Der Lodestone

Annalen des Befreiungskampfes

Ein Beweis der Genialität


Im Jahr 33 allagischer Zeitrechnung suchte die garleische Hauptstadt ein bitterkalter Winter heim. Schnee bedeckte Dächer und Straßen und hüllte die Welt in ein stilles Weiß. Ein gänzlich in schwarz gekleideter Junge eilte staksigen Schrittes durch vereinsamte Gassen, vorsichtig darauf bedacht, auf dem glatten Kopfsteinpflaster nicht die Balance zu verlieren.

An seinem Ziel angekommen, nahm der Jüngling mit dem silbrigen Haar die letzten Stufen der Zentralen Bibliothek der Magitek-Universität mit weit ausholenden Sätzen, bis er schließlich vor dem Eingangsportal des altehrwürdigen Gebäudes stand.

„Haha, Erster!“

Als er sich anschickte, das Portal der Bibliothek zu durchschreiten, trat eine schlanke, hochgewachsene Gestalt aus dem Schatten einer gewaltigen Säule und versperrte ihm den Weg.

„Nicht so voreilig, Garlond! Ich fürchte, du wirst dich mit dem 2. Platz zufriedengeben müssen. Gewöhn dich besser dran!“, spöttelte ein kecker Blondschopf mit breitem Grinsen im Gesicht und sichtlicher Genugtuung.

Das war die erste, bezeichnende Begegnung zwischen Cid Garlond und Nero Scaeva – jedenfalls soweit sich der junge Cid zu erinnern vermochte ...

Gleichzeitig war es der Beginn einer außergewöhnlichen Geschichte.

Als Sohn von niemandem Geringeren als Midas nan Garlond, einem Vorreiter in Sachen Magitek-Technologie des Kaiserreiches, war Cid dank seiner herausragenden Begabung dieses Jahr als Student in die Magitek-Universität aufgenommen worden.
Auch Nero hatte sich bereits in seiner Heimatstadt einen Namen als Genie gemacht und wurde gemeinsam mit Cid als jüngster Student der Geschichte der Universität zugelassen. Beide hatten gerade mal zwölf Sommer erlebt, doch dank ihres unglaublichen Talents durften sie bereits vier Jahre früher als üblich die Zulassungsprüfungen der Universität ablegen.
Nero, der daran gewöhnt war, in seiner Heimatstadt immer der Klassenbeste zu sein, war keineswegs darüber erfreut, dass dem einzigen Jungen in seinem Alter sogar noch mehr Bewunderung zuflog als ihm selbst.
Neros unbestreitbares Genie hatte ihm einen Gönner und eine Fahrkarte in die Hauptstadt verschafft, und als er das erste Mal seinen silberhaarigen Rivalen bei der Zulassungsfeier der Universität erblickte, schwor er sich, diesen Schnösel auf alle erdenkliche Weise und um jeden Preis zu übertrumpfen.

„Kenne ich dich?“, fragte Cid verärgert.

Er mochte zwar über einen außergewöhnlichen Intellekt verfügen, aber er war nichtsdestotrotz noch ein zwölfjähriger Junge. Und dieser vorlaute Bursche, der es wagte, Cids Familiennamen derartig zu verhöhnen, versetzte ihn augenblicklich in Rage.

„Das solltest du! Aber ich schätze, ein privilegierter Hauptstadt-Schnösel wie du interessiert sich nicht für das einfache Volk vom Land.“, schoss Nero zurück. „Ich heiße Nero. Nero Scaeva. Ich bin derjenige, der dir beim nächsten Wettbewerb den ersten Preis wegschnappen wird!“

