Der Lodestone

Annalen des Befreiungskampfes

Die Nacht, da sie erblühte


Doma, Provinz des garleischen Kaiserreiches ...

Yotsuyu war eine Verräterin. Domas amtierender Statthalter, ein ehemaliger Beamter aus Garlemald, hatte die Domanerin schon oft als Spitzel eingesetzt. Ihre Aufgabe war es, dem Widerstand auf den Zahn zu fühlen, der im Begriff war, sich unter dem gestürzten König Kaien neu zu formieren. Yotsuyu spielte den Rebellen zu diesem Zweck belanglose Informationen über die Besatzer zu, die sie vorgeblich bei ihrem Dienst als Freudenmädchen von garleischen Soldaten erfahren hatte. Und hinterrücks gab sie alles, was ihr die Rebellen erzählten, an ihren Auftraggeber weiter.

Ja, Yotsuyu war eine Verräterin. Aber das ließ sie vollkommen kalt. Denn für Doma und seine Bewohner hatte sie nur noch Verachtung übrig. Dafür hatten ihre Stiefeltern und ihr verstorbener Mann gesorgt, die ihr das Leben zur Hölle gemacht hatten. Und hatte auch nur einer ihrer ach so ehrvollen Landsleute versucht, etwas dagegen zu tun? Nein, sie alle hatten weggeschaut und das Leid geduldet. Ihre Schuld war kollektiv. Doma hatte den Verrat verdient.

Es war noch nicht lange her, dass sie sich beim Widerstand eingeschlichen hatte, als der Statthalter sie zu sich rief. Aus Garlemald hatte sich hoher Besuch angekündigt, und ihr Dienstherr schien seine Chance zu wittern. Ausnahmsweise würde Yotsuyu nicht ihre Landsleute, sondern einen Garlear ausspionieren. Und keinen gewöhnlichen dazu, denn ihr Ziel war niemand Geringeres als

Zenos yae Galvus, Kommandant der XII. Legion und Enkel des erkrankten Kaisers Solus. Die Hintergründe für ihren Einsatz als Doppelagentin waren so verworren wie banal ...

In Garlemald war ein Kampf um die Nachfolge von Solus entbrannt. Der ursprüngliche Thronfolger, Solus' älterer Sohn, war bereits verstorben und hatte mit General Varis einen Sohn hinterlassen, der nun mit Solus' jüngerem Spross Titus, einem ehemaligen Mitglied des Senats, um die Krone focht. Zenos wiederum war der älteste Sohn von Varis und somit für Domas Statthalter, einen Beamten und Anhänger der Titus-Fraktion, ein Feind im eigenen Land. Die Fronten waren abgesteckt.


Dass man mich mit dem Ausspionieren eines solchen Schwergewichts beauftragt hat ...

Ich habe es ganz schön weit gebracht als Verräterin. Yotsuyu konnte sich ein Lächeln vor ihrem Informationsoffizier nicht verkneifen. Dieser setzte gerade an, die Situation zu erklären.

„Zenos' Visite kann nur einen Grund haben: Er sucht kompromittierendes Material über den Statthalter, das sein Vater beim Kampf um die Thronfolge gegen Titus einsetzen kann. Kaien und seine Rebellen sind einfach nicht totzukriegen. Im Lager der Armee muss man das mit Wohlwollen sehen. Denn ein schwacher Statthalter könnte auch Titus als Schwäche ausgelegt werden. Die Lage ist mehr als prekär.“

Erschöpft ließ der Offizier die Schultern hängen.

„Doch sie birgt auch eine Chance ... Und zwar dann, wenn es uns gelingt, Zenos etwas zu entlocken, das wir gegen das Varis-Lager einsetzen können.“

„In Ordnung, für mich macht es keinen Unterschied, ob ich einen Garlear oder Domaner bespitzle. Ich tue einfach, was ich immer tue: Einen Mann für eine Nacht träumen lassen, um ihm am Morgen alles zu entreißen.“

Yotsuyu empfand Mitleid mit niemandem mehr. Zu lange hatte man sie wie Dreck behandelt. Das süßliche Bettgeflüster war ihr zuwider, aber wenn sie merkte, wie sie die Männer nach Belieben manipulieren konnte, war es das allemal wert ...

