Der Lodestone

Annalen des Befreiungskampfes

Die Sühne der Verräterin

Als Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des Lichts

Die Stimmung im Karren der Legion der Unsterblichen konnte dringend etwas Abwechslung gebrauchen. Während er so tat, als würde er auf die karge Landschaft des südlichen Thanalan blicken, zerbrach sich der junge Mann den Kopf, was er denn sagen könnte. Ihm gegenüber saß eine gerade erst aufgestellte Beschwörereinheit, welche die angsteinflößende Aufgabe hatte, Primae-Bedrohungen zu bekämpfen. Seit ihrer Abfahrt hatte niemand ein Wort gesprochen. Still übte er eine angemessene Begrüßung, welche die Stimmung heben könnte. Also ... seid ihr nun mutig oder blöd oder beides? Nein, das war es nicht.
Er und seine Begleitung waren der Einheit als Unterstützung zugewiesen, aber noch hatte sich keine Gelegenheit geboten, sich mit den zauberkundigen Soldaten anzufreunden. Doch er war entschlossen, das Eis zu brechen.

„Ich heiße Arenvald. Arenvald Lentius,“ brachte er endlich hervor. Und als keine Antwort kam, fügte er hinzu: „Kämpft ihr öfter gegen Primae?“

Ein Beschwörer vom Volke der Lalafell, der ihm gegenüber saß, zuckte wortlos mit den Schultern. Warum geb ich mir überhaupt solche Mühe? Doch dann erbarmte sich die Frau neben dem kleinwüchsigen Stummen.

„Genau so oft, wie es die Umstände erfordern. Crispin und ich haben schon sage und schreibe vier Mal gegen Ifrit gekämpft“, sagte sie und deutete auf einen dritten Beschwörer, der sich ebenfalls auf das Gespräch einzulassen schien.

„Unsere Erfahrung ist natürlich nichts gegen den Gefreiten. Jajasamu hat im Heer der Helden gedient. Er trat sogar dem mächtigen Titan gegenüber – und hat es überlebt.“

Der ist also der Könner unter ihnen. Der Legionsgefreite sah nur kurz rüber und blickte dann desinteressiert wieder weg. Der fragt sich wahrscheinlich, warum er in einem Karren voller Anfänger sitzt.

„Ihr seid also echte Veteranen? Da bin ich aber erleichtert. Ich werd versuchen, nicht im Weg zu stehen.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, da tat es ihm schon leid, das Ego der Beschwörer bedient zu haben.

„Nutzlose Stümper. Wenn euch euer Leben lieb ist, dann macht nur zweierlei: seht zu und lernt,“ zischte er und ging dann wieder zu seinem Vor-dem-Kampf-Ritual über: alles und jeden zu ignorieren.

So läuft das also. Arenvald verkniff sich einen Seufzer und zwang sich dazu, seiner Begleitung ein Lächeln zuzugrinsen. Ob die Worte des Gefreiten sie beeindruckten, war nicht zu sagen. Sie war klug genug zu schweigen und die Sache nicht noch schlimmer zu machen. Sie saß nur da, mit geschlossenen Augen und ruhigem Gesicht, vollkommen gelassen. Die Ruhe vor dem Sturm.

Vielleicht sollte ich auch besser mein Maul halten.

Arenvald gestand sich ein, dass sein glorreicher Plan, vor der Schlacht ein paar Freunde zu machen, gescheitert war. Stattdessen dachte er daran zurück, wie er überhaupt in einem Karren mit einer Einheit Beschwörerrekruten gelandet war – in Begleitung von Fordola Lupis.


Dem Schicksal und dem Bund der Morgenröte war zu verdanken, dass er in seine Heimat Ala Mhigo zurückkehrte, und dort trafen sie sich zum ersten Mal – auf dem Schlachtfeld als erbitterte Feinde. Sie waren gleich alt, am gleichen Ort geboren, und doch hätten ihre Leben kaum unterschiedlicher verlaufen können. Er, das Halbblut, gezeugt von einem garleischen Soldaten, verstoßen von der Mutter, hatte Gyr Abania verlassen, um Abenteurer zu werden. Sie, eine reinblütige Mhigitin, gesegnet mit der besten Ausbildung, die im Kaiserreich zu haben war, hatte sich für den Kampf gegen ihre eigenen Landsleute entschieden.

