Der Lodestone

Geheime Geschichten aus den Schatten

Der Mantel des Schweigens

Als Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des Lichts

„Nun gib es schon zu. Mit mir unterwegs zu sein, ist das Beste, was dir in unserer Lage passieren konnte!“
Der Angesprochene sah nicht aus, als ob er demnächst irgendetwas zugeben wollte. Mürrisch griff er nach einem weiteren Streifen Surume, oder wie sie getrockneten Tintenfisch hier nannten, und wünschte, dass ihn sein Gesprächspartner endlich zufriedenlassen möge.
„Wenn von deiner Geschichte auch nur die Hälfte gestimmt hätte, wären wir gar nicht erst in diese Lage geraten“, versetzte er gereizt. Die angesengten Fasern des Tintenfisches ringelten sich in der Hand des ehemaligen Azur-Drachenreiters. Mit einem schiefen Lächeln blickte er auf die matt glänzenden Schuppen seines Gegenübers. Der legendäre Drachentöter sitzt in einer Kneipe am östlichsten Ende der Welt und trinkt mit einem jungen Drachen. Estinien und Orn Khai – es waren in der Tat zwei ungleiche Gefährten, die da einen Tisch im Shiokaze teilten.
Dass sie einmal zusammen hier landen würden, hätte sich Estinien noch vor kurzem nicht einmal träumen lassen. Er war dem Helden des Bundes zu Hilfe geeilt, als dieser auf dem Schlachtfeld in der Ghimlyt-Finsternis in Bedrängnis geraten war, hatte ihn bewusstlos den Ishgarder Truppen überantwortet und war wieder aufgebrochen, ohne sein Erwachen abzuwarten. Den Lanzenkampf betrachtete er als seine einzige Stärke, und da ihm die hier nicht weiterhalf, könne er ebenso gut wieder an die Front zurückkehren. Doch gerade als er aufbrechen wollte, erfuhr er, dass Zenos sich zurückgezogen hatte und die garleischen Truppen keine Regung zeigten.
So streifte Estinien ziellos durch die schneebedeckten Ebenen von Coerthas, bis ihn eine vertraute Stimme rief – Orn Khai. Estinien hatte dem ungewöhnlich zutraulichen Drachen einmal auf der Suche nach der Gefährtin seines Vaters beigestanden, die vor tausend Jahren verschollen war. Nun hatte Orn Khai ihn offenbar erneut ausfindig gemacht und wollte Estinien davon überzeugen, mit ihm gemeinsam durchs Land zu ziehen. Er schien im Fernen Osten plötzlich Gefallen am Abenteuer gefunden zu haben und suchte nach einem Gefährten dafür.
„Bin ich etwa dein Aufpasser?“, wies ihn Estinien schroff ab. Aber Orn Khai ließ nicht locker: „Ich bin zehnmal so alt wie du“, erwiderte er verschmitzt, „also bin ich wohl eher dein Aufpasser!“
Estinien kniff die Augen zusammen. Dieser Drache würde ihm pausenlos auf die Nerven fallen. „Azur-Drachenreiter bin ich zwar nicht mehr, aber ich bekomme fast Lust, wieder mal einen Drachen zu erlegen“, schnaubte er und hielt ihm seine Lanze vor die Nase. Estiniens halb im Scherz geäußerte Drohung ließ Orn Khais Gesicht jedoch vor Begeisterung aufleuchten. „Aber ja! Das ist es!“, rief er.
Eifrig begann er eine Geschichte wiederzugeben, die er auf seiner Reise aufgeschnappt hatte. Es gebe im Fernen Osten einen Drachen namens Seiryu, der dort von alters her als Schutzgottheit verehrt wurde. In einigen Gebieten kannte man ihn allerdings als Ungeheuer, das ein Leben nach dem anderen forderte. „Gehen wir der Geschichte auf den Grund“, zischte Orn Khai aufgeregt. „Wenn Seiryu ein bösartiger Drache ist, kannst du ihn nicht einfach sein Unwesen treiben lassen!“

