Ein Funkeln zwischen Wolken

Wolken, so dicht und schwarz wie das Gemüt des Volkes, verdeckten den Himmel Alexandrias; so erschien es der einäugigen Ritterin, Zelenia Triantafylli, bevor sie ihren Blick wieder zurück auf die Menge vor sich warf. Die Leute hatten eine Schlange geformt und hielten weiße Blüten in den Händen, welche einen schmalen Pfad aus Licht durch die nicht enden wollende Dunkelheit gebildet hatten. Doch ein jeder von ihnen wusste, dass an seinem Ende weder Frieden noch Hoffnung für das Land lag.

Für den Moment waren es allein der Duft von Blumen, verhaltenes Schluchzen und unendliche Trauer, welche die Gedanken der Anwesenden und die Audienzhalle der Burg erfüllten, in deren Mitte ein großer Sarg aufgebahrt war. Es war der Tag des Staatsbegräbnisses von Königin Sphene Alexandros XIV., deren Wohlwollen und Nähe zum Volk nun nach ihrem Ableben die klaffende Wunde im Herzen des Königreichs umso schmerzhafter erscheinen ließ.

Dem breitschultrigen Hünen, der dort in seiner eisernen Rüstung bei Zelenia stand und mit ihr das Geschehen betrachtete, war die Verzweiflung in der Stimme anzuhören: „Ohne Ihre Hoheit an unserer Seite, welche Zukunft bleibt Alexandria da noch ...?“

„Unsere Pflicht besteht im Schutz Ihres Königreiches. Unseres Königreiches. Und nun lasst Euch nicht so hängen, verehrter Herr Großmeister!“, entgegnete die Ritterin ihm seufzend, während eine Sturmböe ihr die kastanienbraunen Haare ins Gesicht wehte und ihre ohnehin schon große Unmut nur noch weiter verstärkte.

Von ihr zurechtgewiesen, brachte der sonst stolze Ritter nur ein leises „Ja, das weiß ich doch. Das weiß ich nur zu gut ...“ hervor, bevor er sich mit hoffnungslosem Blick ein weiteres Mal den Trauernden zuwandte.

Bei ihm handelte es sich um Otis Velona, seines Zeichens Großmeister der königlichen Ritter von Alexandria. Als seine Vizekommandantin war es Zelenias Pflicht, an seiner Seite von ihrer Königin Abschied zu nehmen.

Zelenia konnte sich noch genau an das warme Lächeln auf Sphenes Lippen bei ihrer ersten Begegnung erinnern, und wie sie von ihr kurz darauf gleich zur „großen Schwester“ ernannt worden war. Damals hatte man sie gerade frisch zur Leibgardistin der noch heranwachsenden Prinzessin berufen. Und noch am selben Tag schwor sie sich, Sphene um jeden Preis zu beschützen.

Dann wanderten ihre Gedanken zum plötzlichen Tod von Alexandrias Königspaar und der übereilten Krönung ihrer Tochter. Als Zelenia nicht viel mehr tun konnte, als dem überforderten Kind, das nun Königin war und zitternd auf der Bettkante saß, den Rücken zu streicheln und es zu beruhigen. Jede Sekunde, die sie mit Sphene verbracht hatte, bestärkte sie in ihrem Entschluss nur noch weiter: Sie werde sie beschützen. Es sollte ihre Lebensaufgabe sein.

Die dahingeschiedene Königin war wie Familie für sie gewesen. Und dennoch floss keine einzige Träne über Zelenias Wangen. Es gab da etwas, das sie nicht loslassen wollte und seit Sphenes Tod an ihr nagte. Bohrende Zweifel, denen sie nachgehen musste, bevor sie sich ihrer Trauer vollends hingeben dürfe. Sie selbst wusste nicht genau, was sie dazu veranlasste, so zu denken – ob es sich um reine Leugnung der vermeintlichen Tatsachen handelte oder ihre geschärften Kriegerinstinkte die Kontrolle übernommen hatten – doch mit jedem Tag, der verstrichen war, wuchsen jene Zweifel mehr und mehr:


„Ist Ihre Hoheit wirklich von uns gegangen ...?“


Wenige Tage zuvor. Zelenia und Otis waren auf dem Weg zu Sphenes Krankenbett. So zahlreich wie die Korridore der Burg waren, so lang war auch ihr Gang dorthin. Darum nutzten sie die Zeit sinnvoll und tauschten sich ein letztes Mal über den Lagebericht aus, den sie der Königin liefern wollten: ein Überblick über die Schäden und Opfer der Stromschlachten und der darauffolgenden Katastrophe, sowie über die aktuellen Rettungsmaßnahmen und -aktionen, die sie zum Schutz der Bevölkerung eingeleitet hatten. Als sie schließlich an Sphenes Zimmer ankamen, trafen sie dort zu ihrer Überraschung den königlichen Hofmagier Tuphut an, der etwas verloren vor der Tür harrte. Genau wie Zelenia und Otis wollte der Milalla wohl lediglich nach seiner Schülerin sehen, ihm wurde aber kein Zutritt gestattet.

