Der Lodestone

Annalen des Befreiungskampfes

Einsamer Steppenwolf


„Der Regen, der auf die Erde fällt, und der Himmel, von dem er herunterfällt, sind dieselben, wohin man auch geht. Kommt zusammen, kommt und hört meine Geschichte. Die Geschichte eines Stammesführers ...“

An diesem Punkt konnten sich die jungen Männer, die sich um das Feuer scharten, ein Kichern nicht verkneifen.

„Und was für ein großartiger Stammesführer! Wie alle Legenden begann auch diese vor langer, langer Zeit - in der Steppe mit ihren Bewohnern, den Kindern des Vaters der Morgendämmerung und der Mutter der Abenddämmerung.“

Von den Quellen in den Gipfeln des Schwanzendes bahnen sich unzählige Flüsse ihren Weg nach Azim Khaat. Auf diesem See ruht ein gewaltiges Steinmonument. Eine heilige Festung, die der Vater der Morgendämmerung selbst errichtet hatte. Ein Thron, auf dem seine Kinder in der Sonne baden können.

An seinem Fuße leben stolze und starke Krieger. Sie allein wurden von Azim auserwählt, über alle Au Ra Xaela zu herrschen. Die Oronir.

Und unter den Oronir lebte ein Junge, der für große Dinge bestimmt war.

Ein erneutes Kichern unterbrach die Erzählung, doch wurde von einem strengen Blick jäh abgebrochen.

Sein Name war Magnai. Er war ein ganzes Stück größer und besonnener als die meisten Jungen in seinem Alter, und er verfügte über die Stärke, es mit ausgewachsenen Kriegern aufzunehmen. Er konnte mit Leichtigkeit ein halbes Dutzend Eimer Ziegenmilch tragen und eine Axt, die zweimal so groß war wie er selbst, wie eine Feder schwingen. Er war so talentiert, dass er oft mit den Männern auf die Jagd ging, was sie dazu veranlasste, ihn scherzhaft zum Stammesführer zu küren. Derlei Angelegenheiten würden natürlich in einem Wettkampf entschieden, aber sie klopften ihm dennoch anerkennend auf die Schulter und überschütteten ihn mit Lob. Er genoss es - wie es wohl jeder Junge in seinem Alter tun würde.

Doch was der junge Krieger Magnai am liebsten hörte, waren Geschichten aus der Vorzeit. Immer und immer wieder lag er den Geschichtenerzählern in den Ohren, ihm nochmals die älteste zu erzählen - die von dem Vater der Morgendämmerung und der Mutter der Abenddämmerung, ihrem Krieg und ihren Kindern. Mit wachen Augen und gespitzten Ohren saß er gespannt da und lauschte den Ausführungen über die Liebe, welche zwischen den Kindern von Azim und Nhaama erblühte. Darüber, wie die Götter nie zusammen sein konnten und wie es dazu kam, dass das Abbild Azims - die Oronir - als Beschützer unter Nhaamas Kindern verweilte.

Jedes Mal, wenn die Erzähler ans Ende der Geschichte gelangt waren, nickte Magnai zustimmend. Er hatte eine heilige Pflicht zu erfüllen, eine gewichtige Aufgabe, und widmete sich mit neuer Kraft und ohne ein Wort zu verlieren wieder seinem Training.

Bis zu jenem Tag, an dem Bruder Magnai am Ende der Geschichte eine Frage stellte.

„Ältester, woher weiß ich denn, dass ich meine Nhaama getroffen habe?“

Ein junger Mann, der gerade seinen Trinkbeutel an die Lippen gesetzt hatte, verschluckte sich beinahe.

Magnais Frage beruhte auf dem Glauben der Oronir, dass Nhaama beim Anblick der Kinder Azims Tränen der Liebe und Sehnsucht vergoss. Als diese Tränen zu Boden fielen, wurden aus ihnen die Seelenverwandten der Oronir. Für jede Sonne sollte es einen Mond geben, für jeden Azim eine Nhaama.