Doch unser beider Pfade führten uns wieder zu dem zurück, was wir hinter uns lassen wollten.

Als Kämpfer des Bundes hatte er sich den Respekt der Befreiungsarmee verdient, doch ihr, der Verräterin, schlug nichts als Verachtung entgegen. Man forderte ihren Tod – und er hätte sie nicht ohne Gerechtigkeit ereilt.
Und dann kam der Tag, an dem sie Seite an Seite auf dem Schlachtfeld stehen sollten.

Vertreter aus ganz Gyr Abania waren zusammengekommen, um die Zukunft von Ala Mhigo zu besprechen, doch die guten Absichten wurden von den hinterhältigen Qalyana verraten. Sri Lakshmi hätte sie alle unter ihren giftigen Willen gebracht, wären da nicht die Helden gewesen: der Krieger des Lichts, Arenvald und ... Fordola.

„Meine Aufgabe ist erledigt. Bringt mich zurück in die Zelle.“

Mit diesen Worten warf Fordola das Schwert vor Lyses Füße, das die Tochter Hexts ihr gab mit der Wahl, sich das Leben zu nehmen – wie Zenos es getan hatte – oder ihre neuen Kräfte in den Dienst Ala Mhigos zu stellen. Arenvald sah, wie man sie abführte, hörte, wie man über das Leben der Mhigitin beriet. Am Ende war es Raubahn, der die einvernehmliche Lösung vorschlug: Militärdienst. Eine neue Truppe wurde geschaffen, in der Verräter sich ihre Ehre zurückverdienen sollten, anstatt sie am Galgen zu lassen.
Der Vorschlag war nicht ohne Eigennutz. Fordola hat eine Gabe, die Kraft des Transzendierens, welche sie immun gegen den Einfluss der Primae machte. Zusammen mit ihrer Kampferfahrung war sie ein nützliches Werkzeug im nie enden wollenden Kampf gegen die Götzen.

Sie war eine Waffe.

Natürlich stimmte sie zu.


„Runter vom Karren! Los, los, los!“

Die Worte des Roegadyn-Hauptmanns, der vorne beim Kutscher gesessen hatte, rissen Arenvald zurück in die Gegenwart. Die Beschwörer griffen ihre Ausrüstung und sprangen mit geübten Bewegungen von dem Wagen, um eine Reihe vor ihrem Vorgesetzten zu bilden. Arenvald tat es ihnen nach.

„Wie ihr wisst, hat Meister Coultenet uns gestern über eine ätherische Störung in der Umgebung von Zan’raks Altar informiert. Diese Störung kann eigentlich nur auf eine Primae-Beschwörung zurückzuführen sein.“

Der Hauptmann schritt vor der Reihe auf und ab und blickte in die Gesichter seiner Soldaten.

„Zum Glück haben wir diesmal ein paar Geheimwaffen mitgebracht.“ Arenvald fühlte, wie die Blicke auf ihn und Fordola fielen.

„Arenvald vom Bund der Morgenröte und Fordola von der Befreiungsarmee. Beide haben die Kraft des Transzendierens, werden also nicht vom Primae besessen. Es gibt da aber noch ein paar Worte, die ich über die Frau verlieren möchte ...“

Er sah, wie sich ihre Gesichter verfinsterten und ihre Körper spannten, als der Hauptmann ihre Sünden aufzählte. Fordola grinste.

„Habt ihr Angst, meinen Dolch in eurem Rücken zu spüren? Wenn ich einen von euch abstechen will, dann tu ich’s von vorne. Aber martert eure Köpfe nicht mit Angst und Sorge – denn meiner steckt ohnehin schon in der Schlinge.”
Sie klopfte mit zwei Fingern gegen das bronzene Kehlstück an ihrem Hals. Vertrauen in Worte ist gut, Kontrolle mit Magie ist besser. Nur ein Gedanke des Thaumaturgen, der mit strengem Blick über Fordola wachte, würde reichen, um den Zauber auslösen, der in das Kehlstück gewirkt war. Es würde immer heißer und enger werden, bis es ihr qualvoll die Luft abschnüren würde. Und wenn, es geschähe ihr recht.

