Der Lodestone

Erinnerungen im Dämmerlicht

Schuld und Sühne


Nachdem die Verhandlungen in den U'Ghamaro-Minen unter der Führung von Admiral Merlwyb Bloefhiswyn erfolgreich verlaufen waren, herrschte nach langen Jahren der Feindschaft endlich Frieden zwischen Limsa Lominsa und den Kobolden. Doch als sie am Abend dieses großen Tages auf der Brücke ihre geliebten Pistolen reinigte, ruhten ihre Gedanken nicht bei ihrem Erfolg als Vermittlerin in einem festgefahrenen Konflikt, sondern schweiften zu dem schicksalshaften Tag zurück, an dem sie gezwungen gewesen war, jene Waffen zum ersten Mal in ihrem Leben abzufeuern.

Das Jahr 1562 der 6. Ära des Lichts

Damals häuften sich in Limsa Lominsa Überfälle von Sahagin auf Handelsschiffe, die mit Kristallen beladen waren. Ein Mangel an diesem für die Hafenstadt so wichtigen Rohstoff würde ihre Handwerker dazu zwingen, die Hämmer nieder- und die Schmelzöfen stillzulegen. Bloefhis, der ehemalige Admiral der Verlorenen Bastarde, wies seine Tochter daher an, sich dieser Sache und der von ihr ausgehenden Gefahr anzunehmen. Zwar hatte er seinen Posten bereits Jahre zuvor an seine Tochter Merlwyb abgetreten, doch übte er auch weiterhin großen Einfluss auf die Geschehnisse in der Welt der Piraten aus. Und so durchkreuzte Merlwyb auf der Lebensfreude Tag und Nacht die Rhotano-See auf der Suche nach den Sahagin, die Flotte ihres Vaters an ihrer Seite.

Nicht lange und es erreichte sie der Notruf eines Handelsschiffes namens Orion, welches von Sahagin angegriffen wurde. Obwohl es bedeutete, sich von der Hauptflotte und damit ihrem Vater zu entfernen, beschloss Merlwyb, sich der Sache allein mit ihrem Schiff anzunehmen. Durch ihr kühnes Vorgehen und die Unterstützung ihrer rechten Hand, dem ersten Maat Lorens, gelang es den Verlorenen Bastarden schnell, die Sahagin zurückzuschlagen. Sie schienen ohne große Verluste siegreich aus der Schlacht hervorzugehen und die Orion noch am selben Tag unbeschadet im Hafen von Limsa Lominsa abliefern zu können.
Doch die Sahagin, die dem Gefecht lebend entkommen waren, sannen auf Rache und beschworen mithilfe ihrer erbeuteten Kristalle den Primae Leviathan, dem Herrn der Wogen. Als Merlwyb sah, wie sich der schlangenhafte Gigant aus dem Meer erhob, wusste sie, dass sich das Blatt schlagartig gewendet hatte ...

In kürzester Zeit brachte Leviathan die Lebensfreude zum Sinken. Nur mit Mühe konnte sich ihre Besatzung auf die Orion retten, für deren Geleitschutz sie bis eben noch zuständig gewesen war. Ihr Kampfwille war auf einen Schlag gebrochen. Die Schlacht schien verloren, da erblickte Merlwyb die Segel der von ihrem Vater geführten Hauptflotte am Horizont. Erleichtert strich sich Lorens, ein junger Wiesländer und Merlwybs rechte Hand, das goldblonde Haar aus dem Gesicht:

„Da ist er ja endlich. Jetzt sind wir ihm was schuldig.“

Der anschließende Kampf zog sich über viele Stunden und forderte unzählige Opfer, doch am Ende trugen die Verlorenen Bastarde den Sieg davon. Dass es der vereinten Kräfte der stärksten Piratenbande auf den Weltmeeren bedurfte, um sich gegen den Herrn der Wogen zu behaupten, hatte ihnen seine unbändige Macht erneut vor Augen geführt. Das plötzliche Auftauchen ihres Vaters, welches die entscheidende Wende gebracht hatte, erfüllte Merlwyb mit Dankbarkeit. Es machte ihr jedoch bewusst, wer noch immer der wahre Anführer der Verlorenen Bastarde auch Jahre, nachdem sie den Posten des Admirals übernommen hatte, war. Sein Verrat traf sie daher umso härter ...

