Annalen des Drachenkriegs

Die Pflicht zu schweigen


Tiefe Sorgenfalten zeichneten sich auf der Stirn von Vaindreau Rouchemande ab. Der Oberbefehlshaber der Azurgarde war verzweifelt.
Dass seine Kräfte schwanden und er immer öfter seine körperlichen Grenzen erfuhr, war für ihn, der fünfundsechzig eiskalte Winter hinter sich gebracht hatte, nichts Neues. Aber dass er sich ernsthaft Sorgen darum machen musste, ob er seine Pflicht, den Papst und die Heilige Kurie zu beschützen, erfüllen könnte – das hatte er in seinen über vierzig Dienstjahren noch nicht erlebt.
Einen Monat lag der nebelige Morgen zurück, an dem Vaindreau an dem imposanten Tor, das zum Audienzsaal der Erzbasilika führte, Wache stand. Seine Exzellenz Thordan VII. saß auf seinem Thron, in stiller Einkehr, die Hände in den tiefen Ärmeln der Soutane gefaltet. Eine alltägliche Szene für den Oberbefehlshaber, aber dieser Tag sollte alles für ihn verändern.

Zuerst dachte Vaindreau, er höre die Stimme des ins Gebet vertieften Papstes. Aber da war noch etwas, der kalte Hauch einer fremden Stimme. Besucher waren keine gemeldet ... Ein Eindringling! Der Azurgardist war sofort in Alarmbereitschaft – und während er noch für einen Moment zweifelte, ob seine alten Ohren ihm nicht einen Streich gespielt hatten, schlossen seine Hände reflexartig den Griff um die Hellebarde, bereit, die schwere Stabwaffe einzusetzen. Der Dienstälteste der Azurgardisten betrat lautlos den Audienzsaal.
Und dort sah er die unheilvolle Gestalt. In eine finstere Robe gehüllt, das Gesicht verborgen, in geheimer Unterredung mit dem Oberhaupt der Ishgarder Kirche!

Charibert Leusignac fuhr sich gereizt mit beiden Händen über das straff zurückgebundene Haar und gab sich keine Mühe, seine Ungeduld zu verbergen. Der Erste Inquisitor hielt sich für von Halones Gnaden zu seinem heiligen Amt berufen, aber in letzter Zeit waren die Früchte seiner Arbeit spärlich, und Schuld daran waren seine nichtsnutzigen Untergebenen. Der unterwürfige Bote mit dem blonden Zopf kannte die grausamen Launen des Inquisitors, und seine Hände zitterten, als er das versiegelte Schreiben überreichte.

„Was soll das sein?“

Der Umschlag war nicht beschriftet und auch das blutrote Bienenwachssiegel trug kein Namenszeichen. Ein anonymes Schreiben – die Chancen standen schlecht, dass sich die Laune des Inquisitors bald bessern würde.

„Verzeiht mir, Inquisitor. Ein in Schwarz gekleideter Mann, der seinen Namen nicht nannte, gab mir heute Morgen dieses Schreiben für Euch.“

Charibert überlegte sich, wie er den Boten für seine beispiellose Dummheit, den Überbringer des Schreibens nicht nach dem Absender gefragt zu haben, bestrafen sollte, und entzündete gereizt eine fauchende Flamme in seinen Fingerspitzen, bereit, dem nutzlosen Boten eine Lektion zu erteilen, an die er sich sein Leben lang erinnern würde. Dann senkte er das magische Feuer und brachte damit das Siegel zum Schmelzen, ohne eine Faser des Schreibens zu versengen. Seinen Zorn in die richtigen Bahnen zu lenken und so dem zerstörerischen Element seinen Willen aufzuzwingen, das war als Pyromant Chariberts Metier. Doch die Demonstration hatte ihre Wirkung auf den Boten nicht verfehlt – der blasse Junge starrte mit angsterfüllten Augen auf die aus dem Nichts erschienene Flamme, bis Charibert sie mühelos mit einem Gedanken erstickte.
Charibert ließ seine Augen über die Zeilen des Briefs gleiten und mit jeder Zeile hoben sich seine Mundwinkel ein bisschen mehr, bis er sein überhebliches Lächeln zeigte. Ja, die Kriegsgöttin selbst musste ihn zum Inquisitor berufen haben, anders war sein Glück nicht zu erklären.

Vaindreau Rouchemande blickte vom obersten Wehrgang der Basilika hoch in den Sternenhimmel und ließ den strengen Nachtwind sein Gesicht betäuben, bis die Kälte ihm die Tränen in die Augen trieb. Seine Sorgenfalten blieben. Er war ein Ritter der Azurgarde. Nicht nur das, er war der Oberbefehlshaber der Azurgarde. Die Garde sah sich stets in der Tradition der zwölf Ritter, die zusammen mit König Thordan einst den Hohen Drachen Nidhogg bezwangen und das Fundament des Kirchenstaates bildeten. Eine Garde, die Halones Bronzeaspis gleich die Bürger Ishgards beschützt. Die Halones Speer hochhält, um die Feinde des Heiligen Vaters zu besiegen. „Beschützer Ishgards, Beschützer des Papstes“ – was ihm stets wie ein und dasselbe vorgekommen war, stand nun im unlösbaren Widerspruch zueinander.

Er hatte Unglaubliches im Audienzsaal gehört: Der Papst hatte mit einem Boten des Chaos, einem Ascian, einen Pakt geschlossen. Sie wollten einen Gott herbeirufen – nicht Halone, die Schutzgöttin Ishgards, die jeder Ishgarder in seinem Herzen trug, sondern eine fremde Gottheit, vergleichbar nur mit den primitiven Götzen der Wilden Stämme. Ein abscheulicher, unverzeihlicher Akt der Ketzerei, im Widerspruch zu allem, was Ishgard heilig ist.

Dort, zwischen den schwarzen Zinnen der Basilika, fasste Vaindreau seinen Entschluss. Er würde den Papst zur Rede stellen und alles tun, um dessen finsteren Pläne zu vereiteln – notfalls mit dem Schwert. Und wenn man ihn dafür als Ketzer vor das Haupttribunal schleifen sollte, dann lag sein Leben eben in Halones Händen.

Der alte Ritter schritt die gewundenen, steinernen Treppen hinab, bis er an den Eingang zu den päpstlichen Gemächern kam. Azurgardist Hermenost stand aufmerksam Wache.

„Ich habe dringende Nachricht für Seine Exzellenz, die keinen Aufschub erlaubt.“

„Zu dieser Stunde? Dann muss es wahrlich wichtig sein.“

Wäre Vaindreau nicht der Oberbefehlshaber der Azurgarde, hätte ihm niemand das Vertrauen geschenkt, zur Nachtzeit die privaten Gemächer des Papstes zu betreten. Aber er war über jeden Zweifel erhaben, also ließ Hermenost seinen Vorgesetzten passieren, ohne den leisesten Verdacht zu hegen.
Vaindreau bog um eine Ecke und stand urplötzlich vor einer verhüllten Schattengestalt. Der Ascian!

„Halone, steh mir bei!“

Vaindreau hatte unzähligen Feinden ins Auge geblickt und mehr Todesgefahren getrotzt, als er sich erinnern konnte, doch einem Boten des Chaos gegenüber zu stehen, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

„Wohin so eilig, Vaindreau? Dazu noch zu so später Stunde.“

Die Gestalt zog die tiefsitzende Kapuze ihrer Robe zurück, entblößte das straff zurückgebundene Haar sowie sein überhebliches Lächeln – es war der Inquisitor Charibert und kein Ascian, in den Vaindreau beinah hineingerannt wäre.

„Das Gleiche könnte ich Euch fragen! Warum schleicht ein Inquisitor durch die Korridore Seiner Exzellenz?“

Vaindreau hatte beim Anblick Chariberts sofort seine Fassung wiedergefunden. Der scharfsinnige Inquisitor war ein gerissener Gegner, und Vaindreau musste auf der Hut sein. Also antwortete er, anstatt auf eine Antwort zu warten.

„Als Ritter der Azurgarde bin ich für die Sicherheit des Papstes verantwortlich. Am Tag wie in der Nacht.“

Noch vor einem Monat hätte Vaindreau diese Worte voller Überzeugung ausgesprochen. Jetzt hoffte er inständig, dass Charibert nicht hinter die Fassade blickte.

„Immer nur die Pflicht im Sinn, genau wie ich. Rate mal, was mich hierherbringt. Die Heilige Inquisition hat eine wichtige Information erhalten. Dass sich ein Ketzer einschleicht, hier, heute Nacht. Und ich bin hier, um ihn aufzuhalten.“

Vaindreaus Kehle schnürte sich zu, als ihn die Gewissheit traf wie ein Schlag.

Ich werde diese Gemächer nicht lebend verlassen.

Womit er sich verraten hatte, konnte Vaindreau nicht sagen, aber dass Charibert ihm genau hier und jetzt aufgelauert hatte, sagte genug. Wahrscheinlich war es der Papst selbst, der einen Verdacht hegte und sich nun seines langjährigen Beschützers entledigen wollte.
Aber der Ritter war noch nicht bereit, sich seinem Schicksal zu fügen. Er warf seinen Körper nach vorne, gerade rechtzeitig unter dem Flammenstoß des Pyromanten hinweg, und schwang seinen Schild hoch, um gegen seinen Mörder vorzurücken.
Aber auch Charibert war ein erfahrener Kämpfer. Er schnaufte zwar verärgert darüber, dass sein Überraschungsangriff keinen Erfolg gehabt hatte, doch der schnelle Vorstoß des Azurgardisten brachte ihn nicht aus der Fassung. Schon schwang er seinen Stab, um den alten Ritter mit dem nächsten Feuerzauber in lodernde Flammen zu hüllen.

„Brenn, Ketzer!“

Der knisternde Feuerball prallte mit Wucht auf Vaindreaus Schild, der ihn geistesgegenwärtig fortschleuderte, bevor sein Arm von einem Klumpen geschmolzenen Eisens verstümmelt wurde. In derselben Bewegung zog er sein Schwert und führte einen wilden Hieb aus.