Der Hauptmann räusperte sich und fuhr fort: „Die beiden werden Ifrit in Schach halten, während die Beschwörer ihn aus der Entfernung mit Zaubern und Egi angreifen. Heiler stehen zur Unterstützung bereit, und ihr Aufpasser kann zur Not auch noch eingreifen. Ich kümmere mich um ein Ablenkungsmanöver im Süden. Noch Fragen? Also los.“

Sie verließen die Vergessene Oase und marschierten ein paar Malme Richtung Osten in die Sagolii-Wüste, bis Hauptmann Tanzender Wolf und eine Handvoll Männer sich lösten, um ein Amalj’aa-Lager anzugreifen. Diese Ablenkung sollte der Beschwörereinheit Gelegenheit geben, unentdeckt Richtung Norden bis zum Zanr’ak-Altar vorzudringen. Arenvald führte sie durch eine enge Schlucht, fünfzig Yalme voraus und in den Schatten verborgen. Als er eine verborgene Wache entdeckte, gebot er der Einheit mit einer Geste, anzuhalten, und zog langsam seinen Dolch ...
Einen Augenblick später wischte er das Blut von seiner Klinge, und gab den anderen das Zeichen, aufzuschließen. Zusammen rückten sie weiter in Richtung Altar vor, bis sie auf einen Flammenring stießen: In dessen Mitte lauerte der Herr des Infernos.

Nach dem Kampf fiel es ihm schwer, sich an die Einzelheiten zu erinnern.
Der Primae war mit einer bescheidenen Menge an Kristallen beschworen worden, und Arenvald fühlte sich bei weitem nicht so gefordert wie bei seinem Kampf gegen Sri Lakshmi. Die Beschwörer und Heiler kämpften vortrefflich und bewiesen Disziplin. Ein Sieg für die Ausbilder der Legion.

„Das war’s. Alle Einheiten, zurückziehen.“

Auf den Befehl von Hauptmann Tanzender Wolf setzte sich die Einheit in Bewegung.

„Keinen Schritt weiter!”

Arenvald war bereits in Deckung gesprungen, als der Pfeil mit einem schrillen Pfeifen die Luft durchschnitt. Er sah, wie sich jemand im Staub wälzte und den Pfeil in seinem Bauch umklammerte, dessen schwarze Eisenspitze grotesk aus seinem Rücken ragte. Amal‘jaa.

„Bleib in Deckung und reg dich nicht. Überlass das Kämpfen mir und Aulie.”

„Bogenschützen, auf der Westkante. Schnell, hinter die Steine da!”

Arenvald schloss seine Augen, atmete tief ein und zählte bis vier.
Überall prasselten nun Pfeile nieder. Er hob seinen Schild und stürzte aus der Deckung auf die Beschwörer zu, um ihren Rückzug zu decken. Fordola kam ihm mit gezogenem Schwert entgegen – sie lief im Zickzackkurs in genau die entgegengesetzte Richtung.

„Wusste ich’s doch, sie lässt uns im Stich!“, rief Jajasamu rechthaberisch aus. Arenvald drehte sich erschrocken um und sah die Verräterin auf den verwundeten Soldaten zulaufen. Der Kämpfer der Befreiungsarmee. Der Thaumaturg.

Gerade als Arenvald spürte, wie ihm der Magen in die Stiefel rutschte und er meinte, schon den Todesschrei des Mannes zu hören, sah er, wie Fordola den Magier hochzog und mit ihrer Schulter stützte. Mehr brauchte es nicht. Er rannte los, ohne Deckung, und seine silberne Rüstung glänzte grell in der Mittagssonne, während er laut fluchend Steine auf die Bogenschützen am Rand der Schlucht warf, um ihr Ziel auf sich zu lenken.
Nach einer Weile ließ der Beschuss nach und die Schützen verschwanden. Seid ihr den wahnsinnigen Ritter schon satt? Er hielt einen Moment inne, um seinen Atem wieder zu finden.

„Nicht die Verteidigung vernachlässigen, Junge!”