Nur wenige Tage nach den Ereignissen auf der Rhotano-See stahl sich Bloefhis zusammen mit einigen Mitgliedern der Verlorenen Bastarde plötzlich davon. Einzig Merlwybs starke Führung konnte verhindern, dass es zum Bruch innerhalb der Piratenbande kam, doch auch sie konnte ihnen nicht alle Unsicherheiten nehmen, die sie im Angesicht dieser Entwicklung befangen hatten. Zur gleichen Zeit häuften sich in Limsa Lominsa erneut Überfälle auf Handelsschiffe, die mit Kristallen beladen waren. Aufgebrachte Seeleute berichteten nicht nur davon, wie sie die Schiffe gen Laichplätze der Sahagin segeln sahen, sondern auch, dass der Kapitän dieser Crew niemand anders als Merlwybs verschwundener Vater sein sollte. Das Gerücht, dass ein derart berühmt-berüchtigter Pirat nun gemeinsame Sache mit den verhassten Sahagin mache, verbreitete sich innerhalb kürzester Zeit bis in alle Ecken und Winkel von Limsa Lominsa.

Wenig später bereitete sich die verbliebene Crew der Lebensfreude noch vor Tagesanbruch im Hafen der Seestadt auf ihre Abfahrt vor. Ein kalter Nachtwind zog über das Deck ihres neuen Schiffs, auf dem Merlwyb stumm und mit ernstem Blick aufs Meer hinausblickte. Bloefhis‘ Überlaufen brandmarkte auch die Verlorenen Bastarde als Verräter und kostete sie die Gunst des Stadtstaates. Insbesondere der Tochter des abtrünnigen Piraten begegnete man mit Argwohn. So sah sie sich gezwungen, in aller Heimlichkeit in See zu stechen.

Noch vollkommen in Gedanken versunken, vernahm Merlwyb plötzlich schwere Schritte, die sich ihr näherten. Als sie sich umsah, trat ein großgewachsener Roegadyn aus den Schatten, der sein Gesicht hinter einer Eisenmaske versteckt hielt. Doch genau diese Maske verriet Merlwyb, wer dort vor ihr stand: der legendäre Piratenkönig Rauschebart, mit dem auch Bloefhis selbst schon die eine oder andere Auseinandersetzung gehabt hatte. Überzeugt, dass er gekommen war, um die Tochter des verräterischen Piratenkapitäns zu bestrafen, machte Merlwyb sich zum Kampf bereit.

„Du willst deinen Vater zurückholen?“, vernahm sie stattdessen seine durch die Maske gedämpfte und dennoch unerwartet warme Stimme.

„Nein“, erwiderte Merlwyb mit unveränderter Miene. „Ich will ihn töten.“

Die Antwort schien Rauschebart zu überraschen und er rang kurz um die richtigen Worte:

„Gut. Hättest du ihn zurückholen wollen, hätte ich dich nämlich mit allen Mitteln aufhalten müssen.“

Er betrachtete sie kurz, zog dann zwei Pistolen hervor und überreichte sie ihr.

„Was soll ich damit?“, fragte Merlwyb.

„Die Zeiten von alten Piraten wie Bloefhis und mir sind vorbei. Ich bin mir sicher, dass dein Vater das erkannt und dir deshalb das Kommando über seine Crew überlassen hat. Aber das heißt nicht, dass wir uns unserer Verantwortung nicht bewusst sind.“

Er schwieg kurz und fuhr dann fort: „Wenn du bereit bist, das Leben deines Vaters zu beenden, so werde ich dich mit dieser Bürde nicht allein lassen.“

Merlwyb wusste nicht, welche Vergangenheit Rauschebart und ihr Vater miteinander verband. Doch Rauschebart war gewillt, die Schuld für den Tod von Bloefhis auf sich zu nehmen – und als sie das verstand, spürte sie eine schwere Last von sich abfallen. Und so stach Merlwyb mit den zwei Pistolen, die der Piratenkönig ihr überlassen hatte, in See.

