Der Lodestone

Geheime Geschichten aus den Schatten

Nickerchen in Wolekdorf

Als Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des Lichts

Das Blut der Ahnen floss durch Setos Adern, und das Wiederaufleben ihrer Macht hatte es ihm ermöglicht, die Lebenserwartung seiner Mitgeschöpfe weit zu übertreffen. Doch auch als Nachkomme seiner Vorfahren konnte er sich dem Einfluss der Zeit nicht entziehen. Ein dunstiger Schleier bedeckte jetzt seinen Blick, und seine Flügel hatten die Aufrichtigkeit ihrer Jugend verloren. Es war schon eine Weile her, dass die ältesten Amaros in Wolekdorf die Hundertjahresgrenze überschritten, und Setos Nickerchen wurden länger und tiefer. Heute wie gestern wiegte ihn der süße Duft von Blumen in einen Mittagsschlaf, der ihn mit Nostalgie an eine andere Zeit erinnerte.


Er sah Nabaath Areng, die vergangene Hauptstadt von Amh Araeng. Glühende Sonnenstrahlen schossen über die Stadt, und an einer Straßenecke lag ein schwächlicher Amaro. Er hätte in der Blüte seines Lebens stehen sollen, aber jahrelange Entbehrungen und das tägliche Schuften hatten ihn verkümmern lassen. Das Pflaster war heiß, doch der Besitzer hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Amaro von seinem Wagen zu lösen. Das Lastentier beschwerte sich jedoch nicht, denn jede Pause war willkommen.

Da bemerkte er einen mageren Hume, der aus dem gegenüberliegenden Gebäude trat.

Mein Meister ist zurück.

Der Mann hielt sein Lieblingswerkzeug in der Hand: eine aus Eidechsensehnen gedrehte Peitsche, deren Hieb tiefe, schmerzende Wunden hinterließ. Der Amaro achtete darauf, seinem Meister nicht ungehorsam zu sein, denn die Qual, die dieses Folterinstrument verursachen konnte, war seiner vernarbten Haut abzulesen.

Gleich schlägt er mich wieder.

Der Amaro schloss die Augen, um sich auf eine Welle des Schmerzes vorzubereiten. Würde es Nacken, Schultern, Wirbelsäule oder Rumpf treffen? Alles außer dem Gesicht, betete er, aber das Knallen der Peitsche blieb aus. Er öffnete ängstlich seine Augen und sah überrascht den Rücken eines jungen Kriegers, der zwischen ihn und seinen Meister getreten war.

„Endlich habe ich dich, Lamunth! Ah, aber vielleicht sollte ich dich lieber bei deinem Spitznamen nennen ... Jadefuchs!“

Seto hieß noch nicht Seto, aber dies war der Moment, in dem er zum ersten Mal den Abenteurer Ardbert traf. Es würde noch etwas dauern, bis sie untrennbare Partner wurden. Auf den Märkten von Nabaath Areng trieb seit mehreren Monaten ein Betrüger sein Unwesen. Sein gefälschter Schmuck konnte die besten Experten des Königreichs täuschen und den Edelsteinhandel auf den Kopf stellen. Ehrliche Juweliere hatten diesen mysteriösen Kriminellen den „Jadefuchs“ getauft und ein beachtliches Kopfgeld auf ihn ausgeschrieben, um ihn endlich loszuwerden.

Abenteurer aus der ganzen Welt, die von der fetten Belohnung angezogen wurden, hatten nach dem Betrüger gesucht. Aber selbst wenn einige von ihnen Fälschungen des Jadefuchses erwerben konnten, gelang es niemandem, ihn am Schwanz zu packen. Zumindest bis sich ein neues Duo auf den Weg machte ...

Ardbert und Lamitt waren diejenigen, die den genialen Zauber der Illusion vereitelten, mit dem Lamunth seinen Verfolgern entging. Zu diesem Anlass hatten sie sich mit einem erfahrenen Krieger zusammengetan, einem ehemaligen königlichen Ritter namens Branden, und allen drei war es gelungen, den Jadefuchs in die Ecke zu treiben.

Branden trat dem Team offiziell erst später bei, als Lamitt, der sah, dass der Ritter bald sein Geld für Getränke verschwendet hätte, ihm anbot, seinen Anteil an der Belohnung in mehreren Raten zu geben. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Und Ardbert, was hat er mit seiner ersten Belohnung gemacht? Er dachte nicht lange darüber nach: Sobald er hörte, dass der hagere Amaro, der Lamunth gehörte, von den Behörden Nabaath Arengs beschlagnahmt worden war, lief er los, um ihn freizukaufen.

