Der Lodestone

Erinnerungen im Dämmerlicht

Der unbesetzte Thron

Als Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Krieger des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des LichtsAls Kriegerin des Lichts

Der Thron im Audienzsaal der Erzbasilika von Ishgard blieb leer. Niemand hatte mehr das Recht, darauf Platz zu nehmen.

Nachdem ein Abenteurer das Ende des tausendjährigen Drachenkriegs herbeigeführt hatte, wechselte Ishgard von einer Theokratie mit einem Papst an der Spitze zu einer Republik, in der sich ein Oberhaus und ein Unterhaus die Macht teilten. Im Gegensatz zu früher, als nur wenige Auserwählte eine persönliche Audienz beim Papst erhielten, herrschte in dem Saal nun ein reges Kommen und Gehen der Ratsmitglieder, die den Saal für ihre Besprechungen nutzten.

Auch Artoirel, der Graf des Hauses Fortemps, nahm als Mitglied des Oberhauses daran teil.

„Lasst uns nun zur Abstimmung schreiten und die heutige Sitzung beenden! Wer seine Stimme abgegeben hat, kann den Saal verlassen. Vielen Dank für die konstruktive Diskussion zu so später Stunde.“

Aymeric Borels Stimme hallte laut durch den mit Steinfliesen ausgelegten, majestätischen Saal, der in goldenes Abendlicht getaucht war. Als Vorsitzender des Oberhauses oblagen Aymeric nicht nur die Verhandlungen mit den Repräsentanten anderer Länder, sondern auch die Leitung von Abstimmungen.

Auf seine Aufforderung hin erhoben sich die Ratsmitglieder und schritten zur Wahlurne. Sie vertraten die Stimme des Volkes, doch an diese Macht mussten sich viele erst noch gewöhnen.
Artoirel räumte seinen Platz, warf seinen Stimmzettel in die Urne und ging zum Ausgang des Saals.

Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf den leeren Thron ...

„Auch damals war der Thron unbesetzt ...“


Vor 17 Jahren verstarb der alte Herrscher und Papst Thordan der Siebte wurde gekrönt.
Die Gläubigen versammelten sich in Scharen bis zur Großen Aspis in der Hoffnung, einen Blick auf den neuen Papst zu erhaschen.

An der eigentlichen Krönungszeremonie im Audienzsaal durften nur die Priester, die Ritter der Azurgarde und die Mitglieder der vier zur Papstwahl berechtigten Adelshäuser teilnehmen.
Artoirel war damals dreizehn, als er als ältester Sohn des Hauses Fortemps an der Zeremonie teilnahm. Mit stolzgeschwellter Brust trug er eine prächtige Robe, die ihm eigens zu diesem feierlichen Anlass angelegt worden war. Selbst sein jüngerer Bruder Emmanellain, der die ganze Tragweite der Krönung nicht begriff, war von der imposanten Atmosphäre beeindruckt und verhielt sich ungewöhnlich ruhig.

Nur Haurchefant fehlte. Obwohl er im selben Haus lebte, war es ihm nicht gestattet, den Namen Fortemps zu tragen. Und damit war ihm auch die Teilnahme an der Krönung verwehrt. So hatte es ihm zumindest sein Vater erklärt. Die Erklärung hinterließ bei Artoirel ein ungutes Gefühl. Er hatte schon lange den Eindruck, dass seine Mutter Haurchefant hasste und ihn nicht als ihren Sohn akzeptierte. Die ganze Wahrheit sollte er erst einige Jahre später erfahren.

Da trat Papst Thordan der Siebte in einem reich verzierten Priestergewand vor die Gläubigen, die vor Ehrfurcht erstarrten. Mit „Halones Gnade“ in der Hand, dem Zepter des ersten Papstes, schritt Thordan andächtig zum Thron. Die Wahlleute waren sich sicher, dass sie eine gute Entscheidung getroffen hatten.

„Ich, Thordan der Siebte, Halones Stellvertreter unter den Sterblichen, trete hiermit das Erbe von Thordan dem Ersten an und gelobe feierlich, dass ich zu jeder Zeit den wahren Glauben verbreiten und Gerechtigkeit walten lassen werde.