Otis schien die Tatsache, dass selbst der Hofmagier derart abgewiesen wurde, mehr als nur zu beunruhigen und er ließ auf der Stelle die persönliche Ärztin Sphenes, Thundran, aus dem Krankenzimmer herbeirufen, um sie zur Rede zu stellen. Es dauerte nicht lange und die Hyune kam mit sichtlich ernster Miene aus den Gemächern hervor. Alle Anwesenden wussten sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Ihre Hoheit ...“, setzte sie zögerlich an, „... hat uns verlassen ...“

„Wie bitte?! Königin Sphene ...?!“ Otis konnte es nicht fassen. Thundran hingegen schien bereits ganz zu ihrer besonnenen Art zurückgefunden zu haben: „Es tut mir außerordentlich leid, aber aus eben diesem Grund kann ich euch ebenfalls keinen Zutritt gewähren, verehrte Leibgarde. Es versteht sich natürlich von selbst, aber bitte haltet dies bis zur öffentlichen Bekanntmachung streng geheim.“

Kaum hatte sie den Satz beendet, eilte die Ärztin auch schon zurück ins Zimmer – nicht aber, ohne dem Hofmagier Tuphut einen letzten flüchtigen Blick zuzuwerfen. Dem Milalla war die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. „Nein, das kann nicht ... So war das nicht ...“, stammelte er. Während Otis auf die Knie sank, stand Zelenia nur da und schwieg. Es hatte ihr zwar die Sprache verschlagen, aber fassungslos war sie nicht. Bereits in diesem Moment begannen Samen der Zweifel in ihr zu sprießen. Konnte es sein? Hatte sich Sphenes Zustand in so kurzer Zeit wirklich derart verschlechtert?

Gegen Ende der Stromschlachten war es im gesamten Königreich zu einem rapiden Anstieg der Zahl von Bürgern gekommen, die unter eben jenen Symptomen zu leiden hatten, die nun zum Ableben der Königin geführt haben sollten: immer stärker werdende Lähmungserscheinungen, die auf ein Ungleichgewicht des körpereigenen Äthers zurückzuführen sind, ausgelöst durch den stetigen Einfluss der Blitze auf dem Kontinent.

Zelenia selbst kannte einige Kameraden, die der Krankheit anheimgefallen waren. Bei vielen begann es damit, dass sie ihr Schwert nicht mehr richtig halten konnten und somit ihr Amt niederlegen mussten. Je mehr Zeit verging, desto weiter breiteten sich die Symptome im Körper aus, bis sie nicht mehr selbst essen und schließlich sogar nicht mehr atmen konnten. Aber eine derart plötzliche Verschlechterung, wie sie jetzt bei der Königin aufgetreten zu sein schien? Davon hatte Zelenia noch nie gehört.

Zugegeben, auch Sphene hatte langsam, aber sicher immer mehr die Kontrolle über ihren Körper verloren. Doch wenn sie auch nicht ihr Bett verlassen konnte, so verfolgte sie nach wie vor einen klaren Rhythmus: Sie wachte morgens auf und schlief abends ein. Selbst als vor kurzem schließlich ihre Stimme versagte, sprach ihr Blick noch tausend Bände. Ihr Wille war nach wie vor so stark wie eh und je gewesen, was es für Zelenia umso merkwürdiger erschienen ließ, dass sie nun so plötzlich dahingeschieden sein sollte.

Und noch andere Zweifel formten sich in den Tiefen ihres Verstandes. Doch der Milalla, an den sie gerichtet waren, hatte sich bereits ganz unbemerkt davongemacht.


Die folgenden sechs Jahre erwiesen sich für Alexandria als eine Zeit des Verlustes und der Entbehrungen, welche das herrscherlose Königreich nur dank der Führung der erstarkenden Wissenschaftsorganisation der „Wahrung“ irgendwie zu überstehen schaffte.