Ziemlich überrascht begann der Erzähler ihm davon zu berichten, wie er seine große Liebe getroffen hatte, doch das genügte Magnai nicht. Also zog er los und befragte seine älteren Brüder. „Wie habt ihr denn eure Nhaama getroffen?“
„Auf dem Marktplatz“, sagte einer. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“
„Auf der Jagd“, erwiderte ein anderer. „Als ich sah, wie sie ihren Bogen spannte, wusste ich sofort, dass sie es war.“

Er hörte zahlreiche ähnliche Geschichten. Eine zufällige Begegnung, ein flüchtiger Augenkontakt, und schon wurde alles so, wie es vorherbestimmt war.

Aber genau wie bei dem Bericht des Geschichtenerzählers zuvor, wurde er daraus nicht viel schlauer. Von diesen zufrieden lächelnden Männern, denen die Götter gnädig gestimmt waren und ihre Monde finden ließen, konnte er kein geheimes Wissen erlangen.

Doch Magnai gab die Hoffnung nicht auf. Er war sich sicher, dass das Schicksal ihn schon bald mit seiner Auserwählten zusammenführen würde.

Magnais Gedanken kreisten häufig um seine Nhaama und wie sie wohl sein würde. Die Steppe war groß und die Xaela zahlreich. Sie könnte überall sein, in jedem der vielen Stämme, fürchtete er.

Magnai hatte viele Schwestern, und sie waren genauso imposant wie er, doch er mochte sie nicht besonders. Wann immer er versuchte, sich zum Spielen davonzustehlen, fanden sie ihn und brachten ihn zurück. Er weinte und protestierte jedes Mal, da er nichts für niedere Tätigkeiten übrig hatte, aber sie sorgten stets dafür, dass er seine Hausarbeiten erledigte.

Eines Tages, während er sich gerade um Wolle kümmerte, die seine älteren Schwestern frisch gefärbt hatten, wurde ihm klar, dass seine Nhaama ihm gegenüber niemals die Stimme erheben würde. Nein, sie würde eine sanftmütige junge Dame sein.

An einem anderen Tag wurde Magnai von seinen älteren Schwestern losgeschickt, um ein kleines verlorenes Lamm wieder nach Hause zu bringen. Als die Sonne schon tief am Horizont stand, stieß er auf eine Herde Halgai, die von dem Blöken des gesuchten Lammes angelockt worden war. Selbstverständlich erlegte er die Bestien mühelos und rettete das Lamm, doch nach dem Kampf standen bereits die Sterne am Himmel und so blieb Magnai nichts anderes übrig, als mit dem Tier zwischen den Felsen Zuflucht vor der unbarmherzig kalten Nacht in der Steppe zu suchen.

Er erwachte beim Morgengrauen, als das Licht des sich erhebenden Vaters der Steppe jenes der Sterne zu überstrahlen begann. Er sah zu, wie die Welt von der Gnade Azims verändert wurde, als der Himmel zunehmend erleuchtete wie die Bäckchen einer errötenden jungen Dame. Der Anblick erfüllte sein Herz mit Freude.

Ihm wurde klar, dass seine Nhaama von der gleichen Schönheit sein und ihr Anblick einen solch erhebenden Moment in ihm hervorrufen würde. Sie würde eine Tänzerin im Morgennebel sein.

Ein Ächzen ertönte aus dem gebannten Publikum, und einige konnten sich ein Lachen nicht verkneifen.

Ja, das wäre die perfekte Frau!
Die Jahre vergingen und der kleine Krieger Magnai wurde älter und stärker. Als er alt genug war, um an den Stammeskämpfen teilzunehmen, gewann er mit Leichtigkeit und wurde zum Stammesführer ernannt. Voller Macht und Stolz führte er die Oronir zum Sieg im Naadam, was ihm noch mehr Lob und Anerkennung einbrachte. Es gab niemanden, der ihm das Wasser hätte reichen können, dem geborenen Führer unter Azims Söhnen, dem Beschützer der Xaela.

Doch bei all seinen Triumphen und der damit einhergehenden Ehre hatte er noch immer nicht seine Nhaama gefunden.

Jemand seufzte, während sich ein anderer aus dem Licht des Feuers entfernte, um sich zu erleichtern.