Und so kam es, dass die beiden doch gemeinsam loszogen. Schlussendlich stellte sich Seiryu allerdings als nichts weiter als eine verwandelte Schlange heraus, die man kaum als Drachen im engeren Sinne bezeichnen konnte. Und nun rächte es sich, dass die beiden nie einen Gedanken ans Materielle verschwendet hatten. Sie waren abgebrannt bis auf den letzten Gil und wussten nicht, wo sie die nächste Mahlzeit auftreiben würden. Dass man sie nun doch im Shiokaze bei Sake und Surume sitzen sah, verdankten sie nur einem erfreulichen Zufall: Die Gastwirtin sah Orn Khai als glücksverheißendes Wesen und gewährte ihm und seinem Gefährten Kost und Logis, solange sie nur hierblieben und Kundschaft anzögen.
„Ohne mich müsstest du betteln gehen. Zeig dich ein bisschen dankbarer, sonst röste ich dir überhaupt nichts mehr“, bohrte Orn Khai weiter.
Das vorlaute Geplapper des Drachen ärgerte Estinien zwar, aber er brauchte einen Bissen fester Nahrung zum trockenen Sake des Shiokaze.
„Gut, ich bin dir dankbar. Und jetzt an die Arbeit“, brummte er.
Befriedigt fauchte Orn Khai eine kleine Flamme auf das Stück Surume, das ihm Estinien hinhielt. Ein köstlicher Grillgeruch stieg auf und die Haut des Tintenfisches färbte sich rötlich-braun. So ließ es sich einigermaßen leben.

In diesem Moment hörte man Schritte am Eingang der Gaststube.
„Nur herein, herzlich willkommen!“, schmetterte Orn Khai den neuen Gästen entgegen, und Estinien setzte ebenfalls zu einem halbherzigen Willkommen an. Da stockte er mitten im Gruß. Er kannte diese beiden Lalafell.
„Da ist er! Wir haben ihn gefunden!“, rief auch das Mädchen im pfirsichfarbenen Kimono. Kein Zweifel, das war Tataru Taru und ihre Begleiterin mit der unverwechselbaren Kapuze Krile Baldesion. Estinien sah einen ungläubigen Ausdruck über Kriles Gesicht huschen, dann musste sie offensichtlich ein Lachen unterdrücken.
„Estinien! Wir hatten ja gehört, dass du den Tempelrittern den Rücken gekehrt hast ... aber dass du dich jetzt in einer Taverne verdingst?“
Was sollte er darauf erwidern? Überdies hatte das Auftauchen der beiden gewiss nichts Gutes zu bedeuten. Er witterte Unannehmlichkeiten.
„Tut mir leid, Kleiner ... Nun trennen sich unsere Wege. Aber hier bist du ja gut aufgehoben.“ Mit diesen Worten hob er den Leinenbeutel mit seinen Habseligkeiten auf die Spitze seiner Lanze und sprang mit einem gewaltigen Satz empor, hinauf durch das Treppenhaus in die obere Etage und hinaus in die Nacht, eine johlende Schar von Trinkbrüdern hinter sich zurücklassend, die die vermeintliche Akrobateneinlage begeistert beklatschten.
Estinien floh zur großen Kugane-Brücke. Dort würden sie ihn wohl kaum vermuten, schließlich führte sie hinüber zum Hauptteil von Shishu, wo der Zutritt für Ausländer strengen Beschränkungen unterlag. Und als er dort nun stand, die Passanten betrachtend, während sein Rausch langsam etwas verflog, sah er ausgerechnet die beiden Lalafell auf sich zukommen.
„Du weißt schon, dass sie dich hier ohne Genehmigung nicht durchlassen?“ Tataru schwenkte ein rot gestempeltes Dokument. Was hätte man von der umtriebigen Schatzmeisterin des Bundes der Morgenröte auch anderes erwartet? Sie hatte sich für den Fall der Fälle sogar eine offizielle Einreisegenehmigung besorgt. Aber darum ging es gar nicht. Die Frage war vielmehr: Wieso wussten sie, dass er hierherkommen würde?
Er knirschte mit den Zähnen. Diesmal wollte er sich auf keinen Fall in irgendwelche Schwierigkeiten hineinziehen lassen. Kurz entschlossen sprang er auf den Mast eines der Schiffe, die unter ihnen die Meerenge passierten. Wenig später saß er hoch oben auf Schloss Kugane, von dessen Dach er den gesamten Hafen überblicken konnte. Bund der Morgenröte oder nicht, hierher würden sie ihm niemals folgen können.