„Hrrrgh ... Deine Klinge ist scharf, doch deine Tage sind gezählt, alter Narr!“

Charibert, der zurückgesprungen war und nun wenige Schritte entfernt kniete, wischte sich das frische Blut von seiner Wange, während er Vaindreau hasserfüllt anstarrte.

„Ein alter Narr mag ich sein, aber ich bin immer noch ein Beschützer Ishgards!“

Charibert verfluchte sich für seinen Hochmut. Er hätte gleich seinen stärksten Zauber sprechen sollen, um den Oberbefehlshaber der Azurgarde in ein verkohltes Skelett zu verwandeln, hatte sich aber stattdessen zurückgehalten, um den Korridor in dem päpstlichen Wohnquartier nicht allzu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Diesen Fehler würde er nicht wiederholen.

„Gräme dich nicht, Ritter. Du hast deine Pflicht vorbildlich erfüllt. Halone wird dich mit offenen Armen empfangen, da bin ich mir sicher.“

Am nächsten Morgen verließ Papst Thordan VII. seine Gemächer etwas früher als gewöhnlich. Mit leiser, aber eindringlicher Stimme unterrichtete er Hermenost, der die ganze Nacht Wache gestanden hatte, und den eigens herbeizitierten stellvertretenden Oberbefehlshaber Vellguine.

„Gestern Abend hat mich Vaindreau in meinen privaten Gemächern aufgesucht, um seinen Rücktritt als Oberbefehlshaber der Azurgarde zu erklären.“

„Was? Das kann ich nicht glauben!“

Der Papst antwortete dem überraschten Vellguine nur mit einem Nicken.

„Wir haben seinen Entschluss zu respektieren. Er sagt, er sei alt geworden und fühle sich seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen. Wir haben uns letzte Nacht lange unterhalten, die ganze Nacht hindurch. Er ruht nun und holt seinen Schlaf nach.“

Vellguine und Hermenost waren erschüttert, denn sie kannten keinen, der seinen Dienst mit so viel Hingabe geleistet hatte wie ihr Oberbefehlshaber Vaindreau Rouchemande. Schweigend begleiteten sie den Papst auf dem Weg zu seinem Morgengebet und ließen die Gemächer hinter sich.

Am folgenden Tag gab die Kurie Vaindreaus Rücktritt offiziell bekannt und berief Zephirin Valhourdin zum neuen Oberbefehlshaber der Azurgarde. Vaindreau wohnte den Feierlichkeiten nicht bei. Wie der Papst erklärte, hatte er darum gebeten, sich auf unbestimmte Zeit auf Pilgerfahrt begeben zu dürfen, und der Papst hatte dieser Bitte mit Bedauern stattgegeben.
So verlor die Azurgarde den letzten Ritter, der Papst und Ishgard diente. Er hatte die Heilige Stadt für immer verlassen und nichts zurückgelassen – außer einem verrußten Fleck, irgendwo auf dem kalten Steinboden der päpstlichen Gemächer.

Ein Strauß Nymeia-Lilien


Ein Azur-Drachenreiter geht Früchte pflücken. Das darf ich in Ishgard keinem erzählen.

Tatsächlich hatte Estinien etwas in der Art vor sich hingemurmelt. Die Erinnerung an jene Szene ließ Alphinaud laut herauslachen.

Er befand sich im Anwesen der Fortemps in einem Privatzimmer, das ihm der Graf zur Verfügung gestellt hatte. Der Drachenkrieg war zu Ende, und Estinien hatte Ishgard schon vor einigen Tagen verlassen. Es war bereits zu fortgeschrittener Stunde, doch Alphinaud, der den Gedanken an Schlaf aufgegeben hatte, saß an einem hölzernen Schreibtisch und dachte an jenen Tag, an dem er aus Eitelkeit und Stolz alles verloren hatte. Er öffnete sein Tagebuch. Haurchefant hatte ihn auf den Gedanken gebracht, eines zu führen. Seine Worte damals in Camp Drachenkopf hatten Alphinaud tief aufgewühlt, und er hatte auf einmal den Drang verspürt, seine Gedanken niederzuschreiben.

So denn, werter Alphinaud, seid Ihr wirklich gewillt, als gebrochene Klinge zu enden? Gibt es keine Flamme, die Euch von Neuem zu schmieden vermag?

Im Verlaufe der Ereignisse des Drachenkrieges, nach der Flucht aus Ul'dah und der Ankunft in Ishgard, hatte Alphinaud begonnen, eine leise Veränderung in sich wahrzunehmen. Wenn er sich heute an sein Gespräch mit Haurchefant im Sonnenschnee und an sein früheres Selbst erinnerte, fühlte er nur noch Scham. Damals hatte er sich damit begnügt, Probleme oberflächlich anzugehen.

Haurchefant hatte den Krieger des Lichts einen Freund geheißen, und dieser ihn wohl ebenso, daran hegte Alphinaud keinen Zweifel. Doch Haurchefant hatte nicht nur seinem Freund geholfen, sondern auch ihm, Alphinaud, der ihn begleitet hatte. Er hatte ihn mit derselben Freundlichkeit und Herzlichkeit willkommen geheißen wie den Krieger des Lichts. Erst jetzt erkannte Alphinaud, wie gut ihm Haurchefants Freundschaft getan hatte. Jetzt, da es zu spät war, ihm seine Dankbarkeit zu offenbaren. Doch vor einigen Tagen war er auf den Hügel geklettert, von dem aus man die Stadt Ishgard überblicken konnte, und hatte vor Haurchefants Grab zu seinem Freund gesprochen.
Alphinaud blätterte weiter in seinem Tagebuch. Der Krieger des Lichts, Estinien, Ysayle und er selbst – was für ein seltsames Vierergespann. Doch die Erlebnisse auf diesen Reisen zu viert hatten Alphinaud tiefgreifend verändert.

Du hast leicht reden, Kleiner. Schließlich kannst du dich entspannt zurücklehnen, während der Krieger des Lichts die Drecksarbeit übernimmt. Oder hattest du vor, dem Primae selbst gegenüberzutreten? Dann hab ich nichts gesagt.

Estinien hatte ihm diese Worte in der Gnath-Kolonie an den Kopf geworfen. Sie hatten ihm seine eigene Arroganz vor Augen geführt, die er bereits überwunden geglaubt hatte. Sah man von seinem Großvater Louisoix und seiner Schwester Alisaie ab, gab es außer Estinien keinen, der so unverblümt zu ihm sprach. Doch Alisaies Tadel war jeweils an ihm abgeprallt, und ihm dämmerte allmählich, weshalb dies so war. Im Grunde seines Herzens hatte er stets ein wenig auf seine Schwester herabgesehen. Dabei war er es, der Verachtung verdiente. Er, der sich nach dem Kristallstreiter-Vorfall geschworen hatte, eine aktivere Rolle einzunehmen, und der sein Versprechen, kaum ausgesprochen, schon wieder vergessen hatte.
Nie hatte er sich der Freundschaft des Kriegers des Lichts unwürdiger gefühlt als in jenem Augenblick in der Gnath-Kolonie.

Alphinauds Waffen waren sein scharfer Verstand und seine schneidigen Worte. Doch seine Worte erhielten nur durch seine Abstammung von Louisoix Gewicht. Ohne diese Blutsverbindung waren sie kraftlos und ohne Einfluss. Ob Louisoix Leveilleurs Enkel etwas sagte oder ein Knabe namens Alphinaud, verlieh den Worten eine grundsätzlich unterschiedliche Bedeutung.
Den Worten Taten folgen lassen – das war wichtig. Er musste selbst zur Tat schreiten und beweisen, dass er das Vertrauen seiner Freunde auch wirklich verdiente. Wenn er es bei bloßen Worten beließ, waren diese nichts als eine Aufeinanderfolge von Lauten. Dankesworte kamen ihm leicht über die Lippen, doch wenn sie nicht von Herzen kamen, blieben sie lieber unausgesprochen.

An jenem Tag waren der Krieger des Lichts und Ysayle aufgebrochen, um Ravana zu unterwerfen, und Alphinaud war mit Estinien in der Gnath-Kolonie zurückgeblieben. Die Zeit bis zu ihrer Rückkehr kam ihm unendlich lange vor. Er hatte den Krieger des Lichts für unverwundbar gehalten und realisierte nun, dass er es vielleicht nicht war. Estiniens Worte lasteten schwer auf ihm. Er schämte sich, und weil er es nicht mehr aushielt, nur untätig herumzusitzen, beschloss er, einige Zauber zu üben. Natürlich war dies nicht seine erste Übungsstunde in Magie, doch bisher hatte er nicht wirklich für den Ernstfall trainiert. Er hatte die praktischen Übungen als Teil seines Magiestudiums verstanden. Außerdem hatte Ysayle ihn dazu ermuntert.

Ich bin mir sicher, dass Alphinaud ein gewandter Magier werden kann. Er muss seine Zauber nur mal ein wenig im Kampf einsetzen.

Ysayles Worte, die an den Krieger des Lichts gerichtet waren, verliehen Alphinaud Mut. Er war auf dem richtigen Weg. Es würde vielleicht noch eine Weile dauern, doch eines Tages würde er ein richtiger Magier sein, der von seinen Kameraden anerkannt wird.