Also saß Yotsuyu bei Tisch. Es war Abend und ihr Gegenüber Zenos yae Galvus. Sie spulte ihre übliche Routine ab: Sake einschenken, Komplimente machen, beeindruckt kichern und darauf warten, dass der Trottel vor ihr nicht mehr an sich halten konnte. Doch heute biss sie auf Granit.

Dabei hatte bislang jeder dieser einfältigen Militärs versucht, sie mit seinen Heldentaten und der ein oder anderen vertraulichen Information zu beeindrucken.

Yotsuyu hatte die Geduld längst verloren, war jedoch klug genug, sich dies nicht anmerken zu lassen. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Zenos yae Galvus war in Doma und er war offensichtlich misstrauisch, selbst im Kreis seiner eigenen Leute. Sogar beim Essen hatte er seine sperrige Rüstung nicht abgelegt. Sein langes blondes Haar wallte, während er seinen Krug von einer Seite zur anderen schwenkte. Gedankenlos schien er in die Luft zu starren, doch tief in seinen Augen erkannte Yotsuyu ein feuriges Glimmen. Als würde er auf etwas oder jemanden warten.


Was auch immer es war, weder dem domanischen Statthalter noch Yotsuyu gelang es, Zenos aus seiner Lethargie zu reißen. Den Statthalter ignorierte der Gast aus Garlemald sogar in solchem Maße, dass dieser schließlich entnervt aufgab und Yotsuyu alleine mit ihm zurückließ.

Es war spät geworden. Zenos hatte Krug um Krug geleert, wirkte jedoch kein bisschen betrunken. Das würde Yotsuyus Arbeit erheblich erschweren. Sie stand kurz davor, zu ihrem letzten Mittel zu greifen, als Zenos sie plötzlich ansprach.

„Wie lebt es sich so in Doma?“

Die Frage kam so plötzlich, dass Yotsuyu kurz stockte. Nicht, weil sie um eine Antwort verlegen gewesen wäre. Nein, es wäre ihr leicht gefallen, über ihre verhasste Heimat herzuziehen. Aber Schimpftiraden würden sicher nicht helfen, ihren Gesprächspartner in eine unbeschwerte Plauderlaune zu versetzen. Yotsuyu beschloss daher, das Thema zu wechseln. Doch ein Blick in Zenos' Augen genügte, ihr die Zwecklosigkeit dieses Vorhabens klarzumachen. Irgendetwas war mit Zenos geschehen. Der Mann, der bis gerade noch mehr tot als lebendig gewirkt hatte, blickte sie nun neugierig an.

„Floskeln und Belanglosigkeiten kannst du dir sparen. Mich interessiert, was man mit einer Frau anstellen muss, um ihre hübschen Augen so zu trüben. Na los, red schon, Weib! Ein guter Tropfen schmeckt noch besser, wenn er von einer guten Geschichte abgerundet wird, findest du nicht?“

„Aber der Sake scheint Euch doch auch so schon sichtlich zu munden. Darf ich Euch noch etwas nachschenken? Vielleicht könntet Ihr mir dabei ja von Euren heldenhaften Taten auf dem Schlachtfeld erzählen.“

Zenos blickte sie schweigend an. Er schien tatsächlich keine Lust zum Plaudern zu haben.

Sein mangelnder Respekt und die unverhohlene Selbstgefälligkeit störten Yotsuyu jedoch nicht. Das Feuer in seinen Augen hatte sie gefesselt. Das Feuer eines Mannes, der bekam, was er wollte.