Als Ardbert mit ihm ins Gasthaus zurückkehrte, brach das arme Tier vor Müdigkeit zusammen, was Branden zu einer gefühllosen Äußerung anstieß.

„Will der etwa so mit uns auf Reisen gehen? Der ist ja nichts als Haut und Knochen. Der schafft ja nicht mal eine Runde um die Stadtmauer. Wenn wir ihn aufspießen und braten, bekommen wir nicht mal eine Mahlzeit zusammen.“

Der Amaro reagiert auf diese Verspottungen mit einem Schnaufen durch die Nüstern, als hätte er ihre Bedeutung verstanden. Ardbert seinerseits begnügte sich damit, das Kinn seines neuen Begleiters zu streicheln.

„Du bist zu schlau, um auf einem Teller zu landen, oder, Seto? Hör nicht auf diesen verrückten alten Mann. Wir werden es ihm früh genug beweisen.“

Ardbert hatte immer ein gutes Herz gehabt. Aber er hatte sich nicht um den armen Amaro gekümmert, nur weil das Tier in Gefahr war, eingeschläfert zu werden. Er sah einen Ausbruch von Intelligenz in seinen Augen.

Ardbert wurde in einem Dorf auf den Höhen einer kleinen Insel vor Kholusia geboren. Er war mit keinem anderen Kind seines Alters zusammen aufgewachsen und mehr von wilden Tieren als von seinem eigenen Großvater aufgezogen worden. Doch dieser hatte ihm alles eingeflößt, was er über den Berg und sein Tierreich wusste, einschließlich des Verhaltens häuslicher Amaros. Als Seto sich kurz nach seiner Ankunft im Gasthaus setzte, sah Ardbert dies nicht als Faulheit, sondern als eine geschickte Geste der Selbsterhaltung, die es ihm ermöglicht hatte, seine Kraft zu bewahren, um die von seinem ehemaligen Meister verursachten Qualen besser zu ertragen.

„Komm, mein Hübscher! Du bist dran!“

Auf Ardberts Pfiff hin breitete sich Seto in voller Länge inmitten der ausgedörrten Gebiete der Bernsteinfelder aus, während sich sein neuer Meister zusammen mit Branden und Lamitt hinter einem Felsbrocken versteckte. An diesem Tag sollte Seto als Köder verwendet werden, um ein Rudel Kojoten anzulocken, welche durchziehende Karawanen angriffen.

„Dein Amaro hat nicht genug Fleisch auf seinen Knochen, um einen einsamen, verhungernden Kojoten anzulocken, geschweige denn ein Rudel ...“, grummelte Branden, als er seinen Kopf so gut er konnte senkte, um zu verhindern, dass er über dem Felsen herausragte.

Seto wusste immer noch nicht, was er von seinem neuen Besitzer halten sollte. Er benutzte nie die Peitsche und behandelte ihn freundlich. Er versorgte ihn mit Wasser, Essen und ging sogar so weit, ihn zu striegeln. Und Seto träumte manchmal, wenn er sein Kinn streichelte. Er verstand es nicht.

Es gab noch mehr Dinge, die Seto nicht verstand. Ardbert versuchte ab und zu, ihm Kunststückchen beizubringen. Seto spielte mit. Aber jetzt sollte er wilden Tieren geopfert werden? Was hatte das zu bedeuten?

Ich hätte es wissen sollen. Den Zweibeinern ist nicht zu trauen.

Die Kojoten hatten sich gezeigt, und Seto war weiter zusammengesunken, als hätte er jede Hoffnung verloren. Hatte sich sein Meister etwa um ihn gekümmert, nur damit er einen besseren Köder abgab?

„Gut gemacht, Seto. Und jetzt komm her!“

Ardbert sprang mit der Axt in der Hand hinter dem Felsen hervor und rannte auf ihn zu. Er hatte ihn nicht im Stich gelassen. Seto stand blitzschnell auf und galoppierte mit voller Geschwindigkeit auf seinen Meister zu. Ein anderer Amaro wäre vielleicht geflohen, aber die Nachwirkungen der Misshandlungen, die er erlitten hatte, hinderten ihn immer noch daran. Also raste er die Ebene hinunter und schlug schändlich mit den Flügeln, ohne jemals den Boden zu verlassen, was Branden zum Lachen brachte.