Der erste Pfeil traf seinen Schild und er zog sein Schwert gerade noch rechtzeitig, um den zweiten und dritten abzuwehren. „Danke für die Erinnerung, A’aba“, flüsterte er. Der Bogenschütze, ein muskelbepackter, maskierter Amalj’aa, zielte sorgfältig – der nächste Pfeil sollte nicht verfehlen. Verdammt. Arenvald hob seinen Schild, stieß einen Kampfschrei aus und stürmte auf seinen verwirrten Gegner los. Im vollen Laufe donnerte er in den Amalj’aa, der zurücktaumelte und seinen Bogen zum Schutz emporstreckte, doch Arenvalds Schwert zerteilte das Holz ebenso leicht wie die Stirn des glücklosen Echsenmannes. Er fiel, und sein Blut färbte den Sand schwarz. Die Stille rang in seinen Ohren und Arenvald wurde sich gewahr, dass seine Kameraden alles mitangesehen hatten.

„Leck mich am Stiefel, aber das war mit die dümmste Heldentat, die ich je gesehen habe. Und dann wundert man sich, warum ich so ungern mit Grünschnäbeln ausrücke.“

Der Beschwörer rief sein Familiar zurück. Als die Felsengestalt an ihm vorbeischwebte, sah Arenvald den letzten Pfeil des maskierten Amalj’aa in der Mitte seiner steinigen Brust stecken.

Die Stimmung im Karren der Legion war ausgelassen wie auf einer Geburtstagfeier. Die Beschwörer lachten und sprachen laut durcheinander, und manch einer lachte sogar über Arenvalds Witze. Fordola saß am Rande, die Ellenbogen auf den Knien, den Kopf gesenkt, doch Arenvald meinte gesehen zu haben, wie Jajasamu ihr einen anerkennenden Blick zuwarf.
Vor der Abfahrt war der Abenteurer bei ihr gewesen, als der Thaumaturg herüberkam. Sie kniete im Sand und packte ihr Bündel, als er sie fragte, warum sie ihr Leben für ihn riskiert hatte. „Kleine Töchter brauchen ihre Väter“, hatte sie gesagt, zog eine Strippe zu und stieg auf den Karren.
Der Mann sah erstaunt drein. „Ich hab doch nie erwähnt, dass ich eine Tochter habe.“
Arenvald konnte nur mit den Schultern zuckend und grinsen. „Dann hat sie gut geraten.“

Alles beginnt mit einem ersten Schritt.
Die Stimmung im Karren der Legion der Unsterblichen konnte dringend etwas Abwechslung gebrauchen. Während er so tat, als würde er auf die karge Landschaft des südlichen Thanalan blicken, zerbrach sich der junge Mann den Kopf, was er denn sagen könnte. Ihm gegenüber saß eine gerade erst aufgestellte Beschwörereinheit, welche die angsteinflößende Aufgabe hatte, Primae-Bedrohungen zu bekämpfen. Seit ihrer Abfahrt hatte niemand ein Wort gesprochen. Still übte er eine angemessene Begrüßung, welche die Stimmung heben könnte. Also ... seid ihr nun mutig oder blöd oder beides? Nein, das war es nicht.
Er und seine Begleitung waren der Einheit als Unterstützung zugewiesen, aber noch hatte sich keine Gelegenheit geboten, sich mit den zauberkundigen Soldaten anzufreunden. Doch er war entschlossen, das Eis zu brechen.

„Ich heiße Arenvald. Arenvald Lentius,“ brachte er endlich hervor. Und als keine Antwort kam, fügte er hinzu: „Kämpft ihr öfter gegen Primae?“

Ein Beschwörer vom Volke der Lalafell, der ihm gegenüber saß, zuckte wortlos mit den Schultern. Warum geb ich mir überhaupt solche Mühe? Doch dann erbarmte sich die Frau neben dem kleinwüchsigen Stummen.

„Genau so oft, wie es die Umstände erfordern. Crispin und ich haben schon sage und schreibe vier Mal gegen Ifrit gekämpft“, sagte sie und deutete auf einen dritten Beschwörer, der sich ebenfalls auf das Gespräch einzulassen schien.

„Unsere Erfahrung ist natürlich nichts gegen den Gefreiten. Jajasamu hat im Heer der Helden gedient. Er trat sogar dem mächtigen Titan gegenüber – und hat es überlebt.“

Der ist also der Könner unter ihnen. Der Legionsgefreite sah nur kurz rüber und blickte dann desinteressiert wieder weg. Der fragt sich wahrscheinlich, warum er in einem Karren voller Anfänger sitzt.