Gemeinsam mit euch, den Nachfahren der zwölf Reichsgründer und Drachenbezwinger, werde ich mich unablässig und bedingungslos für das Wohl des ganzen Volkes einsetzen.“

Mit seinem Eid hinterließ Thordan einen bleibenden Eindruck bei Artoirel. Der Junge kannte die Geschichte der Reichsgründung zwar, aber an diesem Tag wurde ihm seine Abstammung als ein Nachfahre der legendären Ritter noch einmal deutlich bewusst. Von Stolz beseelt bekräftigte er seinen eigenen Entschluss:

„Wie meine Vorfahren will auch ich ein ehrenvoller Ritter werden und Ishgard beschützen!“

Mit dem Eid des neuen Papstes endete die Zeremonie. Ein Teil der Gäste machte sich auf den Heimweg, während andere in der Halle blieben, um sich miteinander zu unterhalten. Als sich die schwere Pforte öffnete, strömten einige niedere Adlige und Ritter herein, denen bisher der Zutritt zu den heiligen Hallen verwehrt war. Artoirel und Emmanellain blieben hinter ihrem Vater, Graf Edmont Fortemps, und beobachteten aufmerksam das illustre Treiben um sie herum. Um in der Welt des Hochadels zu bestehen, mussten sie die Regeln und Umgangsformen lernen, und hier bot sich ihnen eine gute Gelegenheit.

Artoirel fiel auf, wie einige Mitglieder der Familien Durendaire und Dzemael gemeinsam den Saal verließen. Beide Familien teilten den roten Hintergrund ihrer Wappen und hielten oft geheime Versammlungen ab, um irgendwelche Ränke zu schmieden.

Die Familien Fortemps und Haillenarte hingegen hatten beide Wappen mit einem schwarzen Hintergrund. Seit jeher bestand eine enge Bande zwischen ihnen. Graf Edmond begrüßte Graf Baurendouin und die übrigen Mitglieder der Haillenarte. Von den vier Jungen und einem Mädchen waren nur vier ihrer Sprösslinge anwesend. Francel, der jüngste Sohn, fehlte. Als die Erwachsenen zu einem ernsten Thema wechselten, begannen die Kinder miteinander zu plaudern.

Emmanellain ging lächelnd zu Chlodebaimt, drittgeborener Sohn des Hauses Haillenarte, und dessen jüngeren Schwester Laniaitte. Sowohl Emmanellain als auch Laniaitte schienen einen Narren an dem charmanten Chlodebaimt gefressen zu haben.

Artoirel verbeugte sich ehrerbietig vor Stephanivien, dem ältesten Sohn, und seinem jüngeren Bruder Aurvael. Die Kinder aus edlem Hause würden in Zukunft zu wertvollen Verbündeten werden, doch ebenso zu ernstzunehmenden Konkurrenten. Da schien es angebracht, trotz aller Freundschaft eine gewisse höfliche Distanz zu wahren.

„Nur nicht so förmlich! Wir sind doch unter uns“, neckte Stephanivien.

Auch Aurvael schien nicht länger zur förmlichen Zurückhaltung bereit zu sein, denn er gestand freimütig:

„Ehrlich gesagt bin ich ziemlich erschöpft. Es war ein langer Tag und ich möchte bald nach Hause.“

„Soll mir recht sein. Zu Hause wartet noch eine halb fertige Maschine auf mich. Lass uns Vater Bescheid sagen, dass wir schon gehen.“

Die beiden Brüder verabschiedeten sich von Artoirel, sprachen kurz mit ihrem Vater und gingen sodann nach Hause. Artoirel blickte ihnen kurz nach und beneidete sie ein wenig um ihre Unbeschwertheit und ihre gute Beziehung zueinander.

Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die anderen Gäste. Da sprang ihm ein etwas älterer Junge mit schwarzen Haaren ins Auge, der mit finsterem Blick auf den leeren Thron starrte. Überrascht sprach Artoirel ihn an:

„Warum bist du so wütend? Bist du etwa zornig auf den Papst?“

Der Jüngling fuhr aufgeschreckt herum und sagte mit leicht verzerrtem Gesicht:

„Du gehörst doch zur Familie Fortemps. Wenn du die Gerüchte über meine Herkunft nicht kennst, dann geht dich das auch nichts an.“

Artoirel war völlig verdutzt. Doch der schwarzhaarige Jüngling hatte guten Grund für sein schroffes Verhalten. Aymeric, so sein Name, Adoptivkind des Hauses Borel, war angeblich der uneheliche Sohn von Thordan dem Siebten, der als Priester keine eheliche Bindung eingehen durfte.