Alphinaud blätterte weiter und hielt erneut inne.
Die Wallenden Nebel. Ein Eintrag über den letzten Tag im Lager vor dem Kreidetempel. Noch nie hatte er etwas gegessen, das ihm besser geschmeckt hatte als Ysayles warmer Eintopf. Das Feuerholz hatte er gesammelt. Holzsuchen war eines der Dinge, die er auf seinen Reisen gelernt hatte. Alphinaud dachte an seine Begegnungen mit den Mogrys, die das Wolkenmeer bevölkerten. Selbst Estinien hatten sie zuweilen überrumpelt und ihn mit ihren Streichen an die Grenzen seiner Geduld gebracht. Auch an die Zusammenkünfte mit den Drachen erinnerte sich Alphinaud lebhaft. Und in allen Erinnerungen tauchte der Krieger des Lichts auf, der ihn stets beschützt hatte. Die Reise ins Wolkenmeer hatte Alphinaud bewusst gemacht, wie machtlos er war, wie wenig er wusste. Später meinten zwar auch Ysayle und Estinien, sie hätten sich ähnlich unwissend gefühlt, doch zwischen ihnen und ihm bestand ein großer Unterschied. Während das Wissen um seine Unwissenheit bei Alphinaud ein Gefühl der Hilflosigkeit auslöste, spornte es Ysayle und Estinien an, sich erst recht anzustrengen. Sie besaßen im Unterschied zu ihm den Willen und die Kraft, mit dem Wissen, das ihnen zur Verfügung stand, etwas zu bewirken. Er musste diese Kraft zum Handeln ebenfalls entwickeln, auch um Ysayles willen, die nicht mehr handeln konnte.

Ein Klopfen, gefolgt von einer leisen Stimme, riss Alphinaud aus seinen Gedanken.

„Seid Ihr noch auf, Alphinaud?“

Vor lauter Schreck ließ Alphinaud das Tagebuch zuklappen.

„Ja, bitte. Tretet ein.“

Die Tür ging auf, und das Gesicht des alten Grafen Edmont Fortemps erschien. In der Hand hielt er eine Lampe.

„Ich konnte nicht schlafen und wollte mir gerade eine Tasse Tee bereiten, als ich sah, dass in Eurem Zimmer noch Licht brennt. Ich dachte, Ihr seid vielleicht über Eurer Lektüre eingenickt und benötigt eine Decke. Die Nächte sind kalt hier.“

„Danke, das ist äußerst rücksichtsvoll von Euch.“

Als der Graf erfuhr, dass auch Alphinaud keinen Schlaf finden konnte, kehrte er in sein Zimmer zurück, um eine Decke zu holen. Ohne Alphinauds Protesten Beachtung zu schenken, legte er ihm die Decke auf die Knie und schenkte ihm eine Tasse heißen Kräutertee ein. Gefragt nach der Teesorte, erwiderte der Graf, der Tee bestehe aus den abgekochten Wurzeln der Nymeia-Lilie, die er in seinem Garten ziehe. Alphinaud war überrascht, denn er glaubte gehört zu haben, dass der Anbau von Nymeia-Lilien ziemlich schwierig war. Diese Seite am Grafen war ihm neu. Er dankte ihm noch einmal, doch Graf Edmont blickte ihn nur traurig an.

„Ich nehme an, Ihr zieht bald weiter?“

Alphinaud rang nach Worten, doch bevor er antworten konnte, fuhr der Graf lächelnd fort:

„Ich wünschte, Ihr könntet in diesem Moment Euer Gesicht sehen, Alphinaud.“

Dann ging er aus dem Zimmer, indem er die Tür hinter sich zuzog.
Alphinaud nahm einen Schluck vom Wurzeltee. Die Wurzeln der Nymeia-Lilie waren höchst bitter, doch der Graf hatte den Tee ausreichend mit Honig gesüßt. Für seine warmherzige Bewirtung war ihm Alphinaud von Herzen dankbar. Plötzlich blitzte ein Gedanke in ihm auf. Nymeia-Lilien ... bedeuteten sie nicht etwas? Wofür standen sie noch mal?

Alphinaud kehrte zum Schreibtisch zurück und öffnete erneut sein Tagebuch.
Die Friedensfeier in Falkenhorst. Sie sollte den Anfang einer neuen Epoche des Friedens zwischen Drachen und Ishgardern markieren. Doch das plötzliche Auftauchen Estiniens, der unter Nidhoggs Einfluss stand, hatte alles zerstört. Die Feier musste abgebrochen werden. Und dabei hatte alles so gut ausgesehen. Die Wogen im Volk nach Bekanntwerdung der wahren Hintergründe des Drachenkrieges hatten sich geglättet, und die Leute hatten begonnen, wieder nach vorne zu blicken, statt in der Vergangenheit zu leben.
Nie würde Alphinaud den Anblick von Estiniens blutgetränkter Rüstung vergessen. Tief eingesunken im Metall steckten Nidhoggs Augen, als ob sie sich durch die Rüstung durchfressen wollten. Selbst wenn Estinien ein Freund war, hatte Aymeric recht getan, den Pfeil auf ihn zu richten. Um das Volk zu schützen. Doch Alphinaud verspürte in jenem Augenblick nur den brennenden Wunsch, seinem Freund zu helfen. Als er dies später dem Kriegers des Lichts im Sonnenschnee gestand, meinte dieser lächelnd, auch er hege den gleichen Wunsch.
Alphinaud dachte an den Krieger des Lichts und dass es gut gewesen war, dass er außer ihm niemandem sonst von der mächtigen Ätheraura erzählt hatte, die er durch sich hindurchströmen fühlte, als er Nidhoggs Auge anfasste. Das sollte ein Geheimnis zwischen ihnen beiden bleiben.

Nun ist alles zu Ende. Aber ich fühle keine Freude ... Mein Herz bleibt schwer.

Nach der Feier zu Aymerics Inauguration hatte Estinien diese Worte gemurmelt, bevor er aus dem Krankenzimmer verschwand - und aus Ishgard. Die blutrote Rüstung ließ er im Raum zurück. Ein solcher Abgang sah ihm ähnlich. Direkt und geradeaus, so war Estinien. Ein Mann, der einem seine Meinung offen ins Gesicht sagte. Er hatte sich nie einen Deut um Alphinauds Herkunft oder gesellschaftliche Stellung gekümmert. Vielleicht war er sogar der erste Erwachsene, der in ihm die Person sah, die er wirklich war. Alphinaud liebte ihn wie einen Bruder, das ging ihm später auf.

Mit dem Tagebuch in der Hand bereiste Alphinaud die Gegend in und um Ishgard, doch sehr lange an einem Ort konnte er niemals verweilen. Stets fiel irgendetwas vor, das ihn zur Weiterreise drängte. Auch einige Angriffe von Drachen wehrte er ab – sein jahrelanges Zaubertraining kam ihm dabei zugute.
Die Aussicht vom Gipfel des Sohm Al auf das Wolkenmeer hatte ihm Schauer über den Rücken gejagt, so überwältigend war sie. Auch bei Hraesvelgrs Anblick war er erschauert. Was für eine gewaltige Präsenz! Was für ein gewaltiger Drache! Bei der bloßen Erinnerung war ihm, als könnte er noch immer das Zittern in seinen Beinen spüren.
Hraesvelgr erzählte ihm die wahren Hintergründe über den Drachenkrieg, und danach überschlugen sich die Ereignisse. Der Kampf Estiniens und des Kriegers des Lichts gegen Nidhogg, die Erstürmung der Erzbasilika, Ysayles aufopfernde Tat ...

Als Alphinaud später jenen Ort in Azys Lla aufsuchte, entdeckte er einen Strauß Nymeia-Lilien. Estinien musste ihn niedergelegt haben. Ganz bestimmt.

Der Krieger des Lichts, Estinien, Ysayle und er selbst – ein seltsames Vierergespann fürwahr. Sie waren bei Weitem nicht immer einer Meinung gewesen, doch die Reise hatte sie zu wahren Freunden zusammengeschweißt.
Nun war sein Freund Estinien alleine unterwegs, mit nichts als Erinnerungen an Ysayle im Gepäck. Doch Alphinaud war sich sicher, dass sie sich wiedersehen würden. Estinien hatte sich schließlich nicht von ihm verabschiedet ...

Alphinaud leerte die Tasse, klappte sein Tagebuch zu und kroch ins Bett zurück. Er schloss die Augen, und da fiel es ihm auf einmal ein.
Der Name „Nymeia-Lilie“ ging auf die Sternengöttin Nymeia zurück. Die Sterne weisen dem Reisenden den Weg, daher galten Nymeia-Lilien als typische Trauerblumen. Mit einem Strauß Nymeia-Lilien wünschte man jemandem eine sichere letzte Reise.
Mit diesem Gedanken und mit einem Lächeln auf den Lippen schlief Alphinaud ein.
Ein Azur-Drachenreiter geht Früchte pflücken. Das darf ich in Ishgard keinem erzählen

Tatsächlich hatte Estinien etwas in der Art vor sich hingemurmelt. Die Erinnerung an jene Szene ließ Alphinaud laut herauslachen.

Er befand sich im Anwesen der Fortemps in einem Privatzimmer, das ihm der Graf zur Verfügung gestellt hatte. Der Drachenkrieg war zu Ende, und Estinien hatte Ishgard schon vor einigen Tagen verlassen. Es war bereits zu fortgeschrittener Stunde, doch Alphinaud, der den Gedanken an Schlaf aufgegeben hatte, saß an einem hölzernen Schreibtisch und dachte an jenen Tag, an dem er aus Eitelkeit und Stolz alles verloren hatte. Er öffnete sein Tagebuch. Haurchefant hatte ihn auf den Gedanken gebracht, eines zu führen. Seine Worte damals in Camp Drachenkopf hatten Alphinaud tief aufgewühlt, und er hatte auf einmal den Drang verspürt, seine Gedanken niederzuschreiben.

So denn, werter Alphinaud, seid Ihr wirklich gewillt, als gebrochene Klinge zu enden? Gibt es keine Flamme, die Euch von Neuem zu schmieden vermag?

Im Verlaufe der Ereignisse des Drachenkrieges, nach der Flucht aus Ul'dah und der Ankunft in Ishgard, hatte Alphinaud begonnen, eine leise Veränderung in sich wahrzunehmen. Wenn er sich heute an sein Gespräch mit Haurchefant im Sonnenschnee und an sein früheres Selbst erinnerte, fühlte er nur noch Scham. Damals hatte er sich damit begnügt, Probleme oberflächlich anzugehen.