„Ihr seid also echte Veteranen? Da bin ich aber erleichtert. Ich werd versuchen, nicht im Weg zu stehen.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, da tat es ihm schon leid, das Ego der Beschwörer bedient zu haben.

„Nutzlose Stümper. Wenn euch euer Leben lieb ist, dann macht nur zweierlei: seht zu und lernt,“ zischte er und ging dann wieder zu seinem Vor-dem-Kampf-Ritual über: alles und jeden zu ignorieren.

So läuft das also. Arenvald verkniff sich einen Seufzer und zwang sich dazu, seiner Begleitung ein Lächeln zuzugrinsen. Ob die Worte des Gefreiten sie beeindruckten, war nicht zu sagen. Sie war klug genug zu schweigen und die Sache nicht noch schlimmer zu machen. Sie saß nur da, mit geschlossenen Augen und ruhigem Gesicht, vollkommen gelassen. Die Ruhe vor dem Sturm.

Vielleicht sollte ich auch besser mein Maul halten.

Arenvald gestand sich ein, dass sein glorreicher Plan, vor der Schlacht ein paar Freunde zu machen, gescheitert war. Stattdessen dachte er daran zurück, wie er überhaupt in einem Karren mit einer Einheit Beschwörerrekruten gelandet war – in Begleitung von Fordola Lupis.


Dem Schicksal und dem Bund der Morgenröte war zu verdanken, dass er in seine Heimat Ala Mhigo zurückkehrte, und dort trafen sie sich zum ersten Mal – auf dem Schlachtfeld als erbitterte Feinde. Sie waren gleich alt, am gleichen Ort geboren, und doch hätten ihre Leben kaum unterschiedlicher verlaufen können. Er, das Halbblut, gezeugt von einem garleischen Soldaten, verstoßen von der Mutter, hatte Gyr Abania verlassen, um Abenteurer zu werden. Sie, eine reinblütige Mhigitin, gesegnet mit der besten Ausbildung, die im Kaiserreich zu haben war, hatte sich für den Kampf gegen ihre eigenen Landsleute entschieden.

Doch unser beider Pfade führten uns wieder zu dem zurück, was wir hinter uns lassen wollten.

Als Kämpfer des Bundes hatte er sich den Respekt der Befreiungsarmee verdient, doch ihr, der Verräterin, schlug nichts als Verachtung entgegen. Man forderte ihren Tod – und er hätte sie nicht ohne Gerechtigkeit ereilt.


Und dann kam der Tag, an dem sie Seite an Seite auf dem Schlachtfeld stehen sollten.


Vertreter aus ganz Gyr Abania waren zusammengekommen, um die Zukunft von Ala Mhigo zu besprechen, doch die guten Absichten wurden von den hinterhältigen Qalyana verraten. Sri Lakshmi hätte sie alle unter ihren giftigen Willen gebracht, wären da nicht die Helden gewesen: die Kriegerin des Lichts, Arenvald und ... Fordola.

„Meine Aufgabe ist erledigt. Bringt mich zurück in die Zelle.“

Mit diesen Worten warf Fordola das Schwert vor Lyses Füße, das die Tochter Hexts ihr gab mit der Wahl, sich das Leben zu nehmen – wie Zenos es getan hatte – oder ihre neuen Kräfte in den Dienst Ala Mhigos zu stellen. Arenvald sah, wie man sie abführte, hörte, wie man über das Leben der Mhigitin beriet. Am Ende war es Raubahn, der die einvernehmliche Lösung vorschlug: Militärdienst. Eine neue Truppe wurde geschaffen, in der Verräter sich ihre Ehre zurückverdienen sollten, anstatt sie am Galgen zu lassen.
Der Vorschlag war nicht ohne Eigennutz. Fordola hat eine Gabe, die Kraft des Transzendierens, welche sie immun gegen den Einfluss der Primae machte. Zusammen mit ihrer Kampferfahrung war sie ein nützliches Werkzeug im nie enden wollenden Kampf gegen die Götzen.

Sie war eine Waffe.

Natürlich stimmte sie zu.