Bereits bei Tagesanbruch hatten Merlwyb und ihre Crew die kleine Insel, auf der sich die Plündernden Schlangen niedergelassen hatten, erreicht. Kaum hatte das Schiff angelegt, ergoss sich aus dem Herzen der Insel eine Meute aus Sahagin und Bloefhis Piraten und griff die Verlorenen Bastarde ohne Zurückhaltung an. Auch Merlwyb musste sich nun eingestehen, dass die Gerüchte um ihren Vater der Wahrheit entsprachen. Viele der Piraten, die mit erhobener Waffe auf sie zustürmten, kannte sie nicht nur seit ihrer Kindheit, sondern hatten auch unter ihrem Kommando gedient. Doch ohne zu zögern, richtete Merlwyb nun ihre Pistolen auf sie und streckte einen nach dem anderen nieder. Aber die Gegner waren in der Überzahl, und es fielen immer mehr der wenigen Männer, die ihrer Crew nach dem Verrat ihres Vaters noch geblieben waren.

„Soll es denn so enden?“, dachte Merlwyb in die Enge getrieben.

Ein Schuss riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken wandte sie sich um und erblickte Lorens, den sie eigentlich ohne seine Einwilligung in Limsa Lominsa zurückgelassen hatte, um an ihrer statt das Amt des Admirals der Verlorenen Bastarde zu übernehmen, sollte Merlwyb diesen Kampf mit ihrem Leben bezahlen.

„Was hast du denn hier zu suchen?!“, fragte sie ihn überrascht.

„Ist es nicht die Pflicht eines Piraten, seinem Admiral in den Kampf zu folgen?“, entgegnete Lorens, ohne die Waffe zu senken oder den Feind aus den Augen zu lassen.

„Hast dir ja ganz schön Zeit damit gelassen“, stichelte Merlwyb.

„Du weißt doch, wie es um meinen Orientierungssinn steht. Als ich mein Versteck im Frachtraum verlassen hatte, waren schon alle weg. Und eine Karte hatte ich auch nicht.“

Ihr kleines Wortgefecht hatte Merlwyb neue Kraft verliehen, und gekonnt brachten sie und Lorens einen Gegner nach dem anderen zu Fall. Merlwyb mit ihren Pistolen und ihr erster Maat mit seinem Scharfschützengewehr kämpften sich so bis zu einer Höhle im Zentrum der Insel vor, in deren Tiefen Bloefhis bereits auf sie wartete.

Der ehemalige Admiral der Verlorenen Bastarde war nur noch ein Schatten seiner selbst. Abgemagert bis auf die Knochen und Haar und Bart ungekämmt und grau, starrte er sie mit offenem Mund an. Sein Anblick verschlug Merlwyb und Lorens die Sprache. Mit glasigen Augen fixierte Bloefhis seine Tochter und ihren ersten Maat und fragte mit heiserer Stimme:

„Seid ihr gekommen, um euch den Plündernden Schlangen anzuschließen?“

Lorens seufzte schwer.

„Was hast du denn da nur angestellt, alter Herr?“

„Begreifst du es denn nicht, Lorens?“, wandte sich Bloefhis mit Wahnsinn in den Augen an ihn. „Im Angesicht der Götter sind wir ohne Macht! Nur wenn wir uns dem Herrn der Wogen verschreiben, können wir auf dem Meer überleben!“

Wäre die Primae-Forschung damals so weit fortgeschritten, wie sie es heute ist, wäre man Bloefhis und seinem traurigen Schicksal als Besessener wohl mit Sympathie begegnet, anstatt einen Verräter in ihm zu sehen. Dennoch schien Merlwyb zu erkennen, dass die Taten ihres Vaters nicht seinem eigenen Willen entsprangen. Sie verstand, dass ihre Worte ihn nicht erreichen würden, und unternahm trotzdem einen letzten Versuch:

„Es liegt an uns, dem Unmöglichen ins Auge zu blicken und uns dem Sturm zu stellen. Das waren deine Worte. Und nun kauerst du vor einem Gott?!“

Enttäuscht wandte sich Bloefhis seiner Tochter zu.