Die „Garlemald-Magitek-Ausstellung junger Kaiserlicher“ war ein Wettbewerb, bei dem angehende Jung-Ingenieure aus dem gesamten Kaiserreich dazu aufgerufen waren, ihre Magitek-Erfindungen zu präsentieren. Cid hatte seine Erfindung letztes Jahr, kurz vor seinem Eintritt in die Magitek-Universität, eingereicht und gewann prompt die höchste Auszeichnung als jüngster Teilnehmer in der Geschichte des Wettbewerbs. Er war heute in die Bibliothek gekommen, um Nachforschungen für sein nächstes Werk anzustellen.
Cid wusste, dass die meisten älteren Studenten ihn als Emporkömmling betrachteten und alles dafür taten, ihm mit ihren Kreationen den Schneid abzukaufen. Aber keiner war je so weit gegangen, ihm seine Abneigung direkt ins Gesicht zu schmieren. Und so war Neros offene, ungenierte Konfrontation umso irritierender für ihn.

Von diesem Tage an ließ Nero keine Gelegenheit aus, Cid auf die Palme zu bringen. Wenn Cid ein Lehrbuch auslieh, war sein Inhalt nichts als „schnöde Grundlagen“. Verwendete er die Werkbank der Universität, um ein Bauteil herzustellen, behauptete Nero, die Qualität sei „minderwertig“. Selbst seine Wahl der Speisen in der Mensa seien nur etwas „für verwöhnte Kinder“.

„Dieser verfluchte Nero!”, schäumte Cid, während er die komplizierten Bauteile für sein Werk zusammenschraubte.
„Warum lässt der Kerl mich nicht einfach in Ruhe?“

Und so zogen die Monate ins Land. Der Frühling war zwar offiziell angebrochen, doch der Winter machte keinerlei Anstalten abzulassen. In der Hauptstadt blieb es frostig und der Schnee zierte weiterhin das Stadtbild. Trotz der Eiseskälte draußen war es stickig heiß im Auditorium. Der Saal, der die Ausstellung beheimatete, wurde von den frenetisch arbeitenden Studenten aufgeheizt. Die Teilnehmer wuselten um Tische und Apparaturen, ein jeder darauf bedacht, alles für den letzten und wichtigsten Teil des Wettbewerbs rauszuholen: der praktischen Demonstration.
Cid selbst führte einige letzte Tests für seinen selbstentworfenen Flugapparat durch, tief fokussiert auf das reibungslose Ineinandergreifen der beweglichen Teile der ätherdurchwirkten Flügel.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass ein Kinderspielzeug die Jury beeindrucken wird?“

Die vor Verachtung triefende Stimme ließ Cids tranceähnliche Konzentration wie eine Seifenblase zerplatzen.

„Argh, nicht jetzt, Scaeva ...“

„Meine Hyperampere-Kanone wird das Zehnfache – ach was, das Hundertfache – an Interesse wecken!“

Nero war mit einer schlanken Röhre angekommen, die er mit beiden Händen hielt und nun stolz Cid präsentierte. Um keinen sinnlosen Streit anzufangen, beschloss Cid Neros Provokation zu ignorieren und sich weiter auf die Arbeit an seinem eigenen Ausstellungsstück zu konzentrieren.

Einen Moment später zerriss eine ohrenbetäubende Explosion die geschäftige Stille des Saals.

„Was zur ...?!“

Eine Explosion! Cid stand auf, um zu sehen, wessen Magitek-Apparatur da wohl das Zeitliche gesegnet haben mochte, doch stattdessen erblickte er eine Gruppe von Soldaten, die aus den milchigen Schwaden einer Rauchwolke schritten. Und es waren offenbar keine garleischen Soldaten. Die uneinheitliche Ausrüstung, die unrasierten Gesichter, das wilde Haar – sichere Anzeichen, dass die Eindringlinge Aufständische aus der Provinz sein mussten.

Der erste Moment des Schocks wurde von einem gellenden Schrei durchbrochen und im ganzen Saal brach Chaos aus. Studenten rannten in Panik kreuz und quer, die zuvor bemutterten Apparaturen gänzlich vergessen.

