Der Lodestone

Erzählungen im Morgenrot

Die Frage nach dem Sterben

Als Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des Lichts

Dämmriges Zwielicht begrüßte Jullus, als er sich aus seinem Schlaf blinzelte. Zwielicht und ein Meer aus Matten, das den Boden des im Tertium ruhenden Zuges beinahe nahtlos bedeckte. Leise setzte er sich auf, um die Schlummernden nicht zu wecken – Soldaten jeden Alters, über die er nun hinwegsah. Sein Blick fiel auf eine Uhr, die erst kürzlich jemand geborgen und für sie aufgehängt hatte. Obwohl ihre Zeiger halb mit der Finsternis des Waggons verschmolzen waren, deuteten sie an, dass es frühester Morgen war. Das schwache Blau eines Cermet-Ofens lag sacht auf seinen schlafenden Kollegen und erinnerte Jullus daran, dass es nicht die Kälte war, die ihn geweckt hatte. Nicht mehr. Zu gut erinnerte er sich noch an die eisigen Nächte, in denen selbst seine Erschöpfung nicht gegen den sturen Frost in seinen Gliedern ankam, der ihn wieder und wieder wachgerüttelt hatte. Bevor das Ilsabard-Korps gekommen war.

Der Gedanke hielt ihn fest. An Schlaf war nun ohnehin nicht mehr zu denken und seine Lungen sehnten sich nach der Frische unverbrauchter Morgenluft. Sanft griff er nach seinem Beutel, ordentlich neben seinen Stiefeln drapiert, und zog sich an. Bis sich plötzlich sein Mattennachbar langsam zu ihm umdrehte und Jullus innehalten ließ – Publius. Er fürchtete schon, ihn geweckt zu haben, doch sein Atem war so ruhig und rhythmisch wie zuvor. Unwillkürlich verharrte sein Blick auf den entspannten Zügen des Rekruten, der kaum jünger war als er selbst.

Es war erst wenige Stunden her, da standen sie unter dem warmen Schein einer Bahnhofslampe beisammen, um sich einen Schlummertrunk zu genehmigen. Das süßliche Aroma von Honig und Gewürzen stieg aus ihren Tassen empor – ein simpler, aber umso tröstlicher Genuss, gebraut aus den Resten diverser Rationen, der dem Tertium einen seltenen Moment der Ruhe bescherte.

So hatten sie sich ganz von selbst zusammengefunden. Eine Gruppe aus geschwätzigen Soldaten, deren Anspannung mit jedem Schluck des Honigwassers zu weichen schien. Nur Publius blieb so stumm wie steinern. Es dauerte lange, bis er die Worte endlich ausgesprochen hatte, die ihm so offensichtlich auf der Seele brannten:

„Also, ich ... Ich werde fortgehen. Nach Sharlayan.“

Alle Blicke lagen auf ihm, doch niemand sprach. Auch Jullus nicht. Sie alle hatten diese Ankündigung wohl längst erahnt. Die Telophoroi waren verschwunden und Garlemald hatte die Letzten Tage irgendwie überdauert. Doch der Wiederaufbau kam nur schleppend voran, und der Weg, der nunmehr vor ihnen lag, erschien endlos weit. Das Land hatte nicht nur seine Kaiserfamilie verloren, sondern auch seine Senatoren und damit jegliche politische Struktur. Auch Garlemalds Nachbarn blickten mit Argwohn auf das einstige Imperium, unsicher ob ihrer eigenen Haltung. Der Ruf nach einer Übergangsregierung war laut geworden und erste Schritte bereits eingeleitet, doch weder Garlemald selbst noch seine Alliierten konnten diesem Wunsch sofort gerecht werden.

Auch die verbliebenen Provinzführer hielten sich bedeckt und warteten, wie sich der Wind wohl drehen würde. Das Tertium war erfüllt von Gerüchten über diese oder jene Provinz, die das Nachkriegschaos als Sprungbrett für ihre Unabhängigkeit nutzen würden.

