Seit die Untersuchungen in der Wahrung weitestgehend abgeschlossen worden waren, war es nachts im Hinterzimmer totenstill. Die Bearbeitung der Daten aus Lagerhülle 10-29 war erledigt, der Bericht an Y’shtola übermittelt. Shale stand nun allein im dunklen Raum und hielt einen Regulator in den Händen.
Die Wiedererinnerung. Bei Trägern eines Regulators wurden sämtliche Erinnerungen an Verstorbene versiegelt. Das war erst kürzlich ans Licht gekommen. Mithilfe des Meso-Systems in der Lebenden Erinnerung konnten die verlorenen Erinnerungen jedoch zurückerlangt werden – etwas, das nicht nur dem Vergessen und der Regierung zu verdanken war, sondern vor allem auch Shales hartnäckiger Forschungsarbeit.
Shale war selbst eine der Betroffenen gewesen. Sie hatte zwar hier und da das vage Gefühl, dass sie jemand Wichtiges verloren hatte, doch wusste sie nicht, wer diese Person gewesen war oder in welchem Verhältnis sie zueinander gestanden hatten. Sie spürte nur etwas in sich, das die dunklen Schatten der Trauer über ihre Erinnerungen warf. Zum Glück bot ihr hektischer Alltag den perfekten Vorwand, um sich nicht weiter mit einer Wiederherstellung ihrer eigenen Erinnerungen zu beschäftigen.
Doch nichts ließ sich ewig aufschieben. Shale hatte eine vage Ahnung, wem diese schemenhafte Präsenz in ihrer Erinnerung zuzuschreiben war.
„Also gut. Dann sollte ich unsere gemeinsame Zeit wohl wieder zurückholen …“
In einem Schluck leerte sie den Drink, den sie sich zu diesem Anlass eingeschenkt hatte, stellte das Glas ab und begann mit der Wiedererinnerung.
Tag für Tag war es der gleiche Tumult in der Geschäftsstraße von Lösung Neun. Shale verließ die Kneipe, die sie ihren Arbeitsplatz nannte, setzte sich in einer Hintergasse auf den Boden und nahm einen großen Schluck aus ihrer Alkoholflasche. Sie wollte die Augen schließen und einfach genau dort, wo sie saß, in einen angenehmen Schlaf verfallen. Am liebsten wollte sie an gar nichts denken müssen.
Shale hatte schon ihr ganzes Leben innerhalb des Walls gelebt. Als sie alt genug war, um die Welt zu verstehen, hatte sie bereits keine Eltern mehr – oder keine, an die sie sich erinnern konnte. Tatsächlich waren sie verstorben, da war Shale noch ein kleines Mädchen gewesen, doch das machte für sie keinen Unterschied. Der Gedanke, etwas vergessen zu haben, war so oder so eine schreckliche Vorstellung. Gegen ihren Willen wurde ihr dabei etwas genommen. Andererseits konnte sie sich auch kein Leben ohne Regulator vorstellen.
Shale liebte Elektrob. Es konnte Informationen speichern, sodass man keine Angst haben musste, irgendetwas zu übersehen. Aber es war auch dafür verantwortlich, dass die Erinnerungen an Verstorbene den Wolken anvertraut wurden.
Mit der Zeit führte Shale ein Leben, in dem sie Verbindungen zu anderen grundsätzlich mied. Je näher sie jemandem kam, desto größer wäre doch die Wunde, die in ihrem Herzen klaffen würde, sobald sie diese Person wieder verlor. Und ehe sie sich’s versah, wurde aus Shale eine Person, der andere völlig egal waren.