Aus Liebe verschwiegen ihm seine Stiefeltern die Wahrheit über seine leiblichen Eltern, doch nach und nach war sie dennoch in Form von Gerüchten und böswilligen Zuflüsterungen an sein Ohr gelangt. So kam es, dass Aymeric von Zweifeln über seine Herkunft geplagt wurde.

Er war entschlossen, irgendwann eine Audienz bei dem Papst zu erbitten, um von ihm persönlich die Wahrheit in Erfahrung zu bringen. Doch als Sohn des Hauses Borel bot sich ihm keine Gelegenheit, einen hochrangigen Priester, geschweige denn den neu gewählten Papst zu sehen.

Das war selbstverständlich keine Entschuldigung, seinen Unmut an einem jüngeren Kind auszulassen. Aymeric bereute seine harschen Worte von vorhin und sprach nun freundlicher zu Artoirel:

„Verzeih ... Worüber hat Papst Thordan der Siebte gesprochen?“

„Er hat geschworen, sich für das Wohl des ganzen Volkes einzusetzen. Es war eine beeindruckende Rede!“

Artoirels Augen leuchteten vor Begeisterung, doch Aymerics Gesichtszüge blieben düster, als er sagte:

„Das Wohl des ganzen Volkes ... Liegt das wirklich in seiner Macht?“

Ehe Artoirel seine Zuversicht zum Ausdruck bringen konnte, rief jemand hinter ihnen:

„Ganz bestimmt! Der neue Papst wird große Wunder vollbringen!“

Als Aymeric und Artoirel sich umdrehten, sahen sie einen blonden Jüngling in der Kleidung eines Ritterhauses. Auch wenn sie alle ungefähr im gleichen Alter waren, waren sie aus unterschiedlichen Ständen. Also verneigte sich der blonde Junge ehrerbietig, ehe er aufgeregt weitersprach.

„Der neue Papst hat letztes Jahr bei einem Kirchenfest zu uns Kindern gesprochen und dafür gebetet, dass wir edle Ritter werden. Er ist so gütig! Wenn ich groß bin, will ich ihm als Ritter dienen!“

Von dem Eifer des Jungen fühlte sich Artoirel seltsam berührt. Aymeric öffnete kurz den Mund, als wolle er etwas erwidern, schloss ihn dann jedoch wieder.

Da kam ein Ritter herbei, legte eine Hand auf die Schulter des Jungen und sagte:

„Valhourdin, hier steckst du also! Dein Vater vermisst dich!“

Der blonde Jüngling richtete sich kerzengerade auf, verbeugte sich zum Abschied vor Artoirel und Aymeric und folgte brav dem Ritter.

„Ich muss auch los. Hab Dank, Artoirel.“

Aymeric verließ den Saal. Dabei fiel Artoirel auf, dass er sich gar nicht vorgestellt hatte. Dass der schwarzhaarige Junge bereits seinen Namen kannte, machte deutlich, dass auch er die Adligen genau beobachtete, um nicht in irgendwelche Intrigen verstrickt zu werden. Und Aymeric verfügte nicht nur über eine gute Beobachtungsgabe, sondern eignete sich im Laufe der Zeit mit Fleiß und Hingabe militärische und politische Fähigkeiten an.

So stieg Aymeric nach über zehn Jahren zum Großmeister der Tempelritter auf.


„Artoirel, deine Verwandten sind bereits gegangen. Ist alles in Ordnung?“

Aymerics Stimme schreckte Artoirel aus seinen Gedanken auf. Während seines geistigen Streifzugs in die Vergangenheit hatten die Ratsmitglieder die Abstimmung beendet.

Artoirel und Aymeric hatten mittlerweile viele Male Seite an Seite gekämpft und waren zu vertrauten Freunden geworden. Sie hatten nichts voreinander zu verbergen.