Natürlich gab es zahlreiche junge Frauen, die sich um seine Gunst bemühten. Aber Magnai war wählerisch - äußerst wählerisch. „Nicht sie“, würde er sagen. Immer wieder hörte man sein „Nicht sie“, und schon bald wagte es keine Dame mehr, sich ihm zu nähern.

Einer nach dem anderen seiner Brüder fand seine Nhaama - während Magnai in Gedanken versunken auf seinem Thron saß und seine Laune sich von Tag zu Tag verfinsterte. Einer der jüngeren Brüder konnte dies nicht länger mit ansehen und machte ihm einen Vorschlag.

„Großer Bruder Magnai! Du hast die Oronir zum Sieg im Naadam geführt. Du hast den Morgenthron erklommen und herrschst über alle anderen in der Steppe! Sicherlich steht es in deiner Macht, zu verlangen, dass die jungen Damen in diesem Land zu dir kommen, nicht wahr? Lass uns Pferde und Yol in die entlegensten Winkel der Steppe entsenden und so Azim will, werden sie mit deiner Nhaama zurückkehren!“

Wie zu erwarten, war Magnai für diese Idee empfänglich.

An jenem Tag wurden zahlreiche junge Frauen der Steppe zu Magnai gebracht. Auf dem Morgenthron kamen sie zusammen und wurden dort dem Stammesführer präsentiert, der mit ernster Miene im Schatten eines großen Pavillons saß. An seiner Seite stand sein jüngerer Bruder, der sich nach vorne beugte und in sein Ohr flüsterte.

„Großer Bruder Magnai, dies sind die hübschesten jungen Damen der Steppe. Ich habe keinen Zweifel, dass eine den Tränen Nhaamas Entstammende dazu bestimmt ist, an deiner Seite zu stehen.“

Magnai nickte zustimmend, erhob sich von seinem Platz und schritt auf die Reihe der Frauen zu. Er schaute von links nach rechts und studierte aufmerksam ihre Gesichter. Einige sahen ihn ehrfürchtig an, andere schienen sich unbehaglich zu fühlen. Bei wieder anderen vermochte er Abscheu zu vernehmen. Doch seine Augen blieben schnell an einer bestimmten Dame hängen.

Die Maske, die sie über ihrem Mund trug, vermochte ihre Schönheit nicht zu verbergen. Sie flüsterte nicht mit den anderen Frauen an ihrer Seite und schien auch keine Furcht vor ihm zu haben. Sie war ruhig und gelassen und stand einfach nur stumm da, als wäre er gar nicht anwesend.

Magnais Interesse war geweckt. „Du da“, fing er an und machte einen Schritt nach vorne. Die Frau jedoch wich erschrocken einen Schritt zurück.

Leider hatte der große Bruder nur wenig Erfahrung im Umgang mit den Qestir und merkte nicht, dass die Frau keinerlei Interesse an ihm hatte - höchstens an seinem Pavillon, der in Reunion sicherlich viele Kunden angelockt hätte.

Wiederum brach Gelächter in der Gruppe aus. Doch der Bitte um Ruhe wurde schnell nachgegeben.

Verärgert und verwirrt machte Magnai einen Satz nach vorne und ergriff das Handgelenk der Frau. Sie erstarrte und riss vor Schreck die Augen weit auf.

Sie war schwach und er war stark. Er hätte ihr mit Leichtigkeit den Arm brechen können, wenn er gewollt hätte. Diese plötzliche Erkenntnis versetzte ihn selbst in Staunen, doch er hielt die Hand der Dame fest umklammert. Ihre Statur war der seiner Schwestern ähnlich, aber sie war anmutig und hatte ihm gegenüber noch immer nicht ihre Stimme erhoben. Sein Herz schlug schneller. Er fragte sich, ob sie es sein könnte.

Magnai starrte sie an, als würde er in ihren Augen nach einer Antwort suchen. Er suchte nach Anzeichen eines Errötens ihrer Bäckchen. Er wartete darauf, dass sie den Kopf hob und ihm in die Augen blickte, um den Mond zu enthüllen, nach dem er sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Er würde auf der Stelle tausend Gebete den Göttern widmen und unverzüglich mit den Planungen für die größte Hochzeitsfeier, die die Steppe je gesehen hat, beginnen.

