, wenn ich zu schwermütig klang. Du hast recht, ich sollte mich in Optimismus üben.“

„Was? Äh, e-es lag mir fern, dich zu kritisieren ... Vergiss, was ich gesagt habe.“

„Vergessen? Du bist ein glorreicher Mann, vom Scheitel bis zur Sohle, und ein Mitglied des Bundes der Morgenröte obendrein. Ich habe guten Rat erhalten, würdig der ältesten und weisesten unserer Eremiten.“

Hien hörte nicht auf zu lachen, denn G'raha Tia schien den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Erst ließ der Miqo'te Ohren und Schultern sinken, doch dann hob er das Haupt und sagte: „Es tut mir leid. Verzeih mir.“ Auf seinem Gesicht lag ein Lächeln, das dem hellen, blauen Morgenhimmel glich, der sich weit und breit über das Land erstreckte.

„Es ist, wie du es sagst. Wir sollten uns nicht vor dem fürchten, was sich seit der Zeit unserer Väter verändert hat oder noch verändern wird. All diese Dinge zusammen genommen sind das Land Doma!“

Seine Augen leuchteten hell, als ob er weit in eine Zukunft blicken könnte, die jenseits der von G'raha Tia lag. Es war der Blick eines Reisenden, der eine zerklüftete Bergstraße zu bezwingen hatte, oder einer Fischerin, die ihr Boot über das endlose Meer führte, und dabei nichts als ihr Ziel vor Augen hatten.

G'raha Tias Mundwinkel entspannten sich. Er konnte es kaum erwarten zu sehen, welch glorreiche Zeiten Hien und Doma vor sich hatten.

„Danke für deinen Rat. Das kommende Treffen ist ein Sprungbrett für eben jene Veränderungen, die du angesprochen hast. Jetzt zu etwas Mondänerem: Was weißt du über die Spezialitäten von Corvos? Nichts verbindet mehr als ein gemeinsames Essen.“

Als er dies gesagt hatte, stand Hien auf. G'raha Tia war sich nicht sicher, was nun passieren würde, und lächelte.

„Wir können über alles Weitere auch woanders sprechen. Es wäre ein Verbrechen, einen weitgereisten Gast über Essen sprechen zu lassen, ohne ihm welches anzubieten. Bitte, lass mich dir zeigen, was Domas Köche zu bieten haben.“

G'raha Tia stimmte unverzüglich zu und gemeinsam verließen sie das Anwesen. Schloss Doma, einst das Zentrum der nationalen Politik, lag auf der anderen Seite des Flusses immer noch halb zerstört, aber das Wohnviertel der Bürger war gefüllt von der begeisterten Betriebsamkeit des Wiederaufbaus. Vielleicht war das auch eine der Veränderungen. Der Sturm des Bluts war vorüber, doch die Domaner waren noch da und ihr Lebensgeist stark wie eh und je.