„Und ich habe gedacht, ich hätte dich besser erzogen ...“

Diese Worte besiegelten Merlwybs Entschluss: Sie war nicht gekommen, um ihrem Vater eine Moralpredigt zu halten, sondern um einen Verräter zu töten.

„Ich bin froh, dass niemand sonst deine Worte hören muss. Wenn auch nur noch ein Funken Piratenstolz in dir steckt, wirst du dich mit mir duellieren!“

Unverhohlen starrte Bloefhis sie an. Als er sich schließlich Rücken an Rücken zu Merlwyb stellte, verzog sich sein Mund zu einem hinterhältigen Lächeln.
Ohne auf ein Zeichen zu warten, entfernten sich die beiden Schritt für Schritt voneinander. Unerreichbar schien der Tochter der Vater, dem sie einst so nahegestanden hatte. Hätte sie die Sahagin damals doch nur ausgelöscht. Dann wäre es ihnen nie gelungen, Leviathan zu beschwören, und ihr geliebter Vater wäre immer noch der Alte. Doch für Reue war hier und jetzt keine Zeit ...

Am jeweiligen Ende der Höhle kamen Merlwyb und Bloefhis zum Stehen. Lorens, der einzige Zeuge dieses schicksalhaften Duells, öffnete seine Hand, die er bis zu diesem Augenblick fest geballt hatte. Auf seiner Handfläche lag die Münze, die über das Schicksal von Vater und Tochter entscheiden sollte. Für Lorens, der selbst nie eine Familie gekannt hatte, war Bloefhis wie ein Vater gewesen. Auch Merlwyb wusste um das innige Pflichtgefühl, das er dem Piraten seit jeher gegenüber empfand, und wie sehr es Lorens nun schmerzen musste, den Tod der einzigen Vaterfigur in seinem Leben in Kauf nehmen zu müssen. Doch sie begriff auch, dass ihr erster Maat, der Mann, mit dem sie wie Bruder und Schwester aufgewachsen war, bereit war, die Schuld, die sie mit dem Mord an ihrem Vater auf sich lud, mit ihr zu teilen.
In der gleichen Sekunde, in der die Münze den Boden berührte, löste sich ein Schuss.
Merlwyb war ihrem Vater zuvorgekommen.
Die Kugel hatte sich in Bloefhis linke Brust gebohrt, und mit dem Finger noch am Abzug seiner Pistole sank er schwer zu Boden.

„Merlwyb, Lorens ... verzeiht mir. Den Rest ... überlasse ich euch.“

Ein Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen, als er seine letzten Worte sprach. Ein Lächeln, in dem Merlwyb ihren geliebten Vater wiedererkannte.

„Die Gefahr durch den Primae ist noch nicht gebannt“, riss Lorens sie aus ihren Gedanken. „Aber wir werden mehr brauchen als eine Bande von Piraten, um es mit ihm aufzunehmen.“

Er ballte die Fäuste, dann fuhr er fort:

„Ich werde eine Crew zusammenstellen. Eine Gruppe von Söldnern zur Jagd auf den Primae! Das bin ich Bloefhis einfach schuldig.“

Gebannt ruhten seine Augen auf Merlwyb.

„Ich ...“


Merlwyb legte ihre Pistolen zur Seite, trat ans Fenster und sah auf die ruhige See hinaus. Wie oft hatte sie bereits an den Tag zurückgedacht, an dem sie gezwungen worden war, ihren Vater zu ermorden? Die Schuld lastete schwer auf ihren Schultern und dennoch leichter, als wenn sie sie hätte alleine tragen müssen. Rauschebart hatte sich seiner Maske entledigt und stand Merlwyb seitdem mit Rat und Tat zur Seite.

Und Lorens?

Nach der Siebten Katastrophe war er spurlos verschwunden. Doch wenn die Meere von einem weiteren Sturm heimgesucht werden, wird er wiederauftauchen. Da war sich Admiral Merlwyb sicher. Schließlich hatte Bloefhis die Zukunft in ihrer beider Hände gelegt.
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