Ein solcher Zerfall des Reiches bot tatsächlich keinen sonderlich optimistischen Ausblick auf die Zukunft. Einige der einstmals Besessenen, die nur außerhalb von Garlemald Genesung erfahren konnten, ließen sich davon nicht abschrecken und kamen zurück. Doch umso mehr kehrten ihrer Heimat den Rücken, gerade nun, da Sharlayan und andere Verbündete die garleischen Auswanderer mit offenen Armen empfingen. Publius war bei Weitem nicht der Einzige, der auf einen Neuanfang in der Fremde hoffte.

Und so schwiegen sie. Niemand hatte einen Einwand oder war gar gewillt, ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Auch Publius sparte sich jegliche weitere Erklärung. Was hätte sie auch genutzt? Stattdessen blickte er stumm auf die dampfende Tasse in seinen Händen.

„Sprich doch morgen früh mit Alphinaud und Alisaie. Sie wissen ganz bestimmt, an wen du dich deswegen wenden kannst.“

Letztlich war es Jullus, der sich in der Pflicht sah, das Schweigen zu brechen. Zumal wusste er aus erster Hand, dass die gutmütigen Zwillinge noch bis zum folgenden Tag in Camp Splitterglas bleiben wollten.

Seine kleine Geste hellte Publius‘ Miene sichtlich auf. „Ja, das werde ich“, erwiderte er erleichtert, und so wich auch die Anspannung der anderen Soldaten. Nun fiel es ihnen leichter, ihm auf die Schulter zu klopfen, alles Gute zu wünschen und sich gegenseitig zu einem Wiedersehen zu verpflichten. Sie hoben die Tassen und sprachen den einzigen Trinkspruch, den sie kannten: „Auf Herz und Heimat!“

Jullus erklomm die Rampe, die aus dem Bahnhof heraus in den matten Morgen führte. Mit jedem Schritt empfing ihn Garlemalds Kälte und wischte ihm den letzten Schlaf von den Wangen. Als er schließlich ganz aus dem kantigen Schacht trat, entfaltete sich eine andere Realität vor seinen Augen.

In das graue Zwielicht des Morgens ragte ein allzu bekannter, gewaltiger Schatten - der Turm von Babil, der seine dürren Finger nach wie vor gierig gen Himmel reckte. Gesäumt wurde der frühere Kaiserpalast nur noch von den gespenstischen Gerippen zerstörter Gebäude. Selbst das einstmals so prächtige Palatium Novum, das Kaiser Solus zum Auftakt seiner Herrschaft errichten ließ, war der Vernichtung anheimgefallen.

Die Gegend um das Tertium war vergleichsweise heil davongekommen. Aber obwohl viele der Wohnhäuser noch standen, so fehlte ihnen doch jegliches Leben. Niemand, der sich auf den Weg zur Arbeit machte und den Kragen hochschlug, um sich der morgendlichen Kälte zu erwehren. Niemand, der seine Haustür vom nächtlichen Schneefall befreite. Niemand, der seinen Hund spazieren führte, und auch niemand, der im Übereifer der Jugend besonders pünktlich zur Schule eilte ... Vor wenigen Monaten wäre das Leben gerade erwacht, nun war es für immer verstummt.

Jullus füllte seine Lungen mit der kalten Luft. Sie war frisch und schneidend, drang in jeden Winkel seines Geistes vor und erfüllte ihn mit wohltuender Klarheit. Doch es half nichts. Die Szenerie vor seinen Augen war ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Trümmer, die sich nicht darum scherten, welche Echos in ihnen nachhallten.

Eigentlich hatte Jullus derlei Gedanken längst begraben. So dachte er zumindest. Doch der gestrige Abend hatte eine alte Wunde aufgerissen, die längst hätte verheilt sein sollen. Und aus der troff nun die Einsamkeit. Er biss die Zähne zusammen und zwang sich zum Patrouillendienst. Seine ziellosen Schritte lenkten ihn in die tote Stadt.