Doch nach kurzer Zeit schon sah er unten seine beiden Verfolgerinnen herannahen, einem Sekiseigumi-Soldaten folgend, der mit einer Laterne voranging. Wie hatten sie ihn aufgespürt? Und wozu? Er wusste es nicht. Aber ob es am Sake von Koshu lag oder an seiner Persönlichkeit – je hartnäckiger sie ihn verfolgten, desto sturer wurde Estinien. Durchhalten, sagte er sich, nur bis zum Morgen durchhalten. Mit diesem Gedanken ließ er sich an der Rückseite des Gebäudes in die Tiefe gleiten.

Irgendwann, nach einer Ewigkeit, wurde es hell – er hatte die Morgenröte erfolgreich abgewartet. Bald würde die Kuroboro-maru davonsegeln, und er mit ihr ...
„Estinien! Man könnte meinen, du läufst vor uns davon!“
Er fuhr herum. Da waren sie wieder! Fieberhaft sah er sich nach einem Fluchtweg um, als sich plötzlich eine der beiden Lalafell den Kopf hielt und taumelte.
„Krile! Was ist denn?“, rief Tataru besorgt. Ihre Begleiterin war in die Knie gesunken. Hatte sie sich bei der nächtlichen Verfolgungsjagd übernommen? Dann hatte Estinien ihren Schwächeanfall gewissermaßen verschuldet. In einem Anflug von Verantwortungsbewusstsein streckte er die Hand aus, um ihr zu helfen, als sie mühsam hervorstieß: „Was für ein Anblick ... Dass der Azur-Drachenreiter ... Pffft! Nicht zu fassen!“ Und dann konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Sie hielt sich den Bauch und schüttelte sich geradezu vor Lachen.
„Hast du etwa seine Vergangenheit gesehen?“, fragte Tataru neugierig.
Estinien gefror das Blut in den Adern. Die Kraft des Transzendierens! Er wusste, dass der Krieger des Lichts diese Gabe besaß, genauso wie Ysayle ... und Krile. Verflucht. Was genau hatte sie gesehen? Ihre Reaktion ließ das Schlimmste vermuten – nur fielen ihm so viele Episoden ein, dass er doch wieder keine Ahnung hatte. Sicher war nur eins: es war für einen Azur-Drachenreiter ungebührlich.
„Keine Sorge, Estinien. Was ich gesehen habe oder nicht – darüber will ich den Mantel des Schweigens breiten. Aber du musst uns helfen!“
Er zuckte mit einem tiefen Seufzen die Schultern. Das Spiel war aus.