„Der leere Thron hat mich an die Krönung von Papst Thordan dem Siebten erinnert. Damals haben wir zum ersten Mal miteinander gesprochen, Aymeric.“

Aymeric schaute überrascht und sah dann stirnrunzelnd hinüber zum Thron.

„Hätten wir damals bloß gewusst, was uns erwartete.“

Die Erinnerungen an ihre Jugend lockerten ihre Zungen und Artoirel offenbarte Aymeric seine Gedanken:

„Früher glaubte ich felsenfest an die Kirche von Ishgard und an die Unfehlbarkeit des Papstes. Einerseits erinnere ich mich gerne an diese unschuldige Zeit zurück, andererseits erfüllen mich die Erinnerungen mit Scham. Der Stolz, den ich damals verspürte, beruhte auf Lug und Trug.“

„Die Verschleierung der wahren Geschichte war die größte Sünde der Kirche. Der Betrug hat bei den Gläubigen tiefe Wunden hinterlassen, die wohl niemals gänzlich verheilen werden. Das macht die Erneuerung der Politik nicht gerade einfacher.“

In der Ghimlyt-Finsternis hatte Aymeric Artoirel davon berichtet, wie Papst Thordan zur Rede gestellt worden war. Damals hatte er gesagt: „Glaubst du, das Volk verwirft einfach so eine über tausend Jahre gehegte Überzeugung?“ Seither steckte diese Frage wie ein Stachel in Aymerics Herz.

Artoirel dachte: „Niemand von uns, weder du noch ich noch irgendjemand in Ishgard, wird die Kirche je vergessen können. Sie ist ein Teil von uns. Und dennoch ...“

Ehe Artoirel den Gedanken aussprechen konnte, sagte Aymeric:

„Wir müssen Frieden mit der Vergangenheit und Gegenwart schließen und mit Vertrauen in die Zukunft schreiten.“

Während er dies sagte, blieb Aymerics Blick auf den unbesetzten Thron gerichtet. Artoirel nickte wortlos.

Durch die Fenster fiel das Licht der Abendsonne auf ihre Rücken.
Der Thron im Audienzsaal der Erzbasilika von Ishgard blieb leer. Niemand hatte mehr das Recht, darauf Platz zu nehmen.

Nachdem eine Abenteurerin das Ende des tausendjährigen Drachenkriegs herbeigeführt hatte, wechselte Ishgard von einer Theokratie mit einem Papst an der Spitze zu einer Republik, in der sich ein Oberhaus und ein Unterhaus die Macht teilten. Im Gegensatz zu früher, als nur wenige Auserwählte eine persönliche Audienz beim Papst erhielten, herrschte in dem Saal nun ein reges Kommen und Gehen der Ratsmitglieder, die den Saal für ihre Besprechungen nutzten.

Auch Artoirel, der Graf des Hauses Fortemps, nahm als Mitglied des Oberhauses daran teil.

„Lasst uns nun zur Abstimmung schreiten und die heutige Sitzung beenden! Wer seine Stimme abgegeben hat, kann den Saal verlassen. Vielen Dank für die konstruktive Diskussion zu so später Stunde.“

Aymeric Borels Stimme hallte laut durch den mit Steinfliesen ausgelegten, majestätischen Saal, der in goldenes Abendlicht getaucht war. Als Vorsitzender des Oberhauses oblagen Aymeric nicht nur die Verhandlungen mit den Repräsentanten anderer Länder, sondern auch die Leitung von Abstimmungen.

Auf seine Aufforderung hin erhoben sich die Ratsmitglieder und schritten zur Wahlurne. Sie vertraten die Stimme des Volkes, doch an diese Macht mussten sich viele erst noch gewöhnen.
Artoirel räumte seinen Platz, warf seinen Stimmzettel in die Urne und ging zum Ausgang des Saals.

Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf den leeren Thron ...

„Auch damals war der Thron unbesetzt ...“


Vor 17 Jahren verstarb der alte Herrscher und Papst Thordan der Siebte wurde gekrönt.
Die Gläubigen versammelten sich in Scharen bis zur Großen Aspis in der Hoffnung, einen Blick auf den neuen Papst zu erhaschen.