Der Moment schien eine Ewigkeit zu dauern. Reglos blickten Zenos und Yotsuyu sich an. Irgendwann inmitten dieses Augenblicks, in dem Interesse in Bewunderung umgeschlagen war, musste es zu regnen begonnen haben. Das Plätschern der Tropfen durchbrach die Stille, wie auch Yotsuyu ihr Schweigen brach. Sie spürte, dass es ihrem Ziel eher diente, wenn sie sich vor Zenos nicht verstellte.

„Wenn Ihr Doma auch nur ein wenig kennen würdet, könntet Ihr Euch diese Frage sparen. Yanxia ist ein elender Dreckhaufen.“

Zenos schien die offene Abscheu zu gefallen. Mit einem süffisanten Grinsen leerte er seinen Krug.

„Hass ist es also, der deinen Augen ihren Glanz geraubt hat. Er muss abgrundtief sein, wenn mir diese geistlose Bemerkung erlaubt ist, denn ein solch kaltes Weib wie dich hab ich noch nie gesehen.“

„Geistlos? Mitnichten. Geistlos sind einzig die Domaner. Wie sie ihren überkommenen Traditionen und Idealen anhängen und gar nicht merken, dass diese sie fesseln. Selbst in größter Bedrängnis machen ihre Loyalität und ihr Stolz sie blind für das Wesentliche.“

Jetzt, da sie einmal ihrem Zorn freien Lauf gelassen hatte, sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. Yotsuyu hätte die ganze Nacht hindurch schimpfen und fluchen können. Doch plötzlich hielt sie inne. Zenos hatte seinen Blick zum Fenster gewandt.

„Gerade wenn es anfängt, interessant zu werden. Aber ich hatte schon befürchtet, dass der Regen die Würmer hervorlockt.“

Sekundenbruchteile später, als das Fenster unter lautem Getöse zerbarst, verstand Yotsuyu, was Zenos meinte. Der Schuss war kaum verklungen, da standen die Männer bereits im Zimmer.

Völlig in Schwarz gekleidet, hatten sie den Enkel des Kaisers im Nu umringt und ihre Klingen drohend auf ihn gerichtet. Yotsuyu kauerte sich instinktiv hin. Ein Attentat. In Doma gab es genug Leute, die sich Zenos' Tod wünschten. Allerdings waren diese Männer keine Domaner, auch wenn sie mehr schlecht als recht versucht hatten, sich als solche zu verkleiden. Yotsuyu hatte das Spiel sofort durchschaut. Diese Männer waren im Auftrag des Statthalters hier.

„Ich war euer Lockvogel?“

Yotsuyus Stimme bebte vor Zorn. Doch keiner der Männer reagierte. Sie war eine unliebsame Zeugin und würde zusammen mit Zenos sterben. Diese elenden Hunde.

Zenos, auf der anderen Seite, schien die ganze Szenerie völlig unberührt zu lassen. Er blickte gelangweilt wie immer und machte auch keine Anstalten, nach seinem Schwert zu greifen, das an die Wand gelehnt hinter ihm stand.

„Euer Plan war es also, Zenos zu töten, während er sich mit mir vergnügt, hm? Die Schande, ein Mitglied der Kaiserfamilie auf eigenem Grund zu morden, nehmt ihr billigend in Kauf, wenn es nur euer Lager stärkt. Vermutlich hättet ihr Feiglinge aber sowieso versucht, das Attentat Kaien in die Schuhe zu schieben, um gleichzeitig die Rebellion zu schwächen. Stimmt's oder habe ich Recht?“

Die Männer in Schwarz blieben stumm. Immer enger umkreisten sie Zenos - und dann schlugen sie wie auf ein stilles Kommando zu.

Zenos' gewaltige Rüstung wurde für einen kurzen Moment unter schwarzen Stoffen begraben. Zahllose Klingen stachen auf ihn ein. Das konnte selbst er nicht überlebt haben, dachte Yotsuyu. Doch schon im nächsten Moment wurde sie eines Besseren belehrt. Wie Fliegen fielen die Angreifer zu Boden. Und inmitten der leblosen Körper saß Zenos, so teilnahmslos wie kurz zuvor.