„Haha! Schaut euch das hagere Hühnchen an! Zum Schieflachen ist das!“

Der Große macht sich immer noch über mich lustig, dachte Seto. Dann änderte er abrupt seinen Kurs, rannte auf Branden zu und sprang im letzten Augenblick über ihn hinweg. Die Kojoten hatten neue Beute.

„Dieses flatternde Mistviech!“

Jetzt war es an dem Ritter, zu galoppieren.

Das Abenteurerteam hat seine Mission erfüllt und die versprochene Belohnung in die Tasche gesteckt. Dann folgte eine Monsterjagd auf die andere. Um das Ziel anzulocken, spielte Seto manchmal die Rolle einer leichten Beute, manchmal die des Revierrivalen. Sein größter Moment des Ruhms war wahrscheinlich, als die Gruppe der Abenteurer angeheuert wurde, um riesige Phorusrhacos zu besiegen, welche die Bernsteinfelder unsicher machten. Zu jedermanns Überraschung, einschließlich Ardbert, ahmte Seto den Schrei des Weibchens perfekt nach, eine Aufführung, die das schwer fassbare Tier aus seinem Versteck zwang. Sie schafften es, die Bestie zu verwunden und sie dann in ihrem Nest in die Enge zu treiben, um ihr dort den tödlichen Schlag zu versetzen.
Zwerg Lamitt, dessen Helm trotz der sengenden Hitze unverrutschbar am Kopf befestigt war, bemerkte etwas, als sie das Versteck des Tieres durchsuchten.

„Seht mal. Das könnte doch was wert sein“, sagte der Zwerg zu seinen Begleitern.

„Bei meinem Barte! Es stimmt also, was man über die Phorusrhacos sagt: Sie lieben den Glitzerkram.“

Inmitten der trockenen Blätter und Zweige, aus denen das Nest des Tieres bestand, schimmerten Schmuckstücke, die aus Edelmetallen aller Art geschmiedet waren. Eines von ihnen, eine Art großes goldenes Medaillon, fiel Branden ins Auge. Er hielt es hoch, um die Reflexionen der Sonne zu betrachten.

„Das ist ein Orden, wie ihn die königliche Familie von Nabaath Areng ihren angesehensten Generälen überreichte. Was für ein Glanz ... Ich bin fast geblendet ... Davon sieht man heutzutage nicht mehr viele. Dieser muss über zweihundert Jahre alt sein. Der Phorusrhacos wird ein Grab geplündert oder es einem seiner Opfer entrissen haben. Auf jeden Fall werden wir bei einem Antiquitätenhändler einen sehr guten Preis dafür bekommen!“

Branden wollte den kostbaren Schatz gerade mit einem breiten Lächeln in seine Tasche stecken, als Ardberts Hand dazwischenging.

„Warte, Branden. Glaubst du nicht, dass der Löwenanteil an den Helden des Tages gehen sollte?“

„Ich habe alle Angriffe abgewehrt und dem Biest auch noch seinen Kopf abgehackt. Wenn das nicht mich zum Löwen der Geschichte macht, würde ich gerne wissen, wer es dann ist.“

„Es liegt mir fern, dein Verdienst zu mindern. Ich denke nur, dass diese Belohnung an denjenigen gehen sollte, der unser Ziel zu unseren Klingen lockte: den stolzen Seto!“

Ardbert löste die Lederschnur seiner Gürteltasche und machte den Orden zu einem Anhänger, den er um den Hals seines treuen Begleiters hängte.

„Man kann sich keinen besseren Partner als dich wünschen!“

Seto zog scharf Luft durch die Nüstern ein, als wollte er seine Zufriedenheit zeigen, vielleicht war es sogar unverhohlener Stolz.

„Ich denke auch, dass du dir das Stück verdient hast. In jedem Fall hätte Branden das Wunder vollbracht, in einer Nacht Gold in Wein zu verwandeln, wenn es ihm überlassen worden wäre“, sagte Lamitt mit einem Lachen, als Branden resigniert die Arme hob.