Als sie volljährig wurde, ging Shale ihrem Interesse für Elektrob nach und fing eine Lehre zur Ingenieurin an. Unter ihren Kumpanen bei der Arbeit fand sie aber keinen Anschluss und hielt sie vielmehr für lästig und anstrengend, deshalb entschied sie sich, die Lehre vorzeitig abzubrechen. Shales einziges Ziel war es, genug Geld zu verdienen, um sich die Arbeit mit ihren geliebten Luftrasern leisten zu können. So wurde sie eines Tages von einem Kneipeninhaber auf der Geschäftsstraße entdeckt, der sie prompt anstellte. Shale stellte fest, dass sie ihren Charme gezielt einsetzen konnte, um die Kundschaft zu begeistern und auf diese Weise einen ordentlichen Lohn zu sichern, ohne jemanden zu nah an sich heranzulassen. Fürs Erste war sie damit zufrieden, ihr Dasein so zu fristen.
Schnell etablierte sich die Routine, dass Shale während ihrer Pausen in der Hintergasse allein trank und sich ein paar Minuten Schlaf gönnte. Doch eines Tages passierte etwas, das alles verändern sollte.
„He du! Das ist kein Plätzchen für einen Mittagsschlaf.“
Shale fühlte sich von der Ermahnung nicht angesprochen und ließ die Augen geschlossen. Da wurde ihr die Flasche aus der Hand genommen. Shale riss die Augen auf und bereitete sich innerlich schon auf eine Auseinandersetzung vor, die ihr in ihrem nicht ganz nüchternen Zustand viel zu anstrengend vorkam.
Vor ihr hockte eine Shetona. Sie hatte goldene Augen und lange, dunkle Haare mit goldenen Strähnen … und trug keinen Regulator am Kopf.

Shale hatte sie nie zuvor gesehen. Sie kniff die Augen zusammen, als sie in die ihres Gegenübers schaute.
„Das geht dich doch nichts an. Gib mir die wieder“, sagte sie barsch, schnappte sich die Flasche zurück und leerte sie in einem Zug. Die Fremde beobachtete sie mit überraschter Miene.
„Diese Gegend hier ist notorisch für Taschendiebe. Du solltest nicht einfach ungeschützt herumsitzen.“
„Lass mich in Ruhe. Wenn mir jemand etwas klaut, hole ich es mir schon zurück. Ich habe keine Lust, mich mit dir zu unterhalten. Geh einfach weiter“, brummte Shale, aber die Shetona blickte sie nur noch interessierter an.
„Sag mal … Hast du zufällig ein Händchen für Elektrobtechnik? Ich suche nämlich gerade genau so jemanden, um mir bei einem Projekt zu helfen.“ Die goldenen Augen der Shetona strahlten vor Aufregung und Shale bekam das ungute Gefühl, dass es für sie zu spät war. Diesen Augen war nicht zu widerstehen.
„Ich heiße Cahciua“, fügte die Shetona freudig hinzu. „Möchtest du mir nicht bei meinem Projekt helfen?“
Ein absurder Vorschlag, gekoppelt mit einer absurden Freude in ihrem Gesicht. Shales Flasche glitt ihr aus der Hand und rollte über den Boden in den Schatten einer Hauswand. Sie blickte ihr aus dem Augenwinkel hinterher und antwortete: „Nein. Möchte ich nicht.“
Von da an besuchte die Frau namens Cahciua jeden Tag die Kneipe, in der Shale arbeitete. Und jedes Mal lehnte Shale ihre Einladung zur Zusammenarbeit ab. Cahciua ließ sich aber davon nicht abschrecken und erzählte Shale allerlei Geschichten aus ihrem Leben: Von ihrem Sohn, an den Shale sie erinnere und der an einem weit entfernten Ort lebte und arbeitete. Von ihren Lieblingstieren. Ihre freudigen Erzählungen fanden kein Ende.
An einem solchen Tag bat Cahciua um einen ganz besonderen Cocktail aus ihrer Heimat. Er hieß „Sonne der Prärie“. Shale hatte zwar noch nie die echte Sonne gesehen, mischte ihn jedoch nach bestem Wissen und Gewissen. Die goldgelbe Farbe des fertigen Getränks sah genau so aus wie die von Cahciuas leuchtenden Augen.