Haurchefant hatte die Kriegerin des Lichts eine Freundin geheißen, und die Freundschaft beruhte wohl auf Gegenseitigkeit, daran hegte Alphinaud keinen Zweifel. Doch Haurchefant hatte nicht nur seiner Freundin geholfen, sondern auch ihm, Alphinaud, der ihn begleitet hatte. Er hatte ihn mit derselben Freundlichkeit und Herzlichkeit willkommen geheißen wie die Kriegerin des Lichts. Erst jetzt erkannte Alphinaud, wie gut ihm Haurchefants Freundschaft getan hatte. Jetzt, da es zu spät war, ihm seine Dankbarkeit zu offenbaren. Doch vor einigen Tagen war er auf den Hügel geklettert, von dem aus man die Stadt Ishgard überblicken konnte, und hatte vor Haurchefants Grab zu seinem Freund gesprochen.
Alphinaud blätterte weiter in seinem Tagebuch. Die Kriegerin des Lichts, Estinien, Ysayle und er selbst – was für ein seltsames Vierergespann. Doch die Erlebnisse auf diesen Reisen zu viert hatten Alphinaud tiefgreifend verändert.

Du hast leicht reden, Kleiner. Schließlich kannst du dich entspannt zurücklehnen, während die Kriegerin des Lichts die Drecksarbeit übernimmt. Oder hattest du vor, dem Primae selbst gegenüberzutreten? Dann hab ich nichts gesagt.

Estinien hatte ihm diese Worte in der Gnath-Kolonie an den Kopf geworfen. Sie hatten ihm seine eigene Arroganz vor Augen geführt, die er bereits überwunden geglaubt hatte. Sah man von seinem Großvater Louisoix und seiner Schwester Alisaie ab, gab es außer Estinien keinen, der so unverblümt zu ihm sprach. Doch Alisaies Tadel war jeweils an ihm abgeprallt, und ihm dämmerte allmählich, weshalb dies so war. Im Grunde seines Herzens hatte er stets ein wenig auf seine Schwester herabgesehen. Dabei war er es, der Verachtung verdiente. Er, der sich nach dem Kristallstreiter-Vorfall geschworen hatte, eine aktivere Rolle einzunehmen, und der sein Versprechen, kaum ausgesprochen, schon wieder vergessen hatte.
Nie hatte er sich der Freundschaft der Kriegerin des Lichts unwürdiger gefühlt als in jenem Augenblick in der Gnath-Kolonie.

Alphinauds Waffen waren sein scharfer Verstand und seine schneidigen Worte. Doch seine Worte erhielten nur durch seine Abstammung von Louisoix Gewicht. Ohne diese Blutsverbindung waren sie kraftlos und ohne Einfluss. Ob Louisoix Leveilleurs Enkel etwas sagte oder ein Knabe namens Alphinaud, verlieh den Worten eine grundsätzlich unterschiedliche Bedeutung.
Den Worten Taten folgen lassen – das war wichtig. Er musste selbst zur Tat schreiten und beweisen, dass er das Vertrauen seiner Freunde auch wirklich verdiente. Wenn er es bei bloßen Worten beließ, waren diese nichts als eine Aufeinanderfolge von Lauten. Dankesworte kamen ihm leicht über die Lippen, doch wenn sie nicht von Herzen kamen, blieben sie lieber unausgesprochen.

An jenem Tag waren die Kriegerin des Lichts und Ysayle aufgebrochen, um Ravana zu unterwerfen, und Alphinaud war mit Estinien in der Gnath-Kolonie zurückgeblieben. Die Zeit bis zu ihrer Rückkehr kam ihm unendlich lange vor. Er hatte die Kriegerin des Lichts für unverwundbar gehalten und realisierte nun, dass sie es vielleicht nicht war. Estiniens Worte lasteten schwer auf ihm. Er schämte sich, und weil er es nicht mehr aushielt, nur untätig herumzusitzen, beschloss er, einige Zauber zu üben. Natürlich war dies nicht seine erste Übungsstunde in Magie, doch bisher hatte er nicht wirklich für den Ernstfall trainiert. Er hatte die praktischen Übungen als Teil seines Magiestudiums verstanden. Außerdem hatte Ysayle ihn dazu ermuntert.

Ich bin mir sicher, dass Alphinaud ein gewandter Magier werden kann. Er muss seine Zauber nur mal ein wenig im Kampf einsetzen.

Ysayles Worte, die an die Kriegerin des Lichts gerichtet waren, verliehen Alphinaud Mut. Er war auf dem richtigen Weg. Es würde vielleicht noch eine Weile dauern, doch eines Tages würde er ein richtiger Magier sein, der von seinen Kameraden anerkannt wird.

Alphinaud blätterte weiter und hielt erneut inne.
Die Wallenden Nebel. Ein Eintrag über den letzten Tag im Lager vor dem Kreidetempel. Noch nie hatte er etwas gegessen, das ihm besser geschmeckt hatte als Ysayles warmer Eintopf. Das Feuerholz hatte er gesammelt. Holzsuchen war eines der Dinge, die er auf seinen Reisen gelernt hatte. Alphinaud dachte an seine Begegnungen mit den Mogrys, die das Wolkenmeer bevölkerten. Selbst Estinien hatten sie zuweilen überrumpelt und ihn mit ihren Streichen an die Grenzen seiner Geduld gebracht. Auch an die Zusammenkünfte mit den Drachen erinnerte sich Alphinaud lebhaft. Und in allen Erinnerungen tauchte die Kriegerin des Lichts auf, die ihn stets beschützt hatte. Die Reise ins Wolkenmeer hatte Alphinaud bewusst gemacht, wie machtlos er war, wie wenig er wusste. Später meinten zwar auch Ysayle und Estinien, sie hätten sich ähnlich unwissend gefühlt, doch zwischen ihnen und ihm bestand ein großer Unterschied. Während das Wissen um seine Unwissenheit bei Alphinaud ein Gefühl der Hilflosigkeit auslöste, spornte es Ysayle und Estinien an, sich erst recht anzustrengen. Sie besaßen im Unterschied zu ihm den Willen und die Kraft, mit dem Wissen, das ihnen zur Verfügung stand, etwas zu bewirken. Er musste diese Kraft zum Handeln ebenfalls entwickeln, auch um Ysayles willen, die nicht mehr handeln konnte.

Ein Klopfen, gefolgt von einer leisen Stimme, riss Alphinaud aus seinen Gedanken.

„Seid Ihr noch auf, Alphinaud?“

Vor lauter Schreck ließ Alphinaud das Tagebuch zuklappen.

„Ja, bitte. Tretet ein.“

Die Tür ging auf, und das Gesicht des alten Grafen Edmont Fortemps erschien. In der Hand hielt er eine Lampe.

„Ich konnte nicht schlafen und wollte mir gerade eine Tasse Tee bereiten, als ich sah, dass in Eurem Zimmer noch Licht brennt. Ich dachte, Ihr seid vielleicht über Eurer Lektüre eingenickt und benötigt eine Decke. Die Nächte sind kalt hier.“

„Danke, das ist äußerst rücksichtsvoll von Euch.“

Als der Graf erfuhr, dass auch Alphinaud keinen Schlaf finden konnte, kehrte er in sein Zimmer zurück, um eine Decke zu holen. Ohne Alphinauds Protesten Beachtung zu schenken, legte er ihm die Decke auf die Knie und schenkte ihm eine Tasse heißen Kräutertee ein. Gefragt nach der Teesorte, erwiderte der Graf, der Tee bestehe aus den abgekochten Wurzeln der Nymeia-Lilie, die er in seinem Garten ziehe. Alphinaud war überrascht, denn er glaubte gehört zu haben, dass der Anbau von Nymeia-Lilien ziemlich schwierig war. Diese Seite am Grafen war ihm neu. Er dankte ihm noch einmal, doch Graf Edmont blickte ihn nur traurig an.

„Ich nehme an, Ihr zieht bald weiter?“

Alphinaud rang nach Worten, doch bevor er antworten konnte, fuhr der Graf lächelnd fort:

„Ich wünschte, Ihr könntet in diesem Moment Euer Gesicht sehen, Alphinaud.“

Dann ging er aus dem Zimmer, indem er die Tür hinter sich zuzog.
Alphinaud nahm einen Schluck vom Wurzeltee. Die Wurzeln der Nymeia-Lilie waren höchst bitter, doch der Graf hatte den Tee ausreichend mit Honig gesüßt. Für seine warmherzige Bewirtung war ihm Alphinaud von Herzen dankbar. Plötzlich blitzte ein Gedanke in ihm auf. Nymeia-Lilien ... bedeuteten sie nicht etwas? Wofür standen sie noch mal?

Alphinaud kehrte zum Schreibtisch zurück und öffnete erneut sein Tagebuch.
Die Friedensfeier in Falkenhorst. Sie sollte den Anfang einer neuen Epoche des Friedens zwischen Drachen und Ishgardern markieren. Doch das plötzliche Auftauchen Estiniens, der unter Nidhoggs Einfluss stand, hatte alles zerstört. Die Feier musste abgebrochen werden. Und dabei hatte alles so gut ausgesehen. Die Wogen im Volk nach Bekanntwerdung der wahren Hintergründe des Drachenkrieges hatten sich geglättet, und die Leute hatten begonnen, wieder nach vorne zu blicken, statt in der Vergangenheit zu leben.
Nie würde Alphinaud den Anblick von Estiniens blutgetränkter Rüstung vergessen. Tief eingesunken im Metall steckten Nidhoggs Augen, als ob sie sich durch die Rüstung durchfressen wollten. Selbst wenn Estinien ein Freund war, hatte Aymeric recht getan, den Pfeil auf ihn zu richten. Um das Volk zu schützen. Doch Alphinaud verspürte in jenem Augenblick nur den brennenden Wunsch, seinem Freund zu helfen. Als er dies später der Kriegerin des Lichts im Sonnenschnee gestand, meinte diese lächelnd, auch sie hege den gleichen Wunsch.
Alphinaud dachte an die Kriegerin des Lichts und dass es gut gewesen war, dass er außer ihr niemandem sonst von der mächtigen Ätheraura erzählt hatte, die er durch sich hindurchströmen fühlte, als er Nidhoggs Auge anfasste. Das sollte ein Geheimnis zwischen ihnen beiden bleiben.