„Schon gut, schon gut! Seto kann es behalten. Er ist der Löwe des Tages.“

Und so wurde Seto als Ardberts Partner in die Gruppe aufgenommen. Die vier Gefährten verdingten sich weiter als Monstertilger in Amh Araeng, bis eine mysteriöse Jägerin namens Renda-Rae von ihnen hörte und beschloss, sich ihnen anzuschließen.
Im Seenland begrüßte die Gruppe bald ein neues Mitglied: Cyella, eine aschhaarige Kriegerin auf der Suche nach einem vermissten jungen Adligen. Als Ardbert und seine Freunde nach Amh Araeng zurückkehrten, wurde die Gruppe mit einem neuen Mitglied vervollständigt. Es war Nyelbert, ein einsamer Magier, der ihnen beinah ihre Belohnung für das gleiche Ziel streitig machte.

Für Seto war es eine Reise der Begegnungen, oft anstrengend, schmerzhaft und melancholisch, aber dennoch unvergesslich.


Der Amaro wachte auf und war für einen Moment überrascht, das Gewicht des Ordens um seinen Hals zu spüren. Er hatte geglaubt, ihn während seiner Konfrontation mit diesem Fegefeuer, das Wolekdorf zu nahe gekommen war, endgültig verloren zu haben. Die Lederschnur, die für seinen erwachsenen Körper zu kurz geworden war, war gerissen und das Schmuckstück auf den Grund eines Sees gesunken. Glücklicherweise hatte dieser Held, den er später traf, es ihm zurückgegeben, und die Pixies in Lydha Lran eine neue Schnur gedreht.

Hatten die verspielten Zauberwesen diese Gelegenheit etwa genutzt, dem Anhänger einen Schlafzauber aufzuerlegen? Wahrscheinlich nicht, denn dieses Nickerchen brachte Seto wieder auf den Geschmack zu reisen. Er war zu alt, um die Welt von einem Ende zum anderen zu durchqueren, aber für einen Blick über den See sollte es reichen. Er sagte sich auch, dass er den Pixies einen Besuch abstatten sollte, um sich zu bedanken, denn ihren Traumwebereien hatte er seinen mittäglichen Ausflug in die Vergangenheit sicherlich zu verdanken.

Der alte Amaro breitete seine imposanten Flügel aus. Er brach auf zu einem neuen Abenteuer, kurz und an sein Alter angepasst, aber ansonsten war alles so wie früher.
Das Blut der Ahnen floss durch Setos Adern, und das Wiederaufleben ihrer Macht hatte es ihm ermöglicht, die Lebenserwartung seiner Mitgeschöpfe weit zu übertreffen. Doch auch als Nachkomme seiner Vorfahren konnte er sich dem Einfluss der Zeit nicht entziehen. Ein dunstiger Schleier bedeckte jetzt seinen Blick, und seine Flügel hatten die Aufrichtigkeit ihrer Jugend verloren. Es war schon eine Weile her, dass die ältesten Amaros in Wolekdorf die Hundertjahresgrenze überschritten, und Setos Nickerchen wurden länger und tiefer. Heute wie gestern wiegte ihn der süße Duft von Blumen in einen Mittagsschlaf, der ihn mit Nostalgie an eine andere Zeit erinnerte.


Er sah Nabaath Areng, die vergangene Hauptstadt von Amh Araeng. Glühende Sonnenstrahlen schossen über die Stadt, und an einer Straßenecke lag ein schwächlicher Amaro. Er hätte in der Blüte seines Lebens stehen sollen, aber jahrelange Entbehrungen und das tägliche Schuften hatten ihn verkümmern lassen. Das Pflaster war heiß, doch der Besitzer hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Amaro von seinem Wagen zu lösen. Das Lastentier beschwerte sich jedoch nicht, denn jede Pause war willkommen.

Da bemerkte er einen mageren Hume, der aus dem gegenüberliegenden Gebäude trat.

Mein Meister ist zurück.

Der Mann hielt sein Lieblingswerkzeug in der Hand: eine aus Eidechsensehnen gedrehte Peitsche, deren Hieb tiefe, schmerzende Wunden hinterließ. Der Amaro achtete darauf, seinem Meister nicht ungehorsam zu sein, denn die Qual, die dieses Folterinstrument verursachen konnte, war seiner vernarbten Haut abzulesen.

Gleich schlägt er mich wieder.