„Hmm, ja, der schmeckt wunderbar!“, freute sich Cahciua, als sie den ersten Schluck genommen hatte. „Manchmal sehne ich mich nach der Sonne da draußen, weißt du.“
„Weiß ich nicht. Ist die Welt da draußen wirklich so toll?“
„Wenn du mich fragst, dann ist sie es, ja“, antwortete Cahciua. „Und warum? Weil es da draußen nur so von Dingen strotzt, die ich nicht verstehe und nicht erkundet habe! Ich lebe nun schon seit über einhundert Jahren, weiß aber nur einen Bruchteil von all dem, was es zu wissen gibt. Es ist mein Traum, die ganze Welt zu bereisen und alles zu erkunden, was unter der Sonne lebt. Aber selbst in meiner gesamten Lebensdauer ist es wohl unmöglich, wirklich alles zu sehen.“ Sie seufzte. „Wenn mein Sohn diesen Traum fortführen würde, dann gäbe es kein größeres Glück für mich.“
Shale fehlten die Worte. Sie blickte in Cahciuas Gesicht und dachte sich, dass diese „echte Sonne“ wohl in etwa so aussehen müsse wie Cahciuas strahlendes Lächeln.
Und so ging es eine Zeit lang weiter: Cahciua fragte Shale jeden Tag, ob sie sich ihr nicht anschließen würde. Und jeden Tag antwortete Shale mit einem klaren Nein.
Eines Tages wollte Cahciua einfach nicht nachgeben und sagte: „Komm doch für nur einen Tag mit. Dann höre ich auch auf, dich zu belästigen.“
Shale seufzte und willigte schließlich ein. Wenn sie sich schon so viel Mühe gab …
Cahciua bat sie, gemeinsam mit ihr den Immerfried zu verlassen und ins Ewige Erbe hinauszugehen. Und da es ein recht weiter Weg war, hatte sie Shale mit den Worten „Warte kurz, ich nehme dich mit!“ an ihrer Kneipe zurückgelassen. Shale ging davon aus, dass sie zusammen Luftraser fahren würden, und freute sich schon, Cahciuas Modell zu sehen. Doch Cahciua kehrte nicht etwa mit einem normalen Fahrzeug zurück – nein, sie erschien kurze Zeit später in Begleitung eines grässlichen Rroneeks. Es sei das letzte seiner Art, erklärte sie.
„Du willst doch nicht etwa, dass ich auf dieses Ding aufsteige?“, empörte sich Shale. Sie war noch nie auf einem Tier geritten und hätte es am liebsten auch dabei belassen.
„Ach, hab dich nicht so. Na komm, steig auf, sonst lass ich dich zurück!“
Shale bereute zutiefst, dass sie ihren eigenen, heiß geliebten Luftraser nicht zur Hand hatte. Aber da Cahciua ihr schon einen Teil ihres Honorars im Voraus gezahlt hatte, konnte sie nun nicht mehr ablehnen. Sie ergriff Cahciuas ausgestreckte Hand und kletterte mühsam auf den Rücken des Rroneeks, wo sie sich fest an Cahciua klammerte, damit sie nicht herunterfiel und einen unsanften Aufprall erlebte.
Mit einer unglaublichen Wucht lief das Rroneek los und baute in kürzester Zeit eine ungeheure Geschwindigkeit auf. Shale konnte ihr Kreischen nicht zurückhalten. „Geht das nicht etwas langsamer?!“, brüllte sie Cahciua ins Ohr.
Cahciua lachte laut. „So macht es doch am meisten Spaß!“
Sie schenkte Shales Beschwerden keine weitere Aufmerksamkeit und trieb das Rroneek fröhlichen Gemüts zur vollen Laufgeschwindigkeit an. Eine gefühlte Ewigkeit später war der Höllenritt vorbei: Sie waren an einer Höhle in der Donnersteppe angekommen, die Cahciua lächelnd als ihren Unterschlupf präsentierte. Es handelte sich um eine verlassene Mine, in der sie Elektrobgeräte aufbewahrte, die Shale sich anschauen sollte.
Cahciua behalf sich mit einem Bogen