Und auch der königliche Ritterorden hatte alle Hände voll zu tun gehabt, das Land über Wasser zu halten. Somit sollte es Zelenia all die Zeit über hinweg verwehrt bleiben, Tuphut ausfindig zu machen, um ihm die Frage entgegenzuschleudern, die ihr seit jenem Tag im Kopf herumgespukt hatte. Doch damit war nun Schluss, denn nach langer Recherche fand sie eine Möglichkeit, den ehemaligen Hofmagier endlich zur Rede zu stellen. Nach dem Ableben Königin Sphenes hatte sich der Milalla der Wahrung angeschlossen und jegliche Ersuche Zelenias auf ein Gespräch ignoriert. Doch die Ritterin hatte sich nicht so einfach geschlagen gegeben. Sie hatte ein Gerücht aufgeschnappt, laut dem Tuphut regelmäßig in seine Heimat zurückkehre, woraufhin sie ihm prompt an der entsprechenden Bahnstation auflauerte.

Und das Gerücht entpuppte sich als wahr. Es verging nicht viel Zeit und er kam in völliger Eile angerannt. Zelenia verlor keinen Moment und baute sich vor dem Milalla auf. „Endlich habe ich Euch, mein guter Herr“, begann Zelenia eindringlich. „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich diesen Moment herbeigesehnt habe.“ Tuphut war offensichtlich von der Situation überwältigt und stammelte nur:

„W-Was ... Was wollt Ihr von mir?!“

„Könnt Ihr euch noch an jenen Tag erinnern, an dem uns die Ärztin Thundran von dem Dahinscheiden Ihrer Hoheit berichtete? Die Bedeutung Eurer Worte will sich mir nach wie vor nicht recht erschließen: Nein, das kann nicht ... So war das nicht ... Was meintet ihr damit? Was war nicht?“. Zelenias Frage schien etwas in dem Milalla ausgelöst zu haben. Ernster denn je entgegnete er: „Ihr wisst nicht, was Ihr da fragt, verehrte Meisterin. Und es wäre besser um Euch bestellt, wenn Ihr diesem Pfad nicht weiter folgen würdet.“

Doch Zelenias Blick wurde nur noch schärfer und schien den ehemaligen Hofmagier geradezu zu durchbohren. Tuphut seufzte geschlagen.

„Meiner Heimat fehlt jeglicher Schutz vor dem Blitzäther. Die Technologien, über welche die Organisation verfügt, werden dort benötigt! Und dass mein Vorschlag auf diese Weise einfach von ihnen verwendet werden würde ...“ Tuphut blickte betroffen drein und fuhr dann fort: „Es schmerzte mich zwar, das mitanzusehen, mich darüber nun zu beschweren, steht mir aber nicht zu. Und eine Lösung des Dilemmas ist das alles nicht, aber ... Zumindest konnten wir ihr so etwas Zeit verschaffen.“

Es schien für Zelenia zunächst unmöglich, irgendeinen Sinn in den Worten des Milalla zu erkennen.

„Was hat das alles bedeuten?“ Der Frust in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Tuphut hingegen wendete den Blick ab und schwieg.

Ob man vor den Einflüssen des Blitzäthers geschützt war oder nicht, entschied für die Bewohner des Kontinents über Leben und Tod. Alexandria durfte sich glücklich schätzen, schon vor Beginn der Stromschlachten über einen beachtlichen Wall verfügt zu haben, der das Überleben seine Bewohner inmitten der Katastrophe gesichert hatte und bis zum heutigen Tag von den Wissenschaftlern der Wahrung stetig verbessert worden war.

Die Technologien, von denen Tuphut gesprochen hatte, gehörten somit aller Wahrscheinlichkeit nach eben jener Organisation: der Wahrung. Und etwas oder jemand zwang den Milalla dazu, keine Einzelheiten über sie preiszugeben, gar sich zu beschweren, sofern er mit eben jenen Technologien seine Heimat retten wollte.

In Zelenias Augen war die Wahrung stets eine noble Organisation gewesen, die einzig das Wohl des Volkes im Sinne hatte. Doch Tuphuts Worte ließen weitere Zweifel in ihr aufkeimen. Sie war offensichtlich etwas Großem auf der Spur. Etwas, das vor der Öffentlichkeit geheimgehalten wurde. Sollte die Wahrung wirklich etwas mit den Geschehnissen von vor sechs Jahren zu tun haben, war es umso wahrscheinlicher, dass ihre Zweifel an Sphenes Tod sich als berechtigt erweisen könnten.