Der Amaro schloss die Augen, um sich auf eine Welle des Schmerzes vorzubereiten. Würde es Nacken, Schultern, Wirbelsäule oder Rumpf treffen? Alles außer dem Gesicht, betete er, aber das Knallen der Peitsche blieb aus. Er öffnete ängstlich seine Augen und sah überrascht den Rücken eines jungen Kriegers, der zwischen ihn und seinen Meister getreten war.

„Endlich habe ich dich, Lamunth! Ah, aber vielleicht sollte ich dich lieber bei deinem Spitznamen nennen ... Jadefuchs!“

Seto hieß noch nicht Seto, aber dies war der Moment, in dem er zum ersten Mal den Abenteurer Ardbert traf. Es würde noch etwas dauern, bis sie untrennbare Partner wurden. Auf den Märkten von Nabaath Areng trieb seit mehreren Monaten ein Betrüger sein Unwesen. Sein gefälschter Schmuck konnte die besten Experten des Königreichs täuschen und den Edelsteinhandel auf den Kopf stellen. Ehrliche Juweliere hatten diesen mysteriösen Kriminellen den „Jadefuchs“ getauft und ein beachtliches Kopfgeld auf ihn ausgeschrieben, um ihn endlich loszuwerden.

Abenteurer aus der ganzen Welt, die von der fetten Belohnung angezogen wurden, hatten nach dem Betrüger gesucht. Aber selbst wenn einige von ihnen Fälschungen des Jadefuchses erwerben konnten, gelang es niemandem, ihn am Schwanz zu packen. Zumindest bis sich ein neues Duo auf den Weg machte ...

Ardbert und Lamitt waren diejenigen, die den genialen Zauber der Illusion vereitelten, mit dem Lamunth seinen Verfolgern entging. Zu diesem Anlass hatten sie sich mit einem erfahrenen Krieger zusammengetan, einem ehemaligen königlichen Ritter namens Branden, und allen drei war es gelungen, den Jadefuchs in die Ecke zu treiben.

Branden trat dem Team offiziell erst später bei, als Lamitt, der sah, dass der Ritter bald sein Geld für Getränke verschwendet hätte, ihm anbot, seinen Anteil an der Belohnung in mehreren Raten zu geben. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Und Ardbert, was hat er mit seiner ersten Belohnung gemacht? Er dachte nicht lange darüber nach: Sobald er hörte, dass der hagere Amaro, der Lamunth gehörte, von den Behörden Nabaath Arengs beschlagnahmt worden war, lief er los, um ihn freizukaufen.

Als Ardbert mit ihm ins Gasthaus zurückkehrte, brach das arme Tier vor Müdigkeit zusammen, was Branden zu einer gefühllosen Äußerung anstieß.

„Will der etwa so mit uns auf Reisen gehen? Der ist ja nichts als Haut und Knochen. Der schafft ja nicht mal eine Runde um die Stadtmauer. Wenn wir ihn aufspießen und braten, bekommen wir nicht mal eine Mahlzeit zusammen.“

Der Amaro reagiert auf diese Verspottungen mit einem Schnaufen durch die Nüstern, als hätte er ihre Bedeutung verstanden. Ardbert seinerseits begnügte sich damit, das Kinn seines neuen Begleiters zu streicheln.

„Du bist zu schlau, um auf einem Teller zu landen, oder, Seto? Hör nicht auf diesen verrückten alten Mann. Wir werden es ihm früh genug beweisen.“

Ardbert hatte immer ein gutes Herz gehabt. Aber er hatte sich nicht um den armen Amaro gekümmert, nur weil das Tier in Gefahr war, eingeschläfert zu werden. Er sah einen Ausbruch von Intelligenz in seinen Augen.

Ardbert wurde in einem Dorf auf den Höhen einer kleinen Insel vor Kholusia geboren. Er war mit keinem anderen Kind seines Alters zusammen aufgewachsen und mehr von wilden Tieren als von seinem eigenen Großvater aufgezogen worden. Doch dieser hatte ihm alles eingeflößt, was er über den Berg und sein Tierreich wusste, einschließlich des Verhaltens häuslicher Amaros. Als Seto sich kurz nach seiner Ankunft im Gasthaus setzte, sah Ardbert dies nicht als Faulheit, sondern als eine geschickte Geste der Selbsterhaltung, die es ihm ermöglicht hatte, seine Kraft zu bewahren, um die von seinem ehemaligen Meister verursachten Qualen besser zu ertragen.