Nun ist alles zu Ende. Aber ich fühle keine Freude ... Mein Herz bleibt schwer.

Nach der Feier zu Aymerics Inauguration hatte Estinien diese Worte gemurmelt, bevor er aus dem Krankenzimmer verschwand – und aus Ishgard. Die blutrote Rüstung ließ er im Raum zurück. Ein solcher Abgang sah ihm ähnlich. Direkt und geradeaus, so war Estinien. Ein Mann, der einem seine Meinung offen ins Gesicht sagte. Er hatte sich nie einen Deut um Alphinauds Herkunft oder gesellschaftliche Stellung gekümmert. Vielleicht war er sogar der erste Erwachsene, der in ihm die Person sah, die er wirklich war. Alphinaud liebte ihn wie einen Bruder, das ging ihm später auf.

Mit dem Tagebuch in der Hand bereiste Alphinaud die Gegend in und um Ishgard, doch sehr lange an einem Ort konnte er niemals verweilen. Stets fiel irgendetwas vor, das ihn zur Weiterreise drängte. Auch einige Angriffe von Drachen wehrte er ab – sein jahrelanges Zaubertraining kam ihm dabei zugute.
Die Aussicht vom Gipfel des Sohm Al auf das Wolkenmeer hatte ihm Schauer über den Rücken gejagt, so überwältigend war sie. Auch bei Hraesvelgrs Anblick war er erschauert. Was für eine gewaltige Präsenz! Was für ein gewaltiger Drache! Bei der bloßen Erinnerung war ihm, als könnte er noch immer das Zittern in seinen Beinen spüren.
Hraesvelgr erzählte ihm die wahren Hintergründe über den Drachenkrieg, und danach überschlugen sich die Ereignisse. Der Kampf Estiniens und der Kriegerin des Lichts gegen Nidhogg, die Stürmung der Erzbasilika, Ysayles aufopfernde Tat ...

Als Alphinaud später jenen Ort in Azys Lla aufsuchte, entdeckte er einen Strauß Nymeia-Lilien. Estinien musste ihn niedergelegt haben. Ganz bestimmt.

Die Kriegerin des Lichts, Estinien, Ysayle und er selbst – ein seltsames Vierergespann fürwahr. Sie waren bei Weitem nicht immer einer Meinung gewesen, doch die Reise hatte sie zu wahren Freunden zusammengeschweißt.
Nun war sein Freund Estinien alleine unterwegs, mit nichts als Erinnerungen an Ysayle im Gepäck. Doch Alphinaud war sich sicher, dass sie sich wiedersehen würden. Estinien hatte sich schließlich nicht von ihm verabschiedet ...

Alphinaud leerte die Tasse, klappte sein Tagebuch zu und kroch ins Bett zurück. Er schloss die Augen, und da fiel es ihm auf einmal ein.
Der Name „Nymeia-Lilie“ ging auf die Sternengöttin Nymeia zurück. Die Sterne weisen dem Reisenden den Weg, daher galten Nymeia-Lilien als typische Trauerblumen. Mit einem Strauß Nymeia-Lilien wünschte man jemandem eine sichere letzte Reise.
Mit diesem Gedanken und mit einem Lächeln auf den Lippen schlief Alphinaud ein.

Die Lehren des Lebens


Alisaie war stolz auf ihren Großvater, den großen sharlayaner Gelehrten Louisoix, der bei der Siebten Katastrophe sein Leben für Eorzea gab. Und sie war stolz darauf, aus dem Hause Leveilleur zu stammen – eine traditionsreiche Familie, die im Laufe der Geschichte viele berühmte Köpfe hervorgebracht hat.
Auch der jüngste Spross war keineswegs aus der Art geschlagen. In der Studienzeit lernte Alisaie fleißig und erzielte gute Leistungen, stets in spielerischem Wettstreit mit ihrem talentierten Bruder, dem sie in nichts nachstehen wollte. Das verlieh ihr eine gewisse Scharfzüngigkeit, mit der die junge Frau Leveilleur viele Leute vor den Kopf stieß, doch kaum einer konnte es ihr wirklich übelnehmen, am wenigsten Louisoix, der sich um die Etikette wenig scherte und selbst nicht gerade auf den Mund gefallen war.

Nun reiste Alisaie also durch Eorzea, ganz allein, ohne ihren Bruder oder andere Begleiter, frei und selbstbestimmt. Sie wollte die Welt, die ihr Großvater gerettet hatte, mit eigenen Augen sehen.
So kam sie nach Thanalan, wo ihre Schritte unter der heißen Mittagssonne schwer wurden. Ihr blieb nichts anderes übrig, als in einer schäbigen Schenke am Wegesrand Schutz vor der sengenden Hitze zu suchen. Kaum war die erschöpfte Wanderin durch die Holztür eingetreten, ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die kühlen Schatten, hörte sie eine raue Stimme: „Pass auf, Mädchen, gleich stopf ich dir dein vorlautes Maul!“
Mit zusammengekniffenen Augen blickte Alisaie vorsichtig in den düsteren Raum. Dort stand ein einfach gekleidetes, zartes Mädchen vor einem kräftigen, derben Mann, dem offensichtlich nicht passte, was sie ihm gerade gesagt hatte. Das Mädchen ließ sich von seinem Gebrüll nicht einschüchtern und erwiderte mutig seinen wütenden Blick, was ihn nur noch zorniger machte. Der Hüne war drauf und dran, seinen plumpen Worten mit der Faust Nachdruck zu verleihen. Alisaie holte tief Luft und straffte ihre Muskeln. Einerseits hatte sie die Nase gestrichen voll von diesen Barbaren und ihren kleingeistigen Streitereien, doch andererseits dachte sie daran, wie sich ihr Großvater in solch einer Situation verhalten hätte.

„Sag, geht es dir noch ganz gut oder ist dir die Hitze zu Kopf gestiegen? Ich könnte dir eine Abkühlung verpassen.“

Ihre ebenso feste wie kühle Stimme erregte abrupt die Aufmerksamkeit der beiden Kontrahenten. Und so begegneten sich zum ersten Mal die Blicke von Alisaie und Emery.

Emery gehörte zu einer Handelskarawane und war mit dem Grobian aneinandergeraten, als er sie übers Ohr hauen wollte. Die Abenteurer, die sie bisher beschützt hatten, waren kürzlich zu neuen Abenteuern aufgebrochen, deshalb kam die Fremde gerade recht. Die junge Händlerin war von dem mutigen Auftritt so beeindruckt, dass sie Alisaie kurzerhand als neue Wache anstellte.
Die Händler zogen von Dorf zu Dorf übers Land, das sie wie ihre Westentasche kannten. Ihr Lebensstil faszinierte das Mädchen aus Sharlayan. Die Bräuche, Geschichten, Kleidung und Ausrüstung, alles war neu für sie. Amüsiert lächelnd gab Emery Auskunft, denn das brennende Interesse ihrer neuen Freundin war ihr nicht entgangen – sehr zum Unmut von Alisaie, die sich durchschaut fühlte.

Nach einigen Tagen erreichte die Karawane ein Dorf am Fuße eines Berges in Dornsee. Auch wenn es mit Ul’dah nicht zu vergleichen war, bot das geschäftige Treiben einen willkommenen Anblick. Die Reise durch die Wildnis war weitgehend ereignislos verlaufen und Alisaies Aufgabe als Wache hatte hauptsächlich darin bestanden, ab und zu einige Bergziegen vom Weg zu verscheuchen. Trotzdem entfuhr ihr ein erleichtertes Seufzen, als alle Kutschen sicher in der Scheune verstaut waren.

Argwöhnisch beäugte Alisaie die vielen Menschen, die herbeieilten, um den Händlern beim Ausladen ihrer Waren zuzusehen. Da kam Emery zu ihr.

„Heute bekommen wir viel zu tun. Alisaie, bitte hilf uns beim Verkaufen!“

„Ich? A-Aber ich kenne mich damit doch gar nicht aus.“

Ohne ihren Einwand zu beachten, nahm Emery Alisaie bei der Hand und führte sie zum Marktplatz, wo die Händler bereits ihre Waren ausluden und aufstellten. In freudiger Erwartung versammelten sich die Dorfbewohner und nahmen all die Kostbarkeiten in Augenschein.
Alisaie zögerte. So viele Leute! Ihr Bruder hätte es genossen, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch sie selbst blieb lieber im Hintergrund. Vorsichtig zog sie sich zurück, doch Emery legte ihr freundlich, aber bestimmt die Hand auf die Schulter.

„Nur keine Sorge! Hast du dir die Preise gemerkt, die ich dir genannt habe? Viel mehr brauchst du nicht zu wissen. Das wird schon!“

„Das sagst du so einfach, Emery! I-Ich ...“

Wieder verhallten ihre Bedenken unbeachtet. Eine Frau mittleren Alters zeigte auf einen Stoffballen und fragte ganz unbedarft: „Wie viel kostet der Yalm?“ und schon war sie in ihren ersten Handel verstrickt. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Emery versuchte, sich ein verschmitztes Lächeln zu verkneifen. Nervös fügte sich die Gelehrte in ihre neue Rolle als Händlerin und fand erst zaghaft, dann zunehmend Gefallen daran.
Für die Händler war der Tag ein voller Erfolg. Das Geschäft lief prächtig und abends wurden sie von zufriedenen Dorfbewohnern in das nahe Gasthaus eingeladen. Erschöpft sank Alisaie auf eines der beiden Betten in einer schmalen Kammer und holte das Magiebuch hervor, das sie in Ul’dah erworben hatte. Seit ihrer Studienzeit hatte sie es sich zur Angewohnheit gemacht, jeden Abend zu lernen und sich Notizen dazu zu machen. Am nächsten Morgen stand sie früh auf, um das Gelernte zu wiederholen und in die Praxis umzusetzen.

