Der Lodestone

Annalen des Befreiungskampfes

Wetten um Leben und Tod


Aus einer Schlachtreihe weiter hinten wehte der kalte Wind, der über die Steppe des Abanischen Fenns blies, die Fetzen eines Liedes an sein Ohr.

♪ Nymeia, sei mir hold und füll mein Kistchen voll mit Gold! ♪

♪ Oder hast du mich verlassen? Soll'n meine Knochen drin verblassen? ♪

Es war der Vers eines ul'dhischen Liedes, in dem ein gut gelaunter Mann eine schwere Kiste durch den Wüstensand zieht. Das Lied handelt von einer Wette, die der Mann auf sein Schicksal macht. Eine Wette, die die Kiste entweder zu einer Schatztruhe oder zu seinem Sarg machen wird. Den Ausgang kennt nur Nymeia, die unberechenbare Göttin des Schicksals, die es vermag, eine Kiste mal mit Gold, mal mit Knochen zu füllen. Am Ende des Liedes meint die Schicksalsgöttin es gut mit dem Mann und er wird reich, doch Oberst Pipin zweifelte daran, dass der heutige Tag ein ähnlich gutes Ende für ihn nehmen würde.

Sein Vater hatte ihm das Lied oft vorgesungen. Nicht sein Ziehvater Raubahn Aldynn, den Pipin über alles liebte, sondern sein leiblicher Vater - der trink- und spielsüchtige Schuft, der seinen eigenen Sohn an einen Buchmacher verkauft hatte, um Wettschulden zu begleichen. Noch gut erinnert sich Pipin daran, wie er im Alter von zwölf Jahren vom Steinesortieren in der Erzmine nach Hause kam, und der bullige Ausrichter der Gladiatorenkämpfe sagte:

„Wollen wir doch mal sehen, ob du es schaffst, Bürschchen. Wirst du leben oder sterben? Wie wär's mit einer Wette? Einer Wette um dein Leben! Ha ha ha!“

Der enge Raum der Gladiatorenunterkunft war eigentlich ein Arbeitsraum, in dem Pipin schon frühmorgens Steine aus der Erzmine sortierte. Doch ein eigenes Zimmer hatte der Lalafell-Junge nicht, und wenn er mit seiner schweren Arbeit, seinen Diensten für die älteren Gladiatoren und dem eigenen Schwerttraining fertig war, ließ er sich hier völlig entkräftet nieder, um zu schlafen. Aber immerhin hatte er in der Gladiatorenschule genug zu essen. Und er aß, denn als Gladiator war sein Körper sein ganzes Kapital. Er wollte stark werden und in der Arena gewinnen. Er aß das Brot - seine Ration, und was an Krumen und Rinde er noch finden konnte. Er aß die Fleischsuppe - bis zum letzten Bissen und genoss die Gewürze, von denen er viele zum ersten Mal in seinem Leben schmeckte. Immerhin musste er keinen Hunger leiden.

Doch das Leben war hart und oft fragte der junge Pipin sich, wie lange er noch durchhalten würde. Jeder Übungskampf konnte mit seinem Tod enden. Er dachte an Flucht, doch sein Ausbilder wachte mit Habichtsaugen über ihn. Ein volles Jahr verging, dann wies ihm der Arenenmeister einen erfahrenen Gladiatoren als Mentor zu.

„Was für ein Knirps! Sag, wie alt bist du?“

Pipins Kinnlade klappte runter, und er bekam sie nur schwer wieder zu, um zu antworten. „Dreizehn“, mehr brachte er nicht hervor.

Auf dem Weg zum Kolosseum wechselten sie kein Wort. Dieser Mann muss sehr schweigsam sein, vielleicht ist es auch die Aufregung vor dem Kampf, dachte Pipin. Er beließ es dabei und sprach den bulligen Kämpfer nicht an. Unter den Gladiatoren gab es viele raue Gestalten, denen man besser nicht mit Geschwätzigkeit die Laune verdarb.

Auch im Rüstzimmer des Kolosseums bellte der stämmige Schwertkämpfer Pipin nur ein paar knappe Anweisungen zu. Hol mein Schwert, zurr meinen Harnisch fester. Pipin sagte kein Wort und tat, wie ihm geheißen. Zuletzt reichte er seinem neuen Mentor den Helm. Er war aus pechschwarzem Metall und mit gewaltigen Hörnern verziert. Der Gladiator stülpte ihn sich über und trat in die Arena.

„Der Bulle von Ala Mhigo, Raubaaahn Aldyyynn!“

Kaum hatte der Arenenmeister angesetzt, den Meisterschwertkämpfer anzukündigen, riss es die Menge von den Sitzen. Der Jubel war ohrenbetäubend. Das Kolosseum bebte, und Pipin ebenso, als er dem Champion ehrfürchtig hinterherblickte.