Eine Ruine folgte der nächsten. Die Stille des Morgens war so erdrückend, es schien, als hätten selbst jegliche Bestien und Tiere dieses Trümmerfeld letztlich hinter sich gelassen. Erst eine sanfte Bewegung in seinem Augenwinkel riss Jullus aus den Gedanken. Beinahe unbeschwert flatterte der Zipfel einer alten Zeitung im Wind, eingeklemmt unter umgestürztem Mauerwerk. Vorsichtig schob er die Finger unter den Stein, um das Papier zu bergen.

„Oh“, brach er unbewusst den Schleier der Stille. In seinen Händen hielt er ein Stück einer Sonderausgabe anlässlich der Feierlichkeiten zum Reichsgründungstag. Sie war bereits mehrere Jahre alt.

Der garleische Sommer war kurz und nahm seinen Anfang immer mit dem Reichsgründungstag. Es war ein Fest zu Ehren des Kaiserreiches selbst, aber auch all jener, die zu seiner Größe und Blüte beigetragen hatten. So blieb natürlich kaum ein Garlear zu Hause. Die Straßen zierte traditioneller Schmuck, der ihre Wurzeln als Ackersleute ehrte, zahllose Stände boten eine Fülle an Köstlichkeiten dar und zwischen all dem Trubel wurden die neuesten Magitek-Wunder vorgeführt. Jullus erinnerte sich bildlich an ausgelassene Trauben von Bürgern, die ein Soldatenlied nach dem anderen trällerten, und selige Senioren, die über alte Zeiten und geschlagene Schlachten reminiszierten.

Der Höhepunkt einer jeden solchen Festivität war allerdings die Parade der garleischen Armee. Soldaten marschierten im Gleichschritt mit Magitek-Konstrukten die gesamte Hauptstraße entlang, quer durch die Stadt bis vor den Kaiserpalast selbst. Ein beeindruckendes Spektakel, das sie damals alle noch mit unbändigem Stolz erfüllt hatte.

Und von ihrem Balkon blickte die gesamte kaiserliche Familie hinab auf das Geschehen. Es war ein seltener Anblick, das Herrscherhaus derlei versammelt zu sehen. Jullus erinnerte sich an das Gefühl, vor denjenigen zu stehen, die seine Heimat in ihre ruhmreichste Ära geführt hatten. Es war, als wäre man selbst Teil von etwas Großem. Das garleische Blut in den eigenen Adern schien ein Glied eben jener Kette, die sie zu einer starken, ja, unbesiegbaren Einheit verbinden sollte. Und die Kaiserliche Hauptstadt war zweifelsohne das Herz jenes Reiches, das im Gleichklang mit dem eigenen schlug. „Ruhm und Ehre dem Garleischen Kaiserreich!“, hörte er ihre Rufe noch heute in seinen Ohren klingen.

In dem Jahr, aus dem die Zeitung stammte, war er selbst noch Schüler gewesen. Es war das letzte Mal, dass der erkrankte Kaiser Solus an den Feierlichkeiten teilnehmen sollte. Vom Text war nicht mehr viel übrig geblieben, einzig das Bild der kaiserlichen Familie hatte die Wirren der letzten Monate überstanden. Im Zentrum stand Solus selbst, der dem Leser würdevoll entgegenblickte. Sein fortgeschrittenes Alter tat seiner Erhabenheit keinen Abbruch, und doch lag in seinen Zügen eine gewisse Traurigkeit. Jullus hatte den Kaiser nicht ein einziges Mal lächeln sehen.

Zu seiner Rechten stand sein zweiter Sohn Titus, gemeinsam mit seiner Frau Arrecina und dem gemeinsamen Sohn Nerva. Vater wie Sohn schienen stets eine gewisse Anspannung in den Zügen zu stehen, nicht unähnlich den Bildern des jungen Kaiser Solus.