An diesem Abend jedoch war sie von der ungewohnten Arbeit erschöpft und ihre Augenlider wurden schwer wie Blei. Als Emery hereinkam, die mit ihren Kollegen den Ablauf des nächsten Tages besprochen hatte, konnte Alisaie das Buch kaum noch in den Händen halten. Beinahe entglitt es ihren müden Fingern und sie griff hastig danach. Emery lächelte.
„Danke! Du hast uns heute sehr geholfen.“

„Klar, gerne, es hat mir Spaß gemacht.“

Emery setzte sich auf das leerstehende Bett und blickte wohlwollend zu Alisaie.

„Du lernst wirklich jeden Tag? Das stell ich mir ganz schön anstrengend vor. Tust du das, um deinen Bruder zu übertreffen?“

„Zuerst war das der Grund, ja, aber mein Großvater hat mich darin bestärkt, und so wurde es mir zur Gewohnheit.“

„Ah, der große Louisoix? Das kann ich mir bildlich vorstellen. Aber Alisaie, nach einem Tag harter Arbeit muss man auch genügend schlafen.“

Mit diesen Worten stand Emery auf, nahm das Buch aus Alisaies Hand, legte ein Lesezeichen zwischen die geöffneten Seiten und klappte das Buch zu. „He, Moment ...!“, protestierte die eifrige Gelehrte, doch ihre Freundin ließ sich nicht beirren, legte das Buch zur Seite und streckte sich gähnend.

„Alisaie, lass gut sein, morgen ist auch noch ein Tag. Heute haben wir hart gearbeitet. Du hast deine erste Erfahrung als Händlerin gemacht, da kannst du dir sicher erlauben, dein tägliches Lernpensum etwas zu verkürzen. Nald’thal wird es dir gönnen und auch dein Großvater hätte bestimmt nichts dagegen einzuwenden.“

Alisaie hielt inne. Ihr erster Impuls war, Emerys Worte als Ausrede abzulehnen, doch sie taten ihr gut. Auf einmal vermisste sie ihren Großvater ganz schrecklich. Emery streckte ihre Hand aus, um das Licht der Lampe zu löschen, und sagte mit einem strahlenden Lächeln: „Gute Nacht, Alisaie.“

Das war der letzte Abend, den die beiden Freundinnen zusammen verbrachten.
Alisaie wachte vom Licht auf, das ihr ins Gesicht schien.
Sie richtete sich auf, sah sich verschlafen um und erkannte das Gästezimmer in Gridania. Es war früh am Morgen und ... sie hatte wohl geträumt.
Ihre Reise mit Emery war vor langer Zeit. Sie würde ihre Freundin nie wieder sehen ... nirgends. Nur die schmerzvollen Erinnerungen würden sie immer begleiten.
Als damals die Karawane ihren Weg durch Thanalan fortsetzte, öffnete der Himmel seine Schleusen und es regnete so stark wie sonst nur selten in Thanalan. Die Kutschen kämpften sich über den aufgeweichten Boden und die Abstände zwischen ihnen vergrößerten sich. An einem steilen Abhang gerieten Sand und Geröll ins Rutschen und begruben in Sekundenschnelle den hinteren Teil der Karawane unter sich. Auch Emerys Kutsche wurde von kaltem Schlamm verschluckt.
Alisaie war als Kundschafterin vorausgeritten und blieb zum Glück verschont. Sie begleitete die Überlebenden noch bis zum nächsten Ort und trennte sich dort von ihnen. Sie erlaubte sich keine Gefühle und sah sich erst um, als sie weit weg war. Beim Anblick der kleinen Punkte am Horizont krampfte sich ihr Herz zusammen und bittere Tränen liefen über ihre Wangen.

Seitdem reiste sie wieder allein durch Eorzea. Manchmal kreuzten interessante Gestalten ihren Weg und trennten sich wieder von ihr. Nicht immer fiel ihr der Abschied leicht, doch sie war dankbar für jede Erfahrung, die ihr das Leben bot. Eines Tages hörte sie Gerüchte über Helden, die nicht zum Bund der Morgenröte gehörten und auf eigene Faust Jagd auf Primae machten. Eine interessante Spur, der sie nachgehen wollte. Womöglich würde sie das wieder in die Nähe ihres Bruders führen.

Frohen Mutes stand Alisaie auf, öffnete das Fenster und betrachtete den Morgenhimmel. Sie war bereit für alles, was das Leben ihr an diesem Tag zu bieten hatte. Entschlossenheit blitzte in ihren Augen.

Neue Wege


Präsenz zeigen, ohne aufdringlich zu wirken. Wünsche vorwegnehmen, aber nicht unterstellen. Den Kopf geneigt und mit lauschenden Ohren schritt er auf leisen Sohlen voran, um seinen Dienst zu erfüllen. So wie er es schon seit fast fünf Jahren getan hatte. Bei seinen Kameraden war er äußerst beliebt, doch für die Adeligen war er lediglich ein weiteres namenloses Gesicht unter den mehr als hundert Männern und Frauen, die unermüdlich für das Haus Fortemps arbeiteten. Aber auch dein Tag wird kommen, schließlich durchleben wir turbulente Zeiten!

Das Ende des Drachenkriegs markierte lediglich einen neuen Anfang. Im Herrenhaus gab sich seitdem eine schier endlose Flut angesehener Persönlichkeiten die Klinke in die Hand, um dem alten Grafen Respekt zu zollen und um die Gunst des neuen zu ringen. Die neu gewählten Vertreter des Unterhauses schienen weniger daran interessiert, sich politischen Ränkespielen hinzugeben, als vielmehr erstmal deren Regeln zu erlernen. Arme Kerle.
Als er um die Ecke des Korridors im Herrenhaus bog, lief er dem Diener des Hauses in die Arme.

Der alte Fuchs grinste. „Ah, da bist du ja. Begleite mich doch bitte ein Stück. Es gibt da eine delikate Angelegenheit, die ich niemandem außer dir anvertrauen möchte.“
„S-Selbstverständlich, Herr Firmien!“
Leicht benommen lauschte er den Worten des Dieners über gewisse rechtliche Dokumente, die die Besitzansprüche des Hauses Fortemps an Camp Drachenkopf zementieren sollten. Anscheinend benötigte der Graf diese für ein anstehendes Treffen des Oberhauses. Der Diener machte an einem Fenster Halt, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und blickte in die Mittagssonne. „Wenn du sofort aufbrichst, solltest du bei Einbruch der Nacht dort ankommen. Und um Missverständnissen vorzubeugen, lass mich dir eines klipp und klar sagen: Kehre nicht ohne diese Dokumente hierher zurück. Verstanden?“

Der Sekretär schluckte und nickte, als ihm plötzlich eine Gestalt im Hof ins Auge fiel. Selbst auf diese Entfernung bestand kein Zweifel daran, um wen es sich bei dem Mann handelte. Der Abenteurer, der den Drachenkrieg beendet hat.
„Herr Firmien, ist das nicht der Krieger des Lichts? Ich dachte, er würde für eine Weile Gast in diesem Hause sein.“
„Meines Wissens hat ihn eine Unterredung mit einem deiner Kollegen dazu inspiriert, sich auf eine Erinnerungsreise zu begeben. Lass uns beten, dass ihr beide schon bald wohlbehalten in dieses Anwesen zurückkehren werdet.“
Der Himmel im Westen leuchtete bereits purpurrot, als der Sekretär in die große Halle von Camp Drachenkopf geführt wurde. Die vornehmen und zuvorkommenden Ritter hörten ihm aufmerksam zu, während er seine Mission erklärte, und gewährten ihm schließlich freie Hand bei der Suche nach den Dokumenten in der Festung.
Schon bald jedoch musste der Sekretär feststellen, dass seine Aufgabe alles andere als leicht werden würde. Haurchefant, der letzte Kommandant der Garnison, schien auf dem Kriegsfuß mit Papierkram gestanden zu haben, und es ließ sich keinerlei System in den wüst über seinen Schreibtisch verteilten Berichten, Arbeitsplänen und Rechnungen erkennen. Auch die jüngeren Knappen waren keine große Hilfe, da sie nicht die leiseste Ahnung hatten, wo ihr Herr solch wertvolle Dokumente aufbewahrt haben könnte.
Er stieß einen Seufzer aus und bat darum, ihm Pergament und Tinte zu bringen, um die Verzögerung der Angelegenheit zu melden. Dein Tag wird schon noch kommen. Warte es nur ab ...

Aus Respekt hatte es der Sekretär in der ersten Nacht unterlassen, die privaten Gemächer von Haurchefant zu durchsuchen, doch am nächsten Morgen bat er darum, diese für ihn zu öffnen. Leider ließ sich auch dort nichts finden.
Und so war der Sekretär dazu verdammt, seine Tage bis auf Weiteres in Camp Drachenkopf zu verbringen und jeden Winkel der Festung zu durchleuchten, in dem die Dokumente einst hätten abgelegt worden sein können.
Nach einer weiteren schlaflosen Nacht machte sich der Sekretär im Morgengrauen einmal mehr mit einer Öllampe in der zittrigen Hand auf den Weg in die privaten Gemächer Haurchefants. Seine Augen richteten sich wieder auf dessen Schreibtisch.
Und diesmal entdeckte er den doppelten Boden in der Schublade.

„Halone sei Dank“, flüsterte er vor sich hin, während er die Papiere ergriff.
Es waren zweifelsohne die gesuchten Dokumente, mit Haurchefants Siegel versehen. Als er die Dokumente durchsah, rutschte ihm ein Umschlag durch die Finger und fiel zu Boden. Er kniete nieder und sah, dass dieser weder beschriftet noch mit einem Siegel versehen war. Verwundert legte er die übrigen Schriftstücke auf den Schreibtisch, hob den Umschlag auf und brachte das darin enthaltene Pergament zum Vorschein.
Meine Güte ...
Mein lieber Freund,

ich hoffe, dieses Schreiben erreicht dich bei guter Gesundheit und bester Laune.
Es ist bereits einige Tage her, dass du mit Herrn Alphinaud gen Westen aufgebrochen bist, nachdem ihr von dem bevorstehenden Angriff der Drachen erfahren hattet. Natürlich habe ich keine Ahnung, wann dich dieser Brief erreichen wird. Vielleicht sind diese bewegten Zeiten bis dahin schon nur noch eine ferne Erinnerung.
Mir ist bewusst, dass derzeit Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit deine Aufmerksamkeit erfordern. Doch als ich neulich in den Himmel blickte und für deine sichere Rückkehr betete, fühlte ich die Notwendigkeit, die Feder aufs Pergament zu setzen. Vergib mir diesen Moment der Schwäche.