Bevor Tuphut sich wieder auf den Weg machte, wandte er sich noch ein letztes Mal an Zelenia: „Meine Heimat Treno liegt außerhalb von Alexandrias Schutzwall und somit dem Zustandsgebiet Eures Ritterordens“, begann er mit ernster Miene, zu der sich nun auch Sorgenfalten gesellten. „Und doch seid Ihr meinen Landsleuten und mir so selbstlos zu Hilfe geeilt, als jene Katastrophe über uns schwappte. Wir haben Euch unsere Leben zu verdanken. Und gerade deshalb will ich nicht, dass Euch etwas zustößt, meine Gute. Ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse ...“

Tief in Gedanken versunken sah Zelenia dem Milalla nach, bis dieser schließlich vollends aus ihrer Sicht verschwunden war. Sollte ihrer Interpretation von Tuphuts Worten ein Funken Wahrheit innewohnen, blieb ihr nur ein Weg nach vorne: den Machenschaften der Wahrung auf den Grund zu gehen. Ein Unterfangen, das sich nicht zuletzt aufgrund der weitreichenden Unterstützung, welche die Organisation beim Volk genoss, als schwierig, ja gar lebensgefährlich herausstellen dürfte. Weder Otis noch den Rest des Ritterordens konnte sie in die Sache verwickeln – nein, Zelenia war auf sich allein gestellt. Um die unvergessene Silhouette ihrer totgeglaubten Herrin aufzuspüren, war sie bereit, alles aufs Spiel zu setzen.


Fünf weitere Jahre der unermüdlichen Suche nach Antworten zogen ins Land. Jede Fährte, auf die Zelenia gestoßen war, war sogleich wie von Geisterhand wieder verwischt worden, während sie ihren ritterlichen Pflichten nachging. Bis zu diesem Tag. Ein vielversprechender Hinweis hatte sie in das Innere von Burg Alexandria geführt. Seitdem die Wahrung nach Sphenes Dahinscheiden die alleinige Kontrolle über diesen Ort übernommen hatte, unterlag der Zugang für königliche Ritter strengen Regulierungen. Doch Zelenia kannte die Burg wie ihre Westentasche und so dauerte es nicht lange, bis sie einen Zugang durch die Kanäle des Burggrabens hatte ausmachen können. Der anhaltende Regen hatte den Wasserspiegel zwar derart stark ansteigen lassen, dass sie gerade noch Platz zum Atmen hatte, doch nun war sie endlich in der Audienzhalle angekommen. Der Duft der Blumen vom Tag des Staatsbegräbnisses war längst verflogen. Er war dem Brummen und Knistern zahlreicher Elektrobgeräte gewichen, welche die Wahrung aufgestellt haben musste. Mithilfe dicker Leitungen waren sie an ein Behältnis in der Mitte der Halle angeschlossen – eine Art Sarg. Und was Zelenia in seinem Inneren fand, ließ ihr den Atem stocken.

„I-Ihre Hoheit ...!“, hauchte sie mit dem nächsten Atemstoß, während ihre zittrigen Finger das Behältnis berührten. Freude, Sorge, Aufregung – ein Sturm der Gefühle braute in ihr auf. Doch ehe er Zelenia verschlingen konnte, fand sie ihre gewohnte Besonnenheit wieder, wie es ihr auf dem Schlachtfeld schon so häufig gelungen war.

Daraufhin machte sie sich gleich daran, das, was sie da vor sich sah, leise murmelnd zu analysieren: „Der Schaltkreis wandelt blitz- in eiselementare Energie um. Ein Kälteschlaf ... um sie am Leben zu halten ...?“

Zumindest konnten wir ihr so etwas Zeit verschaffen. Zelenia verstand nun endlich, was Tuphut damit all die Jahre zuvor gemeint hatte. Und auch, dass ihre Königin erwachen würde, sollte sie die Apparatur stoppen. Jedoch würde ihre Krankheit ebenfalls wieder voranschreiten und schließlich ihren endgültigen Tod bedeuten.

Doch ehe Zelenia ihre Gedanken richtig sortieren konnte, spürte sie plötzlich jemanden hinter sich. Noch während sie sich zum Eingang umdrehte, verrieten ihre Instinkte der Ritterin auf der Stelle, dass jeglicher Fluchtversuch zwecklos sein würde. Was ihr dort den Weg versperrte, war eine Wächtereinheit der Wahrung mitsamt seiner Anpasserin. Zu ihrer Überraschung handelte es sich dabei um niemand Geringeres als die ehemalige Ärztin Sphenes, Thundran, welche ihr damals die Nachricht vom Tod der Königin überbracht hatte.