An der eigentlichen Krönungszeremonie im Audienzsaal durften nur die Priester, die Ritter der Azurgarde und die Mitglieder der vier zur Papstwahl berechtigten Adelshäuser teilnehmen.
Artoirel war damals dreizehn, als er als ältester Sohn des Hauses Fortemps an der Zeremonie teilnahm. Mit stolzgeschwellter Brust trug er eine prächtige Robe, die ihm eigens zu diesem feierlichen Anlass angelegt worden war. Selbst sein jüngerer Bruder Emmanellain, der die ganze Tragweite der Krönung nicht begriff, war von der imposanten Atmosphäre beeindruckt und verhielt sich ungewöhnlich ruhig.

Nur Haurchefant fehlte. Obwohl er im selben Haus lebte, war es ihm nicht gestattet, den Namen Fortemps zu tragen. Und damit war ihm auch die Teilnahme an der Krönung verwehrt. So hatte es ihm zumindest sein Vater erklärt. Die Erklärung hinterließ bei Artoirel ein ungutes Gefühl. Er hatte schon lange den Eindruck, dass seine Mutter Haurchefant hasste und ihn nicht als ihren Sohn akzeptierte. Die ganze Wahrheit sollte er erst einige Jahre später erfahren.

Da trat Papst Thordan der Siebte in einem reich verzierten Priestergewand vor die Gläubigen, die vor Ehrfurcht erstarrten. Mit „Halones Gnade“ in der Hand, dem Zepter des ersten Papstes, schritt Thordan andächtig zum Thron. Die Wahlleute waren sich sicher, dass sie eine gute Entscheidung getroffen hatten.

„Ich, Thordan der Siebte, Halones Stellvertreter unter den Sterblichen, trete hiermit das Erbe von Thordan dem Ersten an und gelobe feierlich, dass ich zu jeder Zeit den wahren Glauben verbreiten und Gerechtigkeit walten lassen werde.

Gemeinsam mit euch, den Nachfahren der zwölf Reichsgründer und Drachenbezwinger, werde ich mich unablässig und bedingungslos für das Wohl des ganzen Volkes einsetzen.“

Mit seinem Eid hinterließ Thordan einen bleibenden Eindruck bei Artoirel. Der Junge kannte die Geschichte der Reichsgründung zwar, aber an diesem Tag wurde ihm seine Abstammung als ein Nachfahre der legendären Ritter noch einmal deutlich bewusst. Von Stolz beseelt bekräftigte er seinen eigenen Entschluss:

„Wie meine Vorfahren will auch ich ein ehrenvoller Ritter werden und Ishgard beschützen!“

Mit dem Eid des neuen Papstes endete die Zeremonie. Ein Teil der Gäste machte sich auf den Heimweg, während andere in der Halle blieben, um sich miteinander zu unterhalten. Als sich die schwere Pforte öffnete, strömten einige niedere Adlige und Ritter herein, denen bisher der Zutritt zu den heiligen Hallen verwehrt war. Artoirel und Emmanellain blieben hinter ihrem Vater, Graf Edmont Fortemps, und beobachteten aufmerksam das illustre Treiben um sie herum. Um in der Welt des Hochadels zu bestehen, mussten sie die Regeln und Umgangsformen lernen, und hier bot sich ihnen eine gute Gelegenheit.

Artoirel fiel auf, wie einige Mitglieder der Familien Durendaire und Dzemael gemeinsam den Saal verließen. Beide Familien teilten den roten Hintergrund ihrer Wappen und hielten oft geheime Versammlungen ab, um irgendwelche Ränke zu schmieden.

Die Familien Fortemps und Haillenarte hingegen hatten beide Wappen mit einem schwarzen Hintergrund. Seit jeher bestand eine enge Bande zwischen ihnen. Graf Edmond begrüßte Graf Baurendouin und die übrigen Mitglieder der Haillenarte. Von den vier Jungen und einem Mädchen waren nur vier ihrer Sprösslinge anwesend. Francel, der jüngste Sohn, fehlte. Als die Erwachsenen zu einem ernsten Thema wechselten, begannen die Kinder miteinander zu plaudern.