Von diesem Tag an diente Pipin vornehmlich dem Bullen von Ala Mhigo. Raubahn war tatsächlich kein gesprächiger Mann, doch nach und nach tauschten die beiden Geschichten über ihre Vergangenheit aus. Raubahn stammte aus Ala Mhigo, einem stolzen Land, das den einrückenden Truppen des Garleischen Kaiserreichs zwar lange die Stirn geboten, aber den Kampf letztendlich doch verloren hatte. Raubahn hatte sich im Kampf gegen die Garlear verletzt, floh unter großen Schmerzen - nicht nur in seinem verletzten Bein, sondern auch in seinem gebrochenen Herzen - aus seiner Heimat und schleppte sich durch die Wildnis, bis er nach Ul'dah kam. Fremde waren in der Wüstenstadt schon damals nicht gern gesehen, und der Krieger geriet in Gefangenschaft. Jetzt kämpfte er als Gladiator um seine Freiheit.

Pipin schöpfte Mut aus der Tatsache, dass selbst dieser unvorstellbar starke Mann, der die Leute so in seinen Bann zog, unerbittlich um seine Freiheit kämpfen musste. Das ul'dhische Recht sah vor, dass sich jeder Gladiator von den Preisgeldern, die er im Kolosseum erfocht, freikaufen konnte. Raubahn war ein Kämpfer durch und durch, der sich seinem Schicksal stellte, und Pipin wünschte sich sehnlichst, selbst zu eben solch einem Mann zu werden. Er würde überleben und für seine Freiheit kämpfen.


„Das war's. Der Preis für die Freiheit ist bezahlt.“

Raubahn ließ sich erschöpft auf die Bank im Rüstzimmer fallen und streifte sich den Helm, glänzend vom Blut seiner Gegner, ab. Er hatte seinen letzten Sieg im Kolosseum errungen.

„Ich gratuliere dir, Raubahn, von ganzem Herzen!“

Nach Jahren der Mühen hatte Raubahn also endlich genügend Preisgelder erstritten, um sich freizukaufen. Pipin freute sich für seinen Mentor und darüber, dass er diesen Moment mit ihm teilte. Doch bei dem Gedanken, dass er sich bald von Raubahn verabschieden musste, verdunkelte sich sein Gesicht.

„Freust du dich denn gar nicht? Über die Freiheit?“

Raubahn blickte Pipin streng an. Der junge Lalafell war ratlos und die Schamesröte schoss ihm in die Wangen.

„Du bist frei. Ich habe dich beim Arenenmeister freigekauft. Die Arena ist ein Ort des Todes. Aber du, du wirst leben, mein Sohn.“

Endlich begriff Pipin, und die Tränen strömten ihm über die Wangen. Vor Glück, dass sein hartes Leben ein Ende hatte, vor Erleichterung, dass er den Gladiatorenkämpfen entkommen war, und vor Rührung, weil Raubahn ihm diese Güte entgegenbrachte.

Früh am nächsten Morgen verließ Pipin die Gladiatorenunterkunft mit nichts mehr als einem kleinen Bündel. Niemand war da, um ihn zu verabschieden. Raubahn bereitete sich bereits auf den nächsten Kampf vor. Der Arenenmeister und die anderen Gladiatorenschüler hatten das Interesse an dem Lalafell-Jungen verloren.

Er schritt über die noch kühlen Pflastersteine, seine ersten Schritte in Freiheit. Zu solch früher Stunde war noch wenig Betrieb auf der großen Straße, doch mit jedem Schritt wuchs das Unbehagen in Pipin. Wo sollte er hingehen? Zurück zu dem Mann, der ihn an einen Buchmacher verkauft hatte? Der war nicht mehr sein Vater.

Pipin blieb stehen. Dann rannte er los, den gleichen Weg zurück, den er gekommen war.

„Was machst du denn schon wieder hier?“

Raubahn wischte sich den Schweiß des Morgentrainings aus dem Gesicht.

„Ich will lernen zu kämpfen. Ich will so stark werden wie du, und vor nichts und niemandem Angst haben müssen. Bitte!“

Das Leben in der Gladiatorenunterkunft war hart, doch was für Pipin zählte, war, dass es hier jemanden gab, zu dem er aufschauen konnte. Jemanden, den er respektierte. Den er wie einen Vater liebte.

Raubahn war ein unfreier Gladiator, doch er war auch der Champion der Arena und konnte Dinge in Bewegung setzen. Der Vertrag, den Pipins Vater mit dem Arenenmeister abgeschlossen hatte, übertrug das Erziehungsrecht und die Vormundschaft über Pipin auf den Inhaber des Vertrags. Raubahn kaufte dem Arenenmeister diesen Vertrag ab und wurde so zu Pipins Adoptivvater.

Pipin lebte mit seinem neuen Vater in der Gladiatorenunterkunft, wo Raubahn ihn im Schwertkampf ausbildete. Die tödlichen Arenakämpfe blieben ihm als freier Bürger erspart, und Raubahn gestattete es nicht, dass Pipin freiwillig daran teilnahm. Dafür lehrte er seinen Sohn Dinge, die er keinem anderen Gladiator verriet. Er lehrte ihn, zu überleben.

All dies lag nun lange zurück. Pipin Tarupin, Oberst in der Legion der Unsterblichen, stand an der Spitze seiner Truppen und war im Begriff, Ala Mhigo, die Heimat seines Vaters, zurückzuerobern.

„Pah! Dies ist nicht das erste Mal, dass mein Leben auf dem Spiel steht. Ich werde es schaffen. Wollen wir wetten, Nymeia?“

Pipin griff das Fluchschwert Tizona fester und führte seine Truppen mit einem markerschütternden Schrei aufs Schlachtfeld.