Doch das Schicksal wollte es nicht so.
Denn die zitternde junge Dame, auf der Magnais durchdringender Blick ruhte, brach in Tränen aus und schüttelte vehement mit dem Kopf, um ihre Ablehnung deutlich zu machen. Und in diesem Moment hallte eine giftig klingende Stimme wie Donner durch die Steppe!

„Muhahahaha! Damit hast du wohl deine Antwort! Wenn du dich nicht an den Tränen eines Mädchens erfreust, solltest du sie wohl besser gehen lassen.“

Alle drehten sich sofort zu der Frau um, die etwas entfernt von den anderen stand. Eine Frau, die nicht dort war, um sich zu präsentieren, sondern um diese Farce zu beobachten. Furchtlos trat sie näher, während ihre weißen Haare im Wind wehten.

Es war Sadu, die Stammesführerin der Dotharl, die schon viele Male gegen die Oronir um die Vorherrschaft in der Steppe gekämpft hatte.

Das Publikum warf sich vielsagende Blicke zu und eine allgemeine Vorfreude machte sich breit.

Mit aufgerissenen Augen und schnaubend vor Wut ließ Magnai von der jungen Qestir-Dame ab, die ihr Haupt dankbar in Sadus Richtung beugte und sich wieder zu den anderen Frauen begab, die aus der Ferne gebannt der sich anbahnenden Konfrontation beiwohnten.
„Du bist also der neue Khan der Oronir. Wir sind uns zwar noch nicht auf dem Schlachtfeld begegnet, aber ich habe von deinen Verdiensten gehört ... jedoch nicht von deinen anderen Gelüsten. Wie enttäuschend.“

„Gib nicht vor, Dinge zu verstehen, von denen du keine Ahnung hast, du respektlose Göre. Verschwinde, oder stell dich zu den anderen, wenn du magst. Vielleicht ist dir die Sonne ja doch noch gnädig.“

Sadu trug ein zähnebleckendes Grinsen zur Schau - wie ein Baras, der mit seiner Beute spielt. Sie erblickte zahlreiche Oronir-Brüder, die auf sie zukamen, zog blitzschnell ihren Stab und versetzte den Boden um sich herum in Flammen. Die jüngeren Brüder sprangen erschrocken zurück und die anderen Frauen ergriffen die Flucht. Magnai jedoch verzog lediglich eine Augenbraue und warf Sadu einen finsteren Blick zu.

„Oh! Anscheinend habe ich all deine kleinen Monde vertrieben. Oder waren sie vielleicht dankbar für diese Gelegenheit?“ Sie breitete ihre Arme aus und hob ihr Kinn, als würde sie in der Hitze ihrer Flammen baden. „Dein Sieg ändert nichts. Die Welt wird sich nicht deinen Launen unterwerfen - und wir Dotharl schon gar nicht!“

Magnai seufzte. Ein Jüngling spurtete zu ihm und drückte ihm seine steinerne Axt in die Hand, bevor er sich wieder zurückzog. Dies war eine Sache, die der Khan und seine Widersacherin unter sich ausmachen mussten.

„Eines Tages“, hörte man ihn flüstern. „Eines Tages werde ich dich finden, meine Liebe. Meine liebliche Dame der Abenddämmerung. Meine himmlische Jungfrau. Meine Tänzerin im Morgennebel.“

Drei Tage und drei Nächte lang wütete das Duell - genauso lange, wie die Oronir um den Morgenthron gekämpft hatten. Am Ende jedoch stand ein Unentschieden und Sadu kehrte nach Hause zurück, um ihre Wunden zu lecken und von Rache zu träumen.

Und der große Stammesführer? Auch er kehrte dem Kampf den Rücken zu und begab sich wieder zu seinen Brüdern, die er noch immer um ihr Glück beneidete. Und auf den Thron, auf dem er alleine sitzen würde ... ganz alleine.

Aber wer vermag schon zu sagen, was die Zukunft für ihn bereithält?