„Runter vom Karren! Los, los, los!“

Die Worte des Roegadyn-Hauptmanns, der vorne beim Kutscher gesessen hatte, rissen Arenvald zurück in die Gegenwart. Die Beschwörer griffen ihre Ausrüstung und sprangen mit geübten Bewegungen von dem Wagen, um eine Reihe vor ihrem Vorgesetzten zu bilden. Arenvald tat es ihnen nach.

„Wie ihr wisst, hat Meister Coultenet uns gestern über eine ätherische Störung in der Umgebung von Zan’raks Altar informiert. Diese Störung kann eigentlich nur auf eine Primae-Beschwörung zurückzuführen sein.“

Der Hauptmann schritt vor der Reihe auf und ab und blickte in die Gesichter seiner Soldaten.

„Zum Glück haben wir diesmal ein paar Geheimwaffen mitgebracht.“ Arenvald fühlte, wie die Blicke auf ihn und Fordola fielen.

„Arenvald vom Bund der Morgenröte und Fordola von der Befreiungsarmee. Beide haben die Kraft des Transzendierens, werden also nicht vom Primae besessen. Es gibt da aber noch ein paar Worte, die ich über die Frau verlieren möchte ...“

Er sah, wie sich ihre Gesichter verfinsterten und ihre Körper spannten, als der Hauptmann ihre Sünden aufzählte. Fordola grinste.

„Habt ihr Angst, meinen Dolch in eurem Rücken zu spüren? Wenn ich einen von euch abstechen will, dann tu ich’s von vorne. Aber martert eure Köpfe nicht mit Angst und Sorge – denn meiner steckt ohnehin schon in der Schlinge.”
Sie klopfte mit zwei Fingern gegen das bronzene Kehlstück an ihrem Hals. Vertrauen in Worte ist gut, Kontrolle mit Magie ist besser. Nur ein Gedanke des Thaumaturgen, der mit strengem Blick über Fordola wachte, würde reichen, um den Zauber auslösen, der in das Kehlstück gewirkt war. Es würde immer heißer und enger werden, bis es ihr qualvoll die Luft abschnüren würde. Und wenn, es geschähe ihr recht.

Der Hauptmann räusperte sich und fuhr fort: „Die beiden werden Ifrit in Schach halten, während die Beschwörer ihn aus der Entfernung mit Zaubern und Egi angreifen. Heiler stehen zur Unterstützung bereit, und ihr Aufpasser kann zur Not auch noch eingreifen. Ich kümmere mich um ein Ablenkungsmanöver im Süden. Noch Fragen? Also los.“

Sie verließen die Vergessene Oase und marschierten ein paar Malme Richtung Osten in die Sagolii-Wüste, bis Hauptmann Tanzender Wolf und eine Handvoll Männer sich lösten, um ein Amalj’aa-Lager anzugreifen. Diese Ablenkung sollte der Beschwörereinheit Gelegenheit geben, unentdeckt Richtung Norden bis zum Zanr’ak-Altar vorzudringen. Arenvald führte sie durch eine enge Schlucht, fünfzig Yalme voraus und in den Schatten verborgen. Als er eine verborgene Wache entdeckte, gebot er der Einheit mit einer Geste, anzuhalten, und zog langsam seinen Dolch ...
Einen Augenblick später wischte er das Blut von seiner Klinge, und gab den anderen das Zeichen, aufzuschließen. Zusammen rückten sie weiter in Richtung Altar vor, bis sie auf einen Flammenring stießen: In dessen Mitte lauerte der Herr des Infernos.

Nach dem Kampf fiel es ihm schwer, sich an die Einzelheiten zu erinnern.
Der Primae war mit einer bescheidenen Menge an Kristallen beschworen worden, und Arenvald fühlte sich bei weitem nicht so gefordert wie bei seinem Kampf gegen Sri Lakshmi. Die Beschwörer und Heiler kämpften vortrefflich und bewiesen Disziplin. Ein Sieg für die Ausbilder der Legion.

„Das war’s. Alle Einheiten, zurückziehen.“

Auf den Befehl von Hauptmann Tanzender Wolf setzte sich die Einheit in Bewegung.

„Keinen Schritt weiter!”

Arenvald war bereits in Deckung gesprungen, als der Pfeil mit einem schrillen Pfeifen die Luft durchschnitt. Er sah, wie sich jemand im Staub wälzte und den Pfeil in seinem Bauch umklammerte, dessen schwarze Eisenspitze grotesk aus seinem Rücken ragte. Amal‘jaa.