„Soll das ein Witz sein?“, stammelte Nero, dessen aufgetragene Selbstsicherheit beim Anblick der bewaffneten Aufständischen erste Risse zeigte. „Wer hat diese Wegelagerer in die verdammte Hauptstadt gelassen?“

Cid schien genauso paralysiert vom Schock, doch obwohl sein Körper nur träge reagierte, rasten seine Gedanken und analysierten das Geschehen.Während er noch versuchte, seine Gedanken zu ordnen, blickte der vermeintliche Anführer der Rebellengruppe in die angsterfüllten Gesichter der Leute, drehte sich um und erteilte seinen Untergebenen eine Reihe von Befehlen:

„Das Ziel ist nicht hier. Ihr haltet uns die Kaiserlichen vom Hals, und der Rest von euch folgt mir nach oben!“

Einige der Rebellen begannen, Barrikaden zu errichten und kleine Gruppen von verängstigten Studenten aus dem Saal zu treiben, während die verbleibenden Kämpfer sich sammelten und auf die nächstgelegene Treppe zubewegten.

„Sie suchen jemanden ...”

Sobald er die Worte geflüstert hatte, wusste er auch, wer das Ziel war. Von allen Würdenträgern, die am Wettbewerb teilnahmen, war der Angesehenste ohne Frage der Vorsitzende der Jury. Der im Kaiserreich wohl bekannteste Ingenieur, Midas nan Garlond.
Vater! Auch wenn Cid noch nicht wusste, warum sie es auf seinen alten Herren abgesehen hatten, war ihm bewusst, dass sein Leben in Gefahr war. Er nahm seinen Flugapparat unter den Arm und rannte los. Cid umschiffte die Gruppen verängstigter Studenten, die sich auf den Ausgang zubewegten und duckte sich in einen anderen Treppenaufgang, um in den zweiten Stock zu gelangen. Er erinnerte sich daran, dass dort ein Konferenzzimmer für die Jury zur Beratung eingerichtet wurde.

Cid verlangsamte seinen Lauf und schlich sich die letzten Yalme an der Mauer des Korridors entlang. Um die Ecke herum ertönte die wütende Stimme eines Mannes.

„Beende umgehend das Experiment oder dein Leben ist verwirkt. Ganz einfach!“

Und so fügten sich alle Teile des Puzzles zusammen. Cids Vater war oft auf Reisen im vergangenen Monat, ständig unterwegs zwischen der Bozja-Zitadelle in den Grenzlanden und der Hauptstadt, um ein wichtiges – und geheimes – Experiment im direkten Auftrag des Kaisers durchzuführen.
Die Kleidung der Aufständischen entsprach der traditionellen Kleidung der Region. Ihr Plan war damit ebenfalls durchschaut: Indem sie Midas gefangen nahmen, hofften sie das Experiment stoppen zu können, welches ihrer Auffassung nach ihre Heimat bedrohte. Sie rechneten offensichtlich damit, dass sich das Militär zurückhalten würde, um das Leben des „größten Geistes des Landes“ nicht zu gefährden. Kurzfristig zumindest.

„Sie sind also hinter dem alten Garlond her ...“

Cid zuckte vor Schreck zusammen, als er die Stimme hinter sich vernahm. Er blickte hinter sich und sah Nero in seinem Rücken an der Wand knien, mit einem Arm lässig auf dem Bein ruhend.

„Nero!“, zischte Cid. „Was machst du hier?“

„Ich kann ja schlecht zusehen, wie du dich ins Verderben stürzt,“ erklärte der blonde Junge mit gezwungener Nonchalance.

„Woher soll ich dann wissen, wer den Wettbewerb gewinnt?“

„Der Wettbewerb ist alles, woran du gerade denken kannst?“

„Nun, ich habe keine Zweifel, dass meine Kanone den ersten Preis gewinnt, aber der Sieg wäre bedeutungslos, ohne deine Erfindung auf dem Podest des Zweitplatzierten.“

Cid schüttelte ungläubig den Kopf, doch im selben Moment kam ihm eine Idee. Sein Blick schweifte über die beiden Magitek-Apparaturen, die sie entworfen und aus dem Atrium gerettet hatten.