Links des Kaisers hingegen ragte sein Enkel Varis auf, der Spross seines verstorbenen Erstgeborenen, Lucius, der ebenfalls von ungewöhnlich großer Gestalt gewesen war. Bereits damals hatte man Varis für sein Gemüt wie seine Erfolge gelobt – ein Prachtkandidat für den Rang des Obersten Feldherrn. Anstelle seiner Frau Carosa, die ein früher Tod ereilt hatte, stand Varis‘ Mutter Hypatia an seiner Seite. Binnen eines Jahres sollte sie ihrem Mann jedoch ins Grab folgen. Lange munkelte man, dass sie Varis bis zur Stunde ihres Todes im Thronkampf mit Nerva befeuert haben soll.
Ganz außen stand noch ein junger Mann, dessen gelangweilter Blick in die Ferne gerichtet war. Zenos yae Galvus. Jullus spürte nicht den glutheißen Zorn in sich aufwallen, der ihn damals mitten im Schnee überkommen hatte. Dennoch schlug sein Herz so heftig in seiner Brust, dass es ihn grob zurück ins Hier und Jetzt riss.

Da stand er also. Inmitten von Ruinen, mit dem letzten Fetzen einer alten Zeitung in der Hand. Wer hätte gedacht, dass all der Jubel in Schutt und Asche untergehen würde? Selbst wenn sie die Kaiserstadt wiederaufbauen würden, war der Funke von einst doch auf ewig verloschen.

Es war das Ende einer Ära und, ob sie wollten oder nicht, der Auftakt einer neuen. Doch worauf sollte sie schon fußen? Er wusste nicht, wie lange er noch auf das vergilbte Papier gestarrt und seinen Gedanken nachgehangen hatte. Mit einer zarten Geste strich er ein letztes Mal über die Seite, steckte sie vorsichtig ein und setzte seine Patrouille fort.

Nicht einmal der Wind heulte zwischen den Trümmern. Einzig der Kies knirschte unter seinen schweren Stiefeln. Wie es die Pflicht diktierte, warf Jullus einen prüfenden Blick in jedes noch stehende Haus. Die meisten waren längst geplündert, und zurück blieb nur der Tand eines früheren Alltags, für den es in Zeiten wie diesen keinen Nutzen mehr gab.

Er war bereits ein ganzes Stück gegangen, als ihm ein halb eingestürztes Haus ins Auge sprang. Es konnte sich unter dem Gewicht des ramponierten Daches kaum aufrecht halten und er glaubte nicht, es auf einer früheren Patrouille je betreten zu haben. Vorsichtig bahnte er sich einen Weg durch den Schutt und trat ein.

Im Inneren lag ein toter Soldat. Jullus hatte in den letzten Monaten genug Tod gesehen, um sich dessen sicher zu sein. Ein einziger Blick genügte. Langsam kniete er sich neben die Leiche, um sie genauer zu betrachten.

Die bittere Kälte hatte der Verwesung kaum Raum gelassen, und doch schien der Soldat schon lange hier zu liegen. Wäre er bereits während des Bürgerkrieges gefallen, hätte man seinen Leichnam geborgen. Nein, er musste der Besessenheit anheimgefallen sein. Oder dem Kampf dagegen. Seine Haut wies nicht nur Schnittwunden auf, sondern auch zahlreiche Kratz- und Bissspuren. Für Jullus kam damit nur ein Szenario infrage: Seine besessene Familie musste über ihn hergefallen sein. Sanft nahm er ihm den Helm ab. Das Gesicht, das ihm leer entgegenstarrte, war ihm unbekannt. Seiner Uniform zufolge war er ein niederrangiger Soldat, nicht jedoch aus der I. Legion. Das Schicksal hatte ihn vor der Besessenheit verschont, nur um ihn letztlich hier verenden zu lassen.

Jullus legte den Helm neben den Toten und verfiel in ein stummes Gebet. Im Gegensatz zu den Eorzäern richtete er sich an keine Götter, sondern bat um eine friedliche Ruhe an der Seite der Ahnen, auf dass er mit ihnen über sein Geschlecht wachen möge.

Aber heute kamen ihm die Worte leer vor.