Also dann. Wo soll ich nur anfangen ... Hast du deine Zeit in Ishgard genossen? Zugegeben, du bist nicht gerade unter den besten Umständen hierher gekommen und fandest dich schon kurz darauf in einen Kampf verwickelt, der nicht deiner war. Ich kann mir vorstellen, dass das für dich nichts Ungewöhnliches ist, aber dennoch ... Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, dass du im Zweifel stets bis zum bitteren Ende kämpfen würdest ...

Nichtsdestotrotz erfüllte deine Ankunft in unserer schönen Stadt mein Herz mit großer Freude. Dass ich so viele Gelegenheiten haben würde, hautnah Zeuge deiner tapferen, heldenhaften Taten zu werden, war einfach nur ... Nun, lass mich einfach sagen, dass ich ungemein dankbar dafür bin. Und allein der Gedanke, an der Seite eines treuen Freundes kämpfen zu können, zaubert mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht!

Ach ja, das wollte ich auch noch erwähnen ... Ich hoffe, meine etwas uninspirierte Namenstaufe des „Sonnenschnees“ war nicht allzu sonderbar. Es war ein ziemlich schwacher Versuch, eure Stimmung zu heben. Als ihr uns in eurer Stunde der Not aufgesucht habt und ich sah, wie niedergeschlagen Herr Alphinaud war, wusste ich sofort, dass ich alles in meiner Macht stehende unternehmen musste, um euch dabei zu helfen, das strahlende Licht der Morgenröte zu bewahren. Aus diesem Grund war ich fest entschlossen, meinen Vater um Hilfe für euch zu ersuchen.
Das war ehrlich gesagt gar nicht so leicht für mich.
Mein Vater ist ein ehrenwerter Mann, aufrichtig und gütig. Zweifellos hat sich meine Mutter deshalb in ihn verliebt. Vielleicht dachte sie daher auch, dass es das Beste wäre, die Dienste der Familie zu verlassen, damit sein Ruf nicht weiter beschädigt werden würde. Auch wenn sie sich schließlich dazu entschloss, mich in seine Obhut zu geben ...
Er hat sie geliebt, dessen bin ich mir sicher. Und er liebt mich, genau wie ich ihn, auch wenn wir über solch heikle Themen nur selten sprechen. Überhaupt sind unsere Gespräche in der Regel recht kurz und beschränkten sich auf Angelegenheiten, die meinen Dienst als Ritter der Fortemps betrafen.

Leider war mein Vater zunächst ziemlich standhaft in seiner ablehnenden Haltung euch gegenüber. Er hatte in der Vergangenheit zwar stets die gemeinsamen Bemühungen von Geisterzoll und dem Bund der Morgenröte unterstützt, doch gesuchten Flüchtlingen Unterschlupf zu gewähren, war eine ernste Angelegenheit. Ich beharrte aber darauf, was meinen Vater zu der Frage veranlasste, warum ich mich so inbrünstig für euch einsetzen würde.
Und so erzählte ich ihm von dem Mann, der so unerwartet in mein Leben getreten war. Ein strahlender Ausbund an Tugend, dessen bloße Gegenwart andere dazu trieb, über sich selbst hinauszuwachsen. Ich erzählte ihm, dass dieser Mann, dieser Freund, ein Held war - ganz gleich was all die Lügen und Verleumdungen behaupteten -, und dass ich als sein Freund verpflichtet wäre, ihm zu helfen.
Wenn ich so daran zurückdenke, war das vermutlich unsere längste Unterredung seit vielen Jahren. Danach starrte er mich einfach nur stumm an und sagte schließlich, dass er mir am nächsten Morgen eine Antwort geben würde. Und tatsächlich erfuhr ich im Morgengrauen, dass ihr offiziell als Schutzbefohlene im Haus Fortemps aufgenommen werden würdet.

Den Rest kennst du ja.
Dank dir habe ich meine Besuche im Herrenhaus immer sehr genossen. Natürlich warst du wegen all der schweren Aufgaben, die du übernommen hast, kaum dort zugegen. Ich machte mir auch Vorwürfe, dich in unsere Konflikte hineingezogen zu haben. Und auch wenn du ein eher ruhiges Naturell besitzt, so denke ich doch, dass du bei passender Gelegenheit so einige spannende Geschichten zu erzählen hättest. Ich würde mich freuen, wenn du mir eines Tages bei einem guten Glas Wein alles genau schildern könntest.

Mein teuerster Freund, dem ich ohne Zögern und ohne Zweifel vertraue ...
Was immer auch kommen mag, ich weiß, du wirst niemals aufgeben.
Am Ende wirst du triumphieren, auf dieser Reise und auf der nächsten und übernächsten.

Und wenn du einmal mehr dein Bestes gibst und merkst, es ist nicht genug ...
Dann werden wir da sein.
Das verspreche ich. Das schwöre ich.
Auch auf die dunkelste Nacht folgt stets eine neue Morgenröte. Ich hoffe, du begrüßt sie mit einem Lächeln und beschreitest mutig neue Wege.

Dein Freund,
Haurchefant
Der frische Schnee knirschte unter den Füßen des Sekretärs, als dieser sich am nächsten Tag auf den Weg zur Stätte der Vorsehung machte.
Seine Augen waren vom Schlafmangel trübe, doch als er davon hörte, dass der Krieger des Lichts vor weniger als einer Glocke das Camp passiert und Richtung Norden weitergewandert war, änderte er sofort seine Route und eilte ihm nach. Er wusste, wohin ihn seine Erinnerungsreise führte ... Obwohl der Schnee ihm das Vorankommen erschwerte, schritt er eifrig und pflichtbewusst voran, den Umschlag fest an seine Brust gedrückt.
Als er den Hügel erklommen hatte, hielt er kurz inne, da er eine Gestalt direkt hinter den Hinkelsteinen erblickte. Er zog den nie abgeschickten Brief unter seinem Mantel hervor, ging auf die Gestalt zu und öffnete seinen Mund, um ihr zuzurufen, doch er brachte kein einziges Wort heraus.
Der Krieger des Lichts kniete regungslos vor Haurchefants Grab nieder. Aus der Entfernung konnte er so gerade eben sein Gesicht sehen, das einer Maske glich, die keinerlei Emotionen zu erkennen gab. Doch plötzlich erhob er sich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Du weißt bereits, was Haurchefant fühlte, nicht wahr?
In diesem Moment ergriff der Nordwind Besitz von dem Brief, riss ihn aus der Hand des Sekretärs und blies ihn himmelwärts. Als er seinen Kopf nach oben richtete und dabei seine Augen mit der Hand vor dem grellen Licht schützte, sah er mit an, wie dieser höher und höher stieg, bis er schließlich in der fernen Sonne verschwand.
Präsenz zeigen, ohne aufdringlich zu wirken. Wünsche vorwegnehmen, aber nicht unterstellen. Den Kopf geneigt und mit lauschenden Ohren schritt er auf leisen Sohlen voran, um seinen Dienst zu erfüllen. So wie er es schon seit fast fünf Jahren getan hatte. Bei seinen Kameraden war er äußerst beliebt, doch für die Adeligen war er lediglich ein weiteres namenloses Gesicht unter den mehr als hundert Männern und Frauen, die unermüdlich für das Haus Fortemps arbeiteten. Aber auch dein Tag wird kommen, schließlich durchleben wir turbulente Zeiten!

Das Ende des Drachenkriegs markierte lediglich einen neuen Anfang. Im Herrenhaus gab sich seitdem eine schier endlose Flut angesehener Persönlichkeiten die Klinke in die Hand, um dem alten Grafen Respekt zu zollen und um die Gunst des neuen zu ringen. Die neu gewählten Vertreter des Unterhauses schienen weniger daran interessiert, sich politischen Ränkespielen hinzugeben, als vielmehr erstmal deren Regeln zu erlernen. Arme Kerle.
Als er um die Ecke des Korridors im Herrenhaus bog, lief er dem Diener des Hauses in die Arme.

Der alte Fuchs grinste. „Ah, da bist du ja. Begleite mich doch bitte ein Stück. Es gibt da eine delikate Angelegenheit, die ich niemandem außer dir anvertrauen möchte.“
„S-Selbstverständlich, Herr Firmien!“
Leicht benommen lauschte er den Worten des Dieners über gewisse rechtliche Dokumente, die die Besitzansprüche des Hauses Fortemps an Camp Drachenkopf zementieren sollten. Anscheinend benötigte der Graf diese für ein anstehendes Treffen des Oberhauses. Der Diener machte an einem Fenster Halt, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und blickte in die Mittagssonne. „Wenn du sofort aufbrichst, solltest du bei Einbruch der Nacht dort ankommen. Und um Missverständnissen vorzubeugen, lass mich dir eines klipp und klar sagen: Kehre nicht ohne diese Dokumente hierher zurück. Verstanden?“

Der Sekretär schluckte und nickte, als ihm plötzlich eine Gestalt im Hof ins Auge fiel. Selbst auf diese Entfernung bestand kein Zweifel daran, um wen es sich bei der Frau handelte. Die Abenteurerin, die den Drachenkrieg beendet hat.
„Herr Firmien, ist das nicht die Kriegerin des Lichts? Ich dachte, sie würde für eine Weile Gast in diesem Hause sein.“
„Meines Wissens hat sie eine Unterredung mit einem deiner Kollegen dazu inspiriert, sich auf eine Erinnerungsreise zu begeben. Lass uns beten, dass ihr beide schon bald wohlbehalten in dieses Anwesen zurückkehren werdet.“
Der Himmel im Westen leuchtete bereits purpurrot, als der Sekretär in die große Halle von Camp Drachenkopf geführt wurde. Die vornehmen und zuvorkommenden Ritter hörten ihm aufmerksam zu, während er seine Mission erklärte, und gewährten ihm schließlich freie Hand bei der Suche nach den Dokumenten in der Festung.
Schon bald jedoch musste der Sekretär feststellen, dass seine Aufgabe alles andere als leicht werden würde. Haurchefant, der letzte Kommandant der Garnison, schien auf dem Kriegsfuß mit Papierkram gestanden zu haben, und es ließ sich keinerlei System in den wüst über seinen Schreibtisch verteilten Berichten, Arbeitsplänen und Rechnungen erkennen. Auch die jüngeren Knappen waren keine große Hilfe, da sie nicht die leiseste Ahnung hatten, wo ihr Herr solch wertvolle Dokumente aufbewahrt haben könnte.
Er stieß einen Seufzer aus und bat darum, ihm Pergament und Tinte zu bringen, um die Verzögerung der Angelegenheit zu melden. Dein Tag wird schon noch kommen. Warte es nur ab ...