„Komm, mein Hübscher! Du bist dran!“

Auf Ardberts Pfiff hin breitete sich Seto in voller Länge inmitten der ausgedörrten Gebiete der Bernsteinfelder aus, während sich sein neuer Meister zusammen mit Branden und Lamitt hinter einem Felsbrocken versteckte. An diesem Tag sollte Seto als Köder verwendet werden, um ein Rudel Kojoten anzulocken, welche durchziehende Karawanen angriffen.

„Dein Amaro hat nicht genug Fleisch auf seinen Knochen, um einen einsamen, verhungernden Kojoten anzulocken, geschweige denn ein Rudel ...“, grummelte Branden, als er seinen Kopf so gut er konnte senkte, um zu verhindern, dass er über dem Felsen herausragte.

Seto wusste immer noch nicht, was er von seinem neuen Besitzer halten sollte. Er benutzte nie die Peitsche und behandelte ihn freundlich. Er versorgte ihn mit Wasser, Essen und ging sogar so weit, ihn zu striegeln. Und Seto träumte manchmal, wenn er sein Kinn streichelte. Er verstand es nicht.

Es gab noch mehr Dinge, die Seto nicht verstand. Ardbert versuchte ab und zu, ihm Kunststückchen beizubringen. Seto spielte mit. Aber jetzt sollte er wilden Tieren geopfert werden? Was hatte das zu bedeuten?

Ich hätte es wissen sollen. Den Zweibeinern ist nicht zu trauen.

Die Kojoten hatten sich gezeigt, und Seto war weiter zusammengesunken, als hätte er jede Hoffnung verloren. Hatte sich sein Meister etwa um ihn gekümmert, nur damit er einen besseren Köder abgab?

„Gut gemacht, Seto. Und jetzt komm her!“

Ardbert sprang mit der Axt in der Hand hinter dem Felsen hervor und rannte auf ihn zu. Er hatte ihn nicht im Stich gelassen. Seto stand blitzschnell auf und galoppierte mit voller Geschwindigkeit auf seinen Meister zu. Ein anderer Amaro wäre vielleicht geflohen, aber die Nachwirkungen der Misshandlungen, die er erlitten hatte, hinderten ihn immer noch daran. Also raste er die Ebene hinunter und schlug schändlich mit den Flügeln, ohne jemals den Boden zu verlassen, was Branden zum Lachen brachte.

„Haha! Schaut euch das hagere Hühnchen an! Zum Schieflachen ist das!“

Der Große macht sich immer noch über mich lustig, dachte Seto. Dann änderte er abrupt seinen Kurs, rannte auf Branden zu und sprang im letzten Augenblick über ihn hinweg. Die Kojoten hatten neue Beute.

„Dieses flatternde Mistviech!“

Jetzt war es an dem Ritter, zu galoppieren.

Das Abenteurerteam hat seine Mission erfüllt und die versprochene Belohnung in die Tasche gesteckt. Dann folgte eine Monsterjagd auf die andere. Um das Ziel anzulocken, spielte Seto manchmal die Rolle einer leichten Beute, manchmal die des Revierrivalen. Sein größter Moment des Ruhms war wahrscheinlich, als die Gruppe der Abenteurer angeheuert wurde, um riesige Phorusrhacos zu besiegen, welche die Bernsteinfelder unsicher machten. Zu jedermanns Überraschung, einschließlich Ardbert, ahmte Seto den Schrei des Weibchens perfekt nach, eine Aufführung, die das schwer fassbare Tier aus seinem Versteck zwang. Sie schafften es, die Bestie zu verwunden und sie dann in ihrem Nest in die Enge zu treiben, um ihr dort den tödlichen Schlag zu versetzen.
Zwerg Lamitt, dessen Helm trotz der sengenden Hitze unverrutschbar am Kopf befestigt war, bemerkte etwas, als sie das Versteck des Tieres durchsuchten.

„Seht mal. Das könnte doch was wert sein“, sagte der Zwerg zu seinen Begleitern.

„Bei meinem Barte! Es stimmt also, was man über die Phorusrhacos sagt: Sie lieben den Glitzerkram.“

Inmitten der trockenen Blätter und Zweige, aus denen das Nest des Tieres bestand, schimmerten Schmuckstücke, die aus Edelmetallen aller Art geschmiedet waren. Eines von ihnen, eine Art großes goldenes Medaillon, fiel Branden ins Auge. Er hielt es hoch, um die Reflexionen der Sonne zu betrachten.