„Bleib in Deckung und reg dich nicht. Überlass das Kämpfen mir und Aulie.”

„Bogenschützen, auf der Westkante. Schnell, hinter die Steine da!”

Arenvald schloss seine Augen, atmete tief ein und zählte bis vier.
Überall prasselten nun Pfeile nieder. Er hob seinen Schild und stürzte aus der Deckung auf die Beschwörer zu, um ihren Rückzug zu decken. Fordola kam ihm mit gezogenem Schwert entgegen – sie lief im Zickzackkurs in genau die entgegengesetzte Richtung.

„Wusste ich’s doch, sie lässt uns im Stich!“, rief Jajasamu rechthaberisch aus. Arenvald drehte sich erschrocken um und sah die Verräterin auf den verwundeten Soldaten zulaufen. Der Kämpfer der Befreiungsarmee. Der Thaumaturg.

Gerade als Arenvald spürte, wie ihm der Magen in die Stiefel rutschte und er meinte, schon den Todesschrei des Mannes zu hören, sah er, wie Fordola den Magier hochzog und mit ihrer Schulter stützte. Mehr brauchte es nicht. Er rannte los, ohne Deckung, und seine silberne Rüstung glänzte grell in der Mittagssonne, während er laut fluchend Steine auf die Bogenschützen am Rand der Schlucht warf, um ihr Ziel auf sich zu lenken.
Nach einer Weile ließ der Beschuss nach und die Schützen verschwanden. Seid ihr den wahnsinnigen Ritter schon satt? Er hielt einen Moment inne, um seinen Atem wieder zu finden.

„Nicht die Verteidigung vernachlässigen, Junge!”

Der erste Pfeil traf seinen Schild und er zog sein Schwert gerade noch rechtzeitig, um den zweiten und dritten abzuwehren. „Danke für die Erinnerung, A’aba“, flüsterte er. Der Bogenschütze, ein muskelbepackter, maskierter Amalj’aa, zielte sorgfältig – der nächste Pfeil sollte nicht verfehlen. Verdammt. Arenvald hob seinen Schild, stieß einen Kampfschrei aus und stürmte auf seinen verwirrten Gegner los. Im vollen Laufe donnerte er in den Amalj’aa, der zurücktaumelte und seinen Bogen zum Schutz emporstreckte, doch Arenvalds Schwert zerteilte das Holz ebenso leicht wie die Stirn des glücklosen Echsenmannes. Er fiel, und sein Blut färbte den Sand schwarz. Die Stille rang in seinen Ohren und Arenvald wurde sich gewahr, dass seine Kameraden alles mitangesehen hatten.

„Leck mich am Stiefel, aber das war mit die dümmste Heldentat, die ich je gesehen habe. Und dann wundert man sich, warum ich so ungern mit Grünschnäbeln ausrücke.“

Der Beschwörer rief sein Familiar zurück. Als die Felsengestalt an ihm vorbeischwebte, sah Arenvald den letzten Pfeil des maskierten Amalj’aa in der Mitte seiner steinigen Brust stecken.

Die Stimmung im Karren der Legion war ausgelassen wie auf einer Geburtstagfeier. Die Beschwörer lachten und sprachen laut durcheinander, und manch einer lachte sogar über Arenvalds Witze. Fordola saß am Rande, die Ellenbogen auf den Knien, den Kopf gesenkt, doch Arenvald meinte gesehen zu haben, wie Jajasamu ihr einen anerkennenden Blick zuwarf.
Vor der Abfahrt war der Abenteurer bei ihr gewesen, als der Thaumaturg herüberkam. Sie kniete im Sand und packte ihr Bündel, als er sie fragte, warum sie ihr Leben für ihn riskiert hatte. „Kleine Töchter brauchen ihre Väter“, hatte sie gesagt, zog eine Strippe zu und stieg auf den Karren.
Der Mann sah erstaunt drein. „Ich hab doch nie erwähnt, dass ich eine Tochter habe.“
Arenvald konnte nur mit den Schultern zuckend und grinsen. „Dann hat sie gut geraten.“

Alles beginnt mit einem ersten Schritt.

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