Aus Respekt hatte es der Sekretär in der ersten Nacht unterlassen, die privaten Gemächer von Haurchefant zu durchsuchen, doch am nächsten Morgen bat er darum, diese für ihn zu öffnen. Leider ließ sich auch dort nichts finden.
Und so war der Sekretär dazu verdammt, seine Tage bis auf Weiteres in Camp Drachenkopf zu verbringen und jeden Winkel der Festung zu durchleuchten, in dem die Dokumente einst hätten abgelegt worden sein können.
Nach einer weiteren schlaflosen Nacht machte sich der Sekretär im Morgengrauen einmal mehr mit einer Öllampe in der zittrigen Hand auf den Weg in die privaten Gemächer Haurchefants. Seine Augen richteten sich wieder auf dessen Schreibtisch.
Und diesmal entdeckte er den doppelten Boden in der Schublade.

„Halone sei Dank“, flüsterte er vor sich hin, während er die Papiere ergriff.
Es waren zweifelsohne die gesuchten Dokumente, mit Haurchefants Siegel versehen. Als er die Dokumente durchsah, rutschte ihm ein Umschlag durch die Finger und fiel zu Boden. Er kniete nieder und sah, dass dieser weder beschriftet noch mit einem Siegel versehen war. Verwundert legte er die übrigen Schriftstücke auf den Schreibtisch, hob den Umschlag auf und brachte das darin enthaltene Pergament zum Vorschein.
Meine Güte ...
Meine liebe Freundin,

ich hoffe, dieses Schreiben erreicht dich bei guter Gesundheit und bester Laune.
Es ist bereits einige Tage her, dass du mit Herrn Alphinaud gen Westen aufgebrochen bist, nachdem ihr von dem bevorstehenden Angriff der Drachen erfahren hattet. Natürlich habe ich keine Ahnung, wann dich dieser Brief erreichen wird. Vielleicht sind diese bewegten Zeiten bis dahin schon nur noch eine ferne Erinnerung.
Mir ist bewusst, dass derzeit Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit deine Aufmerksamkeit erfordern. Doch als ich neulich in den Himmel blickte und für deine sichere Rückkehr betete, fühlte ich die Notwendigkeit, die Feder aufs Pergament zu setzen. Vergib mir diesen Moment der Schwäche.

Also dann. Wo soll ich nur anfangen ... Hast du deine Zeit in Ishgard genossen? Zugegeben, du bist nicht gerade unter den besten Umständen hierher gekommen und fandest dich schon kurz darauf in einen Kampf verwickelt, der nicht deiner war. Ich kann mir vorstellen, dass das für dich nichts Ungewöhnliches ist, aber dennoch ... Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, dass du im Zweifel stets bis zum bitteren Ende kämpfen würdest ...

Nichtsdestotrotz erfüllte deine Ankunft in unserer schönen Stadt mein Herz mit großer Freude. Dass ich so viele Gelegenheiten haben würde, hautnah Zeuge deiner tapferen, heldenhaften Taten zu werden, war einfach nur ... Nun, lass mich einfach sagen, dass ich ungemein dankbar dafür bin. Und allein der Gedanke, an der Seite einer treuen Freundin kämpfen zu können, zaubert mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht!

Ach ja, das wollte ich auch noch erwähnen ... Ich hoffe, meine etwas uninspirierte Namenstaufe des „Sonnenschnees“ war nicht allzu sonderbar. Es war ein ziemlich schwacher Versuch, eure Stimmung zu heben. Als ihr uns in eurer Stunde der Not aufgesucht habt und ich sah, wie niedergeschlagen Herr Alphinaud war, wusste ich sofort, dass ich alles in meiner Macht stehende unternehmen musste, um euch dabei zu helfen, das strahlende Licht der Morgenröte zu bewahren. Aus diesem Grund war ich fest entschlossen, meinen Vater um Hilfe für euch zu ersuchen.
Das war ehrlich gesagt gar nicht so leicht für mich.
Mein Vater ist ein ehrenwerter Mann, aufrichtig und gütig. Zweifellos hat sich meine Mutter deshalb in ihn verliebt. Vielleicht dachte sie daher auch, dass es das Beste wäre, die Dienste der Familie zu verlassen, damit sein Ruf nicht weiter beschädigt werden würde. Auch wenn sie sich schließlich dazu entschloss, mich in seine Obhut zu geben ...
Er hat sie geliebt, dessen bin ich mir sicher. Und er liebt mich, genau wie ich ihn, auch wenn wir über solch heikle Themen nur selten sprechen. Überhaupt sind unsere Gespräche in der Regel recht kurz und beschränkten sich auf Angelegenheiten, die meinen Dienst als Ritter der Fortemps betrafen.

Leider war mein Vater zunächst ziemlich standhaft in seiner ablehnenden Haltung euch gegenüber. Er hatte in der Vergangenheit zwar stets die gemeinsamen Bemühungen von Geisterzoll und dem Bund der Morgenröte unterstützt, doch gesuchten Flüchtlingen Unterschlupf zu gewähren, war eine ernste Angelegenheit. Ich beharrte aber darauf, was meinen Vater zu der Frage veranlasste, warum ich mich so inbrünstig für euch einsetzen würde.
Und so erzählte ich ihm von der Frau, die so unerwartet in mein Leben getreten war. Ein strahlender Ausbund an Tugend, deren bloße Gegenwart andere dazu trieb, über sich selbst hinauszuwachsen. Ich erzählte ihm, dass diese Frau, diese Freundin, eine Heldin war - ganz gleich was all die Lügen und Verleumdungen behaupteten -, und dass ich als ihr Freund verpflichtet wäre, ihr zu helfen.
Wenn ich so daran zurückdenke, war das vermutlich unsere längste Unterredung seit vielen Jahren. Danach starrte er mich einfach nur stumm an und sagte schließlich, dass er mir am nächsten Morgen eine Antwort geben würde. Und tatsächlich erfuhr ich im Morgengrauen, dass ihr offiziell als Schutzbefohlene im Haus Fortemps aufgenommen werden würdet.

Den Rest kennst du ja.
Dank dir habe ich meine Besuche im Herrenhaus immer sehr genossen. Natürlich warst du wegen all der schweren Aufgaben, die du übernommen hast, kaum dort zugegen. Ich machte mir auch Vorwürfe, dich in unsere Konflikte hineingezogen zu haben. Und auch wenn du ein eher ruhiges Naturell besitzt, so denke ich doch, dass du bei passender Gelegenheit so einige spannende Geschichten zu erzählen hättest. Ich würde mich freuen, wenn du mir eines Tages bei einem guten Glas Wein alles genau schildern könntest.

Meine teuerste Freundin, der ich ohne Zögern und ohne Zweifel vertraue ...
Was immer auch kommen mag, ich weiß, du wirst niemals aufgeben.
Am Ende wirst du triumphieren, auf dieser Reise und auf der nächsten und übernächsten.

Und wenn du einmal mehr dein Bestes gibst und merkst, es ist nicht genug ...
Dann werden wir da sein.
Das verspreche ich. Das schwöre ich.
Auch auf die dunkelste Nacht folgt stets eine neue Morgenröte. Ich hoffe, du begrüßt sie mit einem Lächeln und beschreitest mutig neue Wege.

Dein Freund,
Haurchefant
Der frische Schnee knirschte unter den Füßen des Sekretärs, als dieser sich am nächsten Tag auf den Weg zur Stätte der Vorsehung machte.
Seine Augen waren vom Schlafmangel trübe, doch als er davon hörte, dass die Kriegerin des Lichts vor weniger als einer Glocke das Camp passiert und Richtung Norden weitergewandert war, änderte er sofort seine Route und eilte ihr nach. Er wusste, wohin sie ihre Erinnerungsreise führte ... Obwohl der Schnee ihm das Vorankommen erschwerte, schritt er eifrig und pflichtbewusst voran, den Umschlag fest an seine Brust gedrückt.
Als er den Hügel erklommen hatte, hielt er kurz inne, da er eine Gestalt direkt hinter den Hinkelsteinen erblickte. Er zog den nie abgeschickten Brief unter seinem Mantel hervor, ging auf die Gestalt zu und öffnete seinen Mund, um ihr zuzurufen, doch er brachte kein einziges Wort heraus.
Die Kriegerin des Lichts kniete regungslos vor Haurchefants Grab nieder. Aus der Entfernung konnte er so gerade eben ihr Gesicht sehen, das einer Maske glich, die keinerlei Emotionen zu erkennen gab. Doch plötzlich erhob sie sich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Du weißt bereits, was Haurchefant fühlte, nicht wahr?
In diesem Moment ergriff der Nordwind Besitz von dem Brief, riss ihn aus der Hand des Sekretärs und blies ihn himmelwärts. Als er seinen Kopf nach oben richtete und dabei seine Augen mit der Hand vor dem grellen Licht schützte, sah er mit an, wie dieser höher und höher stieg, bis er schließlich in der fernen Sonne verschwand.