Emmanellain ging lächelnd zu Chlodebaimt, drittgeborener Sohn des Hauses Haillenarte, und dessen jüngeren Schwester Laniaitte. Sowohl Emmanellain als auch Laniaitte schienen einen Narren an dem charmanten Chlodebaimt gefressen zu haben.

Artoirel verbeugte sich ehrerbietig vor Stephanivien, dem ältesten Sohn, und seinem jüngeren Bruder Aurvael. Die Kinder aus edlem Hause würden in Zukunft zu wertvollen Verbündeten werden, doch ebenso zu ernstzunehmenden Konkurrenten. Da schien es angebracht, trotz aller Freundschaft eine gewisse höfliche Distanz zu wahren.

„Nur nicht so förmlich! Wir sind doch unter uns“, neckte Stephanivien.

Auch Aurvael schien nicht länger zur förmlichen Zurückhaltung bereit zu sein, denn er gestand freimütig:

„Ehrlich gesagt bin ich ziemlich erschöpft. Es war ein langer Tag und ich möchte bald nach Hause.“

„Soll mir recht sein. Zu Hause wartet noch eine halb fertige Maschine auf mich. Lass uns Vater Bescheid sagen, dass wir schon gehen.“

Die beiden Brüder verabschiedeten sich von Artoirel, sprachen kurz mit ihrem Vater und gingen sodann nach Hause. Artoirel blickte ihnen kurz nach und beneidete sie ein wenig um ihre Unbeschwertheit und ihre gute Beziehung zueinander.

Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die anderen Gäste. Da sprang ihm ein etwas älterer Junge mit schwarzen Haaren ins Auge, der mit finsterem Blick auf den leeren Thron starrte. Überrascht sprach Artoirel ihn an:

„Warum bist du so wütend? Bist du etwa zornig auf den Papst?“

Der Jüngling fuhr aufgeschreckt herum und sagte mit leicht verzerrtem Gesicht:

„Du gehörst doch zur Familie Fortemps. Wenn du die Gerüchte über meine Herkunft nicht kennst, dann geht dich das auch nichts an.“

Artoirel war völlig verdutzt. Doch der schwarzhaarige Jüngling hatte guten Grund für sein schroffes Verhalten. Aymeric, so sein Name, Adoptivkind des Hauses Borel, war angeblich der uneheliche Sohn von Thordan dem Siebten, der als Priester keine eheliche Bindung eingehen durfte.

Aus Liebe verschwiegen ihm seine Stiefeltern die Wahrheit über seine leiblichen Eltern, doch nach und nach war sie dennoch in Form von Gerüchten und böswilligen Zuflüsterungen an sein Ohr gelangt. So kam es, dass Aymeric von Zweifeln über seine Herkunft geplagt wurde.

Er war entschlossen, irgendwann eine Audienz bei dem Papst zu erbitten, um von ihm persönlich die Wahrheit in Erfahrung zu bringen. Doch als Sohn des Hauses Borel bot sich ihm keine Gelegenheit, einen hochrangigen Priester, geschweige denn den neu gewählten Papst zu sehen.

Das war selbstverständlich keine Entschuldigung, seinen Unmut an einem jüngeren Kind auszulassen. Aymeric bereute seine harschen Worte von vorhin und sprach nun freundlicher zu Artoirel:

„Verzeih ... Worüber hat Papst Thordan der Siebte gesprochen?“

„Er hat geschworen, sich für das Wohl des ganzen Volkes einzusetzen. Es war eine beeindruckende Rede!“

Artoirels Augen leuchteten vor Begeisterung, doch Aymerics Gesichtszüge blieben düster, als er sagte:

„Das Wohl des ganzen Volkes ... Liegt das wirklich in seiner Macht?“

Ehe Artoirel seine Zuversicht zum Ausdruck bringen konnte, rief jemand hinter ihnen:

„Ganz bestimmt! Der neue Papst wird große Wunder vollbringen!“

Als Aymeric und Artoirel sich umdrehten, sahen sie einen blonden Jüngling in der Kleidung eines Ritterhauses. Auch wenn sie alle ungefähr im gleichen Alter waren, waren sie aus unterschiedlichen Ständen. Also verneigte sich der blonde Junge ehrerbietig, ehe er aufgeregt weitersprach.