„Das ist ein Orden, wie ihn die königliche Familie von Nabaath Areng ihren angesehensten Generälen überreichte. Was für ein Glanz ... Ich bin fast geblendet ... Davon sieht man heutzutage nicht mehr viele. Dieser muss über zweihundert Jahre alt sein. Der Phorusrhacos wird ein Grab geplündert oder es einem seiner Opfer entrissen haben. Auf jeden Fall werden wir bei einem Antiquitätenhändler einen sehr guten Preis dafür bekommen!“

Branden wollte den kostbaren Schatz gerade mit einem breiten Lächeln in seine Tasche stecken, als Ardberts Hand dazwischenging.

„Warte, Branden. Glaubst du nicht, dass der Löwenanteil an den Helden des Tages gehen sollte?“

„Ich habe alle Angriffe abgewehrt und dem Biest auch noch seinen Kopf abgehackt. Wenn das nicht mich zum Löwen der Geschichte macht, würde ich gerne wissen, wer es dann ist.“

„Es liegt mir fern, dein Verdienst zu mindern. Ich denke nur, dass diese Belohnung an denjenigen gehen sollte, der unser Ziel zu unseren Klingen lockte: den stolzen Seto!“

Ardbert löste die Lederschnur seiner Gürteltasche und machte den Orden zu einem Anhänger, den er um den Hals seines treuen Begleiters hängte.

„Man kann sich keinen besseren Partner als dich wünschen!“

Seto zog scharf Luft durch die Nüstern ein, als wollte er seine Zufriedenheit zeigen, vielleicht war es sogar unverhohlener Stolz.

„Ich denke auch, dass du dir das Stück verdient hast. In jedem Fall hätte Branden das Wunder vollbracht, in einer Nacht Gold in Wein zu verwandeln, wenn es ihm überlassen worden wäre“, sagte Lamitt mit einem Lachen, als Branden resigniert die Arme hob.

„Schon gut, schon gut! Seto kann es behalten. Er ist der Löwe des Tages.“

Und so wurde Seto als Ardberts Partner in die Gruppe aufgenommen. Die vier Gefährten verdingten sich weiter als Monstertilger in Amh Araeng, bis eine mysteriöse Jägerin namens Renda-Rae von ihnen hörte und beschloss, sich ihnen anzuschließen.
Im Seenland begrüßte die Gruppe bald ein neues Mitglied: Cyella, eine aschhaarige Kriegerin auf der Suche nach einem vermissten jungen Adligen. Als Ardbert und seine Freunde nach Amh Araeng zurückkehrten, wurde die Gruppe mit einem neuen Mitglied vervollständigt. Es war Nyelbert, ein einsamer Magier, der ihnen beinah ihre Belohnung für das gleiche Ziel streitig machte.

Für Seto war es eine Reise der Begegnungen, oft anstrengend, schmerzhaft und melancholisch, aber dennoch unvergesslich.

Der Amaro wachte auf und war für einen Moment überrascht, das Gewicht des Ordens um seinen Hals zu spüren. Er hatte geglaubt, ihn während seiner Konfrontation mit diesem Fegefeuer, das Wolekdorf zu nahe gekommen war, endgültig verloren zu haben. Die Lederschnur, die für seinen erwachsenen Körper zu kurz geworden war, war gerissen und das Schmuckstück auf den Grund eines Sees gesunken. Glücklicherweise hatte diese Heldin, die er später traf, es ihm zurückgegeben, und die Pixies in Lydha Lran eine neue Schnur gedreht.

Hatten die verspielten Zauberwesen diese Gelegenheit etwa genutzt, dem Anhänger einen Schlafzauber aufzuerlegen? Wahrscheinlich nicht, denn dieses Nickerchen brachte Seto wieder auf den Geschmack zu reisen. Er war zu alt, um die Welt von einem Ende zum anderen zu durchqueren, aber für einen Blick über den See sollte es reichen. Er sagte sich auch, dass er den Pixies einen Besuch abstatten sollte, um sich zu bedanken, denn ihren Traumweberein hatte er seinen mittäglichen Ausflug in die Vergangenheit sicherlich zu verdanken.

Der alte Amaro breitete seine imposanten Flügel aus. Er brach auf zu einem neuen Abenteuer, kurz und an sein Alter angepasst, aber ansonsten war alles so wie früher.