Alisaie und Alphinaud hatten ihm vom Sternengrund erzählt. Dem Ort, an den alle Seelen zurückkehrten. Mit eigenen Augen hätten sie ihn gesehen. Dort würden alle Erinnerungen fortgespült und alle Wunden geheilt werden, bis die Seele zu ihrem nächsten Zyklus antrete. Damit wären alle Gebete hinfällig, ganz gleich, an wen sie gerichtet waren. Wenn alle Eindrücke und Erinnerungen – wie eben jener Reichsgründungstag – letztlich fortgewaschen wurden und all ihre Bedeutung verloren, ja, selbst der Tod nur ein Schritt auf dem Weg zur Wiedergeburt war, welchen Zweck hatte das ganze Theater dann?

Jullus spürte ein Reißen in seiner Brust, als wäre ihm erneut ein Stück seiner Grundfesten entglitten, und schlug die Augen nieder. Es war taktlos, derlei Grübeleien direkt neben einem Toten nachzugehen. Ihm fehlte das nötige Werkzeug, um ihn zu begraben, aber er wollte wenigstens versuchen, ihn zu identifizieren. Doch er fand keine Erkennungsmarke und auch seine Ausrüstung gab keinerlei Aufschlüsse darüber, wer er gewesen sein mochte. Lediglich seine Faust war fest um etwas geschlossen.

„Hm ... Ein Etui?“

Was der Leichnam so fest umklammert hielt, war das Etui für den Schlüssel einer Magitek-Kampfmaschine. Der Schlüssel selbst fehlte allerdings. Vermutlich hatte er ihn in der Maschine stecken gelassen, oder jemand hatte ihn bereits entwendet. Oder aber ...

„Hat er ihn jemandem gegeben ...?“

Um eine Flucht zu ermöglichen, oder um einen Kameraden nach Hilfe suchen zu lassen? So fest, wie der Tote das Etui umklammert hielt, musste dieser Schlüssel eine letzte Hoffnung gewesen sein, da war sich Jullus sicher.

Mit einem Mal keimte eine Erinnerung in ihm auf, die er längst vergessen geglaubt hatte. Im Sommer des Jahres, dem auch die alte Zeitung entstammte, wurde ihm von einem Schulfreund ein Gedichtband empfohlen. Im Gegensatz zu besagtem Freund hatte er selbst wenig für die Poesie übrig, das Buch aus Höflichkeit aber gelesen. Die Begeisterung darüber hatte er zwar nicht nachvollziehen können, aber eine Zeile war ihm dennoch aufgefallen:

Der Tod ist die letzte Liebe, das letzte Geschenk.


Das Gedicht sprach davon, etwas aufzugeben. Die Essenz, die das Leben kostet. Erinnerungen, Erlebtes – und Zukunft. All das loszulassen und es stattdessen den Verbliebenen anzuvertrauen, auf dass es sie nunmehr begleite.

Jullus blickte auf das starre Gesicht des Toten hinab und fragte sich, ob der Schlüssel eben diese Bedeutung für ihn gehabt hatte. Aber letztlich ging es nicht nur um diesen einen Soldaten. Was war mit seiner eigenen Familie, deren Schicksal er selbst besiegeln musste? Quintus, der sich das eigene Leben nahm? Die unzähligen Kameraden, die er nicht retten konnte, und all seine Landsleute, die stumm verschwanden? War auch ihre Liebe verblieben?

Die Toten geben keine Antwort. Und dennoch fühlte sich Jullus getröstet.

„Vielleicht ist dann ja doch nicht alles für die Katz“, seufze er halb zu sich, halb zu dem Soldaten. „Die Zeiten ändern sich eben, und wir müssen das Beste daraus machen. Das Beste aus unserem Leben.“

Ein einzelner Lichtfinger wagte sich durch das eingefallene Dach und drang mitten in das Schweigen. Jullus blickte auf, in den hellen Morgenhimmel. Bald schon würde sich das Tertium regen und der Tag seinen Anfang nehmen. Er verweilte noch eine letzte, respektvolle Minute neben dem Leichnam, dann stand er auf.

Der Morgen tauchte die Kaiserliche Hauptstadt in sanftes Licht, als Jullus das Haus hinter sich ließ. Er blickte nicht zurück – denn es galt, vorwärtszuschreiten.
Hintergrundgeschichten