„Wenn du so nach der Anerkennung der Preisrichter lechzt, hilf mir ihr Leben zu retten,“ stichelte Cid.

Und so begann eine außergewöhnliche Kooperation zweier genialer Erzrivalen. Sie versteckten sich in einer kleinen Kammer und begannen die Hyperampere-Kanone auseinanderzubauen und in Cids Flugmaschine zu integrieren. Das Ergebnis war eine selbstgebastelte Kampfdrohne.
„Wir haben ein fliegendes Magitek-Geschütz erschaffen!“, frohlockte Nero.

Cid ignorierte den Enthusiasmus seines Partners während er versuchte, aus den verbleibenden Teilen eine Art Fernbedienung zu basteln. Der kompakte Erdseim-Antrieb gluckste und knatterte kurz als er zum Leben erweckt wurde, doch die Drohne hob mit schnell getakteten Schlägen der Ätherflügeln trotz des zusätzlichen Gewichtes der Kanone problemlos ab.

„Also gut. Ich steuere die Drohne und du schießt alles über den Haufen, was dir vor die Kanone kommt.“

„Zu Befehl, Kapitän Garlond!

Nero stieß die Kammertür auf und Cid ließ die Drohne den Gang entlangsausen. Kaum hatte die Drohne die Ecke erreicht, entlud sich die Hyperampere-Kanone mit einem knisternden Schlag und setzte eine Wache der Aufständischen außer Gefecht. Der Getroffene sackte mit zuckenden Gliedmaßen betäubt zu Boden. Der Flugapparat schwirrte ohne zu Bremsen in das Konferenzzimmer, direkt gefolgt von seinen beiden Erfindern.

„Die Kaiserlichen!“

Die Bozianer griffen nach ihren Waffen und ihr Anführer trat hervor, um die Angreifer zu warnen: „Stopp! Wir haben eine Geis...“

Seine Worte verwandelten sich in einen gequälten Schrei, als ein Kugelblitz in seiner Brust einschlug.

„Noch eine kleine Demonstration gefällig?“

Nero drückte den Feuerknopf mit einem teuflischen Grinsen im Gesicht und azurblaue Blitze erfüllten den kleinen Raum.

Cid verständigte eiligst die Kaiserliche Garde, die kurz darauf das Auditorium stürmte. Die Leibgardisten machten kurzen Prozess mit den verbliebenen Angreifern und sicherten schließlich die obere Etage, wo sie im Konferenzzimmer nur noch zuckende und Speichel triefende Gestalten vorfanden, einschließlich eines stöhnenden Midas nan Garlond, der ebenfalls Opfer Neros kleiner Ballerorgie geworden war.

Wenige Tage später wurde nach kurzer Unterbrechung die Siegerehrung des Wettbewerbs abgehalten. Es überraschte niemanden, dass die Gewinner des ersten Preises Cid Garlond und Nero Scaeva lauteten, deren Magitek-Kampfdrohne schlagende Argumente geliefert hatte.

„Du machst ein besorgtes Gesicht. Alles in Ordnung?“

Cid blickte überrascht auf, als er Jessies Stimme hörte und nahm seine Hand vom Bart, an dem er gerade noch nachdenklich gezupft hatte.

„Ach, ich habe nur an längst vergangene Tage gedacht.“

Jessie hob eine Augenbraue.

„Hat es etwas mit den Daten zu tun, die du angefordert hast?“

Tatsächlich fand sich Cid öfter in Gedanken versunken, als ihm lieb war, seitdem er eine gewisse Forschungsakte aus dem Kaiserreich schmuggeln ließ. Es stand eigentlich zu viel auf dem Spiel, als dass er sich die Ablenkung leisten könnte.

„Machst du dir etwa Sorgen um mich?“, scherzte Cid mit einem gezwungenen Lächeln.

„Keine Sorge, Jessie. Ich habe mit meiner Vergangenheit Frieden geschlossen.“ Und mit einem ehrlichen Lachen fügte er hinzu: „Nicht alle Erinnerungen sind schlecht“.