„Der neue Papst hat letztes Jahr bei einem Kirchenfest zu uns Kindern gesprochen und dafür gebetet, dass wir edle Ritter werden. Er ist so gütig! Wenn ich groß bin, will ich ihm als Ritter dienen!“

Von dem Eifer des Jungen fühlte sich Artoirel seltsam berührt. Aymeric öffnete kurz den Mund, als wolle er etwas erwidern, schloss ihn dann jedoch wieder.

Da kam ein Ritter herbei, legte eine Hand auf die Schulter des Jungen und sagte:

„Valhourdin, hier steckst du also! Dein Vater vermisst dich!“

Der blonde Jüngling richtete sich kerzengerade auf, verbeugte sich zum Abschied vor Artoirel und Aymeric und folgte brav dem Ritter.

„Ich muss auch los. Hab Dank, Artoirel.“

Aymeric verließ den Saal. Dabei fiel Artoirel auf, dass er sich gar nicht vorgestellt hatte. Dass der schwarzhaarige Junge bereits seinen Namen kannte, machte deutlich, dass auch er die Adligen genau beobachtete, um nicht in irgendwelche Intrigen verstrickt zu werden. Und Aymeric verfügte nicht nur über eine gute Beobachtungsgabe, sondern eignete sich im Laufe der Zeit mit Fleiß und Hingabe militärische und politische Fähigkeiten an.

So stieg Aymeric nach über zehn Jahren zum Großmeister der Tempelritter auf.


„Artoirel, deine Verwandten sind bereits gegangen. Ist alles in Ordnung?“

Aymerics Stimme schreckte Artoirel aus seinen Gedanken auf. Während seines geistigen Streifzugs in die Vergangenheit hatten die Ratsmitglieder die Abstimmung beendet.

Artoirel und Aymeric hatten mittlerweile viele Male Seite an Seite gekämpft und waren zu vertrauten Freunden geworden. Sie hatten nichts voreinander zu verbergen.

„Der leere Thron hat mich an die Krönung von Papst Thordan dem Siebten erinnert. Damals haben wir zum ersten Mal miteinander gesprochen, Aymeric.“

Aymeric schaute überrascht und sah dann stirnrunzelnd hinüber zum Thron.

„Hätten wir damals bloß gewusst, was uns erwartete.“

Die Erinnerungen an ihre Jugend lockerten ihre Zungen und Artoirel offenbarte Aymeric seine Gedanken:

„Früher glaubte ich felsenfest an die Kirche von Ishgard und an die Unfehlbarkeit des Papstes. Einerseits erinnere ich mich gerne an diese unschuldige Zeit zurück, andererseits erfüllen mich die Erinnerungen mit Scham. Der Stolz, den ich damals verspürte, beruhte auf Lug und Trug.“

„Die Verschleierung der wahren Geschichte war die größte Sünde der Kirche. Der Betrug hat bei den Gläubigen tiefe Wunden hinterlassen, die wohl niemals gänzlich verheilen werden. Das macht die Erneuerung der Politik nicht gerade einfacher.“

In der Ghimlyt-Finsternis hatte Aymeric Artoirel davon berichtet, wie Papst Thordan zur Rede gestellt worden war. Damals hatte er gesagt: „Glaubst du, das Volk verwirft einfach so eine über tausend Jahre gehegte Überzeugung?“ Seither steckte diese Frage wie ein Stachel in Aymerics Herz.

Artoirel dachte: „Niemand von uns, weder du noch ich noch irgendjemand in Ishgard, wird die Kirche je vergessen können. Sie ist ein Teil von uns. Und dennoch ...“

Ehe Artoirel den Gedanken aussprechen konnte, sagte Aymeric:

„Wir müssen Frieden mit der Vergangenheit und Gegenwart schließen und mit Vertrauen in die Zukunft schreiten.“

Während er dies sagte, blieb Aymerics Blick auf den unbesetzten Thron gerichtet. Artoirel nickte wortlos.

Durch die Fenster fiel das Licht der Abendsonne auf ihre Rücken.
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