In seiner Hand hielt er die Klinge eines seiner verhinderten Mörder. Wie auch immer er es getan hatte, er hatte sie ihm entwendet und mit einem Streich die ganze Gruppe getötet. Als er seinen Blick durch das Zimmer streifen ließ, entwich ihm ein inniges Seufzen.

„Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, in diesen verräterischen Gefilden zumindest ein bisschen auf meine Kosten zu kommen, doch ich scheine die Einfallslosigkeit unseres Statthalters unterschätzt zu haben. Sieht so aus, als müsste ich weiter nach würdiger Beute suchen.“

Yotsuyu war noch immer fassungslos, als sie etwas Warmes auf ihrer Wange spürte. Instinktiv wischte sie darüber. Ihre Finger waren dunkelrot. Doch nicht nur die. Ihr ganzer Kimono war vom Blut der Angreifer befleckt.

„Oh, du kannst ja doch lächeln.“

Yotsuyu blickte auf, direkt in Zenos' Augen. Jetzt merkte auch sie, dass ein Lächeln ihre Lippen umspielte. Und der Grund saß vor ihr. Alle Garlear, die ihr bislang begegnet waren, waren Schwächlinge gewesen, feige Unterdrücker, denen es vorrangig darum ging, ihre eigene Haut zu retten. Doch Zenos war anders. Solch kompromisslose Stärke hatte sie noch bei keinem gesehen. Wenn Zenos sich gegen Doma wenden würde, wäre ihre verhasste Heimat dem Untergang geweiht. Vor Freude sprang Yotsuyus Herz auf und ab.

Zenos quittierte das Lächeln seiner Begleiterin mit einem zufriedenen Brummen. Er zertrat ein paar Knochen, als er auf sie zuschritt und seine Lippen ganz nah an ihr Ohr legte.

„Hast du einen Namen, Weib?“


... Über den Vorfall wurde im Nachhinein kein Wort mehr verloren. Weder Zenos noch der Statthalter wollten die Sache an die große Glocke hängen, jeder aus seinen eigenen Gründen. Yotsuyu ging wieder dazu über, den domanischen Widerstand auszuspionieren. Als einige Zeit verstrichen und der Geruch des Blutes längst nicht mehr an ihren Wangen haftete, brach die Rebellion offen aus. Da sich abzeichnete, dass der garleische Statthalter der Lage nicht Herr werden würde, entsandte der Kaiser die XII. Legion unter Zenos, um den Aufstand niederzuschlagen. Zenos fiel mit seinen Männern in Doma ein, metzelte die Rebellen und all ihre Symphatisanten nieder und versetzte ihrem Anführer Kaien selbst den Todesstoß. Alles war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte ...

Unter die Zuschauer, die ein paar Tage später der Siegesparade der XII. Legion beiwohnten, hatte sich auch ein Freudenmädchen gemischt. Zufrieden beobachtete sie, wie die hasserfüllten Blicke des Volkes unberührt von dem Mann an der Spitze der Prozession abprallten. Den Truppen folgend verschwand sie wieder aus der Menge, ohne dass jemand Notiz von ihr genommen hatte. Doch das sollte nicht lange so bleiben.

Denn schon kurze Zeit später wurde es verkündet: Doma erhielt eine neue Statthalterin, die im Namen von Zenos regieren würde. Ihr Name: Yotsuyu. In einem prächtigen Kimono saß sie in ihrer Burg und blickte höhnisch auf das Volk hinab, ihr Lächeln ein Zeichen ihrer Genugtuung. Endlich hatte sie die Kraft, den domanischen Abschaum zu knechten, zu schinden und bis zum Tode leiden zu lassen. Endlich war die Zeit ihrer Rache gekommen. Die Lilie war vollends erblüht.