Hegte sie zuvor noch leise Zweifel, war nun zumindest eines klar: Zelenia hatte ihre Herrin nicht trotz der Einmischung der Wahrung gefunden, sondern gerade wegen ihr. Es war die perfekte Gelegenheit für die Organisation, das jahrelange Katz- und Mausspiel mit der Ritterin ein für alle Mal zu beenden. Und so hatte man sie auf ihrer Suche gewähren lassen.

„Ich habe zwei Fragen an Euch, Thundran.“ Zelenia schaffte es beim Anblick der offensichtlichen Verräterin nur knapp, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Dann setzte sie wieder an: „Geschieht das hier im Willen Ihrer Hoheit?“

Thundran blieb so kalt und besonnen wie eh und je: „Was meint Ihr? Die Königin vermochte es nicht mehr, ihren Gedanken Worte zu verleihen. Was spielt ihr Wille da noch für eine Rolle?“

Was zuvor schlicht ein Strudel der Gefühle war, wich nun klarer, zielgerichteter Wut. Sphene hatte bei ihrem letzten Gespräch alles verstanden, was Zelenia ihr berichtet hatte, und nach Bedarf mit Blicken und Mimik reagiert. Dass ihr Wille keine Rolle in dem Ganzen spiele, war nur die Auslegung der Wahrung. Eine Ausrede, um ihren wahren Plänen nachzugehen. Doch für solche Diskussionen war es nun zu spät. Elf Jahre waren in der Zwischenzeit bereits vergangen. Die Wut, die sie Thundran gegenüber verspürte, würde ihr nur die Sicht verschleiern, und so schluckte Zelenia sie mit einem tiefen Atemzug herunter.

„Nun gut. Aber wozu der Kälteschlaf? Soweit ich herausfinden konnte, forscht die Wahrung derzeit an keinerlei Heilmethoden. Und dass ihr warten werdet, bis jemand anderes eine entdeckt, erscheint mir ebenfalls abwegig“, bemerkte Zelenia mit herausforderndem Blick.

„Alles dient dazu, Königin Sphenes Erinnerungen zu speichern. Die Forschung unseres Meisters hat uns die Möglichkeit der Endlosigkeit aufgezeigt, sollte uns dies gelingen. Ursprünglich wollten wir ihre Erinnerungen samt ihrer Seele zum Zeitpunkt des Todes extrahieren und uns des Körpers entledigen. Doch die Risiken waren zu groß. Und so entschieden wir uns für die langsamere, die sicherere Methode ...“


Solange die Erinnerungen bestehen bleiben, geht das Leben auf ewig weiter.


Diese Worte, die in Alexandria von Generation zu Generation weitergeben worden waren, schossen Zelenia in den Kopf. Doch was die Wahrung hier trieb, hatte nichts mit ihnen gemein.

Leider schien ihre Zeit abgelaufen.

Die Wächtereinheit nahm sie ins Visier. Warum beschränke ich mich auch auf zwei Fragen, dachte sie noch, während sie sich bereit machte. Nicht für den Kampf, sondern den Tod. Es wäre ihr ein Leichtes gewesen, auf die Maschine zuzustürmen oder ihrem Beschuss auszuweichen, für den Sarg hinter ihr mitsamt ihrer Herrin hätte das allerdings das Ende bedeutet. Und so stand sie dort, die Hand am Heft ihres Schwertes, bis sie ein brennender Schmerz durchfuhr und sie zu Boden sank.

Regungslos horchte Zelenia dem Brummen und Knistern des Elektrobapparats, in dem sich ihre Königin befand, und fragte sich, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte, ihn nicht abzustellen. Doch daran konnte sie nun nichts mehr ändern. Sie formte eine letzte Bitte.

Auch ein Himmel, der ständig von dunklen Wolken verdeckt ist, wird ungesehen von jenen, die zu ihm heraufblicken, von Sternen geschmückt. Drum bereitet es umso mehr Freude, wenn man ihr Funkeln doch einmal erhascht. Mögen sie verborgen am Firmament über Ihre Hoheit wachen und ihr glänzend und funkelnd ein Wegweiser aus dem schwarzen Wolkenmeer sein.

Mit diesem letzten Gedanken schloss sie ihr Auge. Tränen rannen Zelenias Wangen herab.