Am nächsten Morgen stand Estinien bereits an Deck eines Handelsschiffes auf dem Weg nach Radz-at-Han. Sein Auftrag war es, Näheres über die geheime Waffe der Garlear, die „Schwarze Rose“, in Erfahrung zu bringen und sie, wenn möglich, zu vernichten. Unternahm man nichts, würde das Kaiserreich das Giftgas unweigerlich gegen seine Feinde zum Einsatz bringen – darunter Ishgard. Nein, Estinien hatte sich wahrlich nicht freiwillig gemeldet. Aber angesichts einer solchen Gefahr musste er seinen Kameraden beistehen. Und, wie er selbst zugeben musste, war er in der Tat eine gute Wahl für diese Mission.
Während er seinen Blick langsam über die Rubinsee schweifen ließ, fühlte er mit einer Hand nach dem schweren Gilbeutel an seinem Gürtel. Ein Teil der Früchte eines Abenteuers im Zusammenhang mit einer fernöstlichen Legende, wie Tataru erklärt hatte, und nun Estiniens Reisekasse. Die Expedition würde anstrengend werden, aber immerhin frei von finanziellen Sorgen.
Er griff in seine Tasche und zog einen Streifen Surume hervor – ein Abschiedsgeschenk von Orn Khai.
Er kaute langsam. Wer weiß, wann er wieder zu einem so perfekt gegrilltem Stück Tintenfisch kommen würde.
Indessen saßen die beiden Lalafell-Mädchen mit Orn Khai im Gasthaus Shiokaze.
„Ja, und was hast du denn nun in seiner Vergangenheit gesehen?“, fragte Tataru erwartungsvoll. Vielleicht lag es am Sake; jedenfalls schienen ihre Wangen dabei leicht gerötet.
Mit einem Lächeln, so strahlend wie die aufgehende Sonne, entgegnete Krile: „Wie? Habe ich jemals behauptet, dass ich in seine Vergangenheit geblickt hätte?“
Und der frische Morgenwind trug ihr glockenhelles Lachen davon.
„Nun gib es schon zu. Mit mir unterwegs zu sein, ist das Beste, was dir in unserer Lage passieren konnte!“
Der Angesprochene sah nicht aus, als ob er demnächst irgendetwas zugeben wollte. Mürrisch griff er nach einem weiteren Streifen Surume, oder wie sie getrockneten Tintenfisch hier nannten, und wünschte, dass ihn sein Gesprächspartner endlich zufriedenlassen möge.
„Wenn von deiner Geschichte auch nur die Hälfte gestimmt hätte, wären wir gar nicht erst in diese Lage geraten“, versetzte er gereizt. Die angesengten Fasern des Tintenfisches ringelten sich in der Hand des ehemaligen Azur-Drachenreiters. Mit einem schiefen Lächeln blickte er auf die matt glänzenden Schuppen seines Gegenübers. Der legendäre Drachentöter sitzt in einer Kneipe am östlichsten Ende der Welt und trinkt mit einem jungen Drachen. Estinien und Orn Khai – es waren in der Tat zwei ungleiche Gefährten, die da einen Tisch im Shiokaze teilten.
Dass sie einmal zusammen hier landen würden, hätte sich Estinien noch vor kurzem nicht einmal träumen lassen. Er war der Heldin des Bundes zu Hilfe geeilt, als diese auf dem Schlachtfeld in der Ghimlyt-Finsternis in Bedrängnis geratenen war, hatte sie bewusstlos den Ishgarder Truppen überantwortet und war wieder aufgebrochen, ohne ihr Erwachen abzuwarten. Den Lanzenkampf betrachtete er als seine einzige Stärke, und da ihm die hier nicht weiterhalf, könne er ebenso gut wieder an die Front zurückkehren. Doch gerade als er aufbrechen wollte, erfuhr er, dass Zenos sich zurückgezogen hatte und die garleischen Truppen keine Regung zeigten.
So streifte Estinien ziellos durch die schneebedeckten Ebenen von Coerthas, bis ihn eine vertraute Stimme rief – Orn Khai. Estinien hatte dem ungewöhnlich zutraulichen Drachen einmal auf der Suche nach der verschollenen Gefährtin seines Vaters beigestanden, die vor tausend Jahren verschollen war. Nun hatte Orn Khai ihn offenbar erneut ausfindig gemacht und wollte Estinien davon überzeugen, mit ihm gemeinsam durchs Land zu ziehen. Er schien im Fernen Osten plötzlich Gefallen am Abenteuer gefunden zu haben und suchte nach einem Gefährten dafür.
„Bin ich etwa dein Aufpasser?“, wies ihn Estinien schroff ab. Aber Orn Khai ließ nicht locker: „Ich bin zehnmal so alt wie du“, erwiderte er verschmitzt, „also bin ich wohl eher dein Aufpasser!“
Estinien kniff die Augen zusammen. Dieser Drache würde ihm pausenlos auf die Nerven fallen. „Azur-Drachenreiter bin ich zwar nicht mehr, aber ich bekomme fast Lust, wieder mal einen Drachen zu erlegen“, schnaubte er und hielt ihm seine Lanze vor die Nase. Estiniens halb im Scherz geäußerte Drohung ließ Orn Khais Gesicht jedoch vor Begeisterung aufleuchten. „Aber ja! Das ist es!“, rief er.
Eifrig begann er eine Geschichte wiederzugeben, die er auf seiner Reise aufgeschnappt hatte. Es gebe im Fernen Osten einen Drachen namens Seiryu, der dort von alters her als Schutzgottheit verehrt wurde. In einigen Gebieten kannte man ihn allerdings als Ungeheuer, das ein Leben nach dem anderen forderte. „Gehen wir der Geschichte auf den Grund“, zischte Orn Khai aufgeregt. „Wenn Seiryu ein bösartiger Drache ist, kannst du ihn nicht einfach sein Unwesen treiben lassen!“

Und so kam es, dass die beiden doch gemeinsam loszogen. Schlussendlich stellte sich Seiryu allerdings als nichts weiter als eine verwandelte Schlange heraus, die man kaum als Drachen im engeren Sinne bezeichnen konnte. Und nun rächte es sich, dass die beiden nie einen Gedanken ans Materielle verschwendet hatten. Sie waren abgebrannt bis auf den letzten Gil und wussten nicht, wo sie die nächste Mahlzeit auftreiben würden. Dass man sie nun doch im Shiokaze bei Sake und Surume sitzen sah, verdankten sie nur einem erfreulichen Zufall: Die Gastwirtin sah Orn Khai als glücksverheißendes Wesen und gewährte ihm und seinem Gefährten Kost und Logis, solange sie nur hierblieben und Kundschaft anzögen.
„Ohne mich müsstest du betteln gehen. Zeig dich ein bisschen dankbarer, sonst röste ich dir überhaupt nichts mehr“, bohrte Orn Khai weiter.
Das vorlaute Geplapper des Drachen ärgerte Estinien zwar, aber er brauchte einen Bissen fester Nahrung zum trockenen Sake des Shiokaze.
„Gut, ich bin dir dankbar. Und jetzt an die Arbeit“, brummte er.
Befriedigt fauchte Orn Khai eine kleine Flamme auf das Stück Surume, das ihm Estinien hinhielt. Ein köstlicher Grillgeruch stieg auf und die Haut des Tintenfisches färbte sich rötlich-braun. So ließ es sich einigermaßen leben.

In diesem Moment hörte man Schritte am Eingang der Gaststube.
„Nur herein, herzlich willkommen!“, schmetterte Orn Khai den neuen Gästen entgegen, und Estinien setzte ebenfalls zu einem halbherzigen Willkommen an. Da stockte er mitten im Gruß. Er kannte diese beiden Lalafell.
„Da ist er! Wir haben ihn gefunden!“, rief auch das Mädchen im pfirsichfarbenen Kimono. Kein Zweifel, das war Tataru Taru und ihre Begleiterin mit der unverwechselbaren Kapuze Krile Baldesion. Estinien sah einen ungläubigen Ausdruck über Kriles Gesicht huschen, dann musste sie offensichtlich ein Lachen unterdrücken.
„Estinien! Wir hatten ja gehört, dass du den Tempelrittern den Rücken gekehrt hast ... aber dass du dich jetzt in einer Taverne verdingst?“
Was sollte er darauf erwidern? Überdies hatte das Auftauchen der beiden gewiss nichts Gutes zu bedeuten. Er witterte Unannehmlichkeiten.
„Tut mir leid, Kleiner ... Nun trennen sich unsere Wege. Aber hier bist du ja gut aufgehoben.“ Mit diesen Worten hob er den Leinenbeutel mit seinen Habseligkeiten auf die Spitze seiner Lanze und sprang mit einem gewaltigen Satz empor, hinauf durch das Treppenhaus in die obere Etage und hinaus in die Nacht, eine johlende Schar von Trinkbrüdern hinter sich zurücklassend, die die vermeintliche Akrobateneinlage begeistert beklatschten.
Estinien floh zur großen Kugane-Brücke. Dort würden sie ihn wohl kaum vermuten, schließlich führte sie hinüber zum Hauptteil von Shishu, wo der Zutritt für Ausländer strengen Beschränkungen unterlag. Und als er dort nun stand, die Passanten betrachtend, während sein Rausch langsam etwas verflog, sah er ausgerechnet die beiden Lalafell auf sich zukommen.
„Du weißt schon, dass sie dich hier ohne Genehmigung nicht durchlassen?“ Tataru schwenkte ein rot gestempeltes Dokument. Was hätte man von der umtriebigen Schatzmeisterin des Bundes der Morgenröte auch anderes erwartet? Sie hatte sich für den Fall der Fälle sogar eine offizielle Einreisegenehmigung besorgt. Aber darum ging es gar nicht. Die Frage war vielmehr: Wieso wussten sie, dass er hierherkommen würde?
Er knirschte mit den Zähnen. Diesmal wollte er sich auf keinen Fall in irgendwelche Schwierigkeiten hineinziehen lassen. Kurz entschlossen sprang er auf den Mast eines der Schiffe, die unter ihnen die Meerenge passierten. Wenig später saß er hoch oben auf Schloss Kugane, von dessen Dach er den gesamten Hafen überblicken konnte. Bund der Morgenröte oder nicht, hierher würden sie ihm niemals folgen können.

Doch nach kurzer Zeit schon sah er unten seine beiden Verfolgerinnen herannahen, einem Sekiseigumi-Soldaten folgend, der mit einer Laterne voranging. Wie hatten sie ihn aufgespürt? Und wozu? Er wusste es nicht. Aber ob es am Sake von Koshu lag oder an seiner Persönlichkeit – je hartnäckiger sie ihn verfolgten, desto sturer wurde Estinien. Durchhalten, sagte er sich, nur bis zum Morgen durchhalten. Mit diesem Gedanken ließ er sich an der Rückseite des Gebäudes in die Tiefe gleiten.

Irgendwann, nach einer Ewigkeit, wurde es hell – er hatte die Morgenröte erfolgreich abgewartet. Bald würde die Kuroboro-maru davonsegeln, und er mit ihr ...
„Estinien! Man könnte meinen, du läufst vor uns davon!“
Er fuhr herum. Da waren sie wieder! Fieberhaft sah er sich nach einem Fluchtweg um, als sich plötzlich eine der beiden Lalafell den Kopf hielt und taumelte.
„Krile! Was ist denn?“, rief Tataru besorgt. Ihre Begleiterin war in die Knie gesunken. Hatte sie sich bei der nächtlichen Verfolgungsjagd übernommen? Dann hatte Estinien ihren Schwächeanfall gewissermaßen verschuldet. In einem Anflug von Verantwortungsbewusstsein streckte er die Hand aus, um ihr zu helfen, als sie mühsam hervorstieß: „Was für ein Anblick ... Dass der Azur-Drachenreiter ... Pffft! Nicht zu fassen!“ Und dann konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Sie hielt sich den Bauch und schüttelte sich geradezu vor Lachen.
„Hast du etwa seine Vergangenheit gesehen?“, fragte Tataru neugierig.
Estinien gefror das Blut in den Adern. Die Kraft des Transzendierens! Er wusste, dass die Kriegerin des Lichts diese Gabe besaß, genauso wie Ysayle ... und Krile. Verflucht. Was genau hatte sie gesehen? Ihre Reaktion ließ das Schlimmste vermuten – nur fielen ihm so viele Episoden ein, dass er doch wieder keine Ahnung hatte. Sicher war nur eins: es war für einen Azur-Drachenreiter ungebührlich.
„Keine Sorge, Estinien. Was ich gesehen habe oder nicht – darüber will ich den Mantel des Schweigens breiten. Aber du musst uns helfen!“
Er zuckte mit einem tiefen Seufzen die Schultern. Das Spiel war aus.

Am nächsten Morgen stand Estinien bereits an Deck eines Handelsschiffes auf dem Weg nach Radz-at-Han. Sein Auftrag war es, Näheres über die geheime Waffe der Garlear, die „Schwarze Rose“, in Erfahrung zu bringen und sie, wenn möglich, zu vernichten. Unternahm man nichts, würde das Kaiserreich das Giftgas unweigerlich gegen seine Feinde zum Einsatz bringen – darunter Ishgard. Nein, Estinien hatte sich wahrlich nicht freiwillig gemeldet. Aber angesichts einer solchen Gefahr musste er seinen Kameraden beistehen. Und, wie er selbst zugeben musste, war er in der Tat eine gute Wahl für diese Mission.
Während er seinen Blick langsam über die Rubinsee schweifen ließ, fühlte er mit einer Hand nach dem schweren Gilbeutel an seinem Gürtel. Ein Teil der Früchte eines Abenteuers im Zusammenhang mit einer fernöstlichen Legende, wie Tataru erklärt hatte, und nun Estiniens Reisekasse. Die Expedition würde anstrengend werden, aber immerhin frei von finanziellen Sorgen.
Er griff in seine Tasche und zog einen Streifen Surume hervor – ein Abschiedsgeschenk von Orn Khai.
Er kaute langsam. Wer weiß, wann er wieder zu einem so perfekt gegrilltem Stück Tintenfisch kommen würde.
Indessen saßen die beiden Lalafell-Mädchen mit Orn Khai im Gasthaus Shiokaze.
„Ja, und was hast du denn nun in seiner Vergangenheit gesehen?“, fragte Tataru erwartungsvoll. Vielleicht lag es am Sake; jedenfalls schienen ihre Wangen dabei leicht gerötet.
Mit einem Lächeln, so strahlend wie die aufgehende Sonne, entgegnete Krile: „Wie? Habe ich jemals behauptet, dass ich in seine Vergangenheit geblickt hätte?“
Und der frische Morgenwind trug ihr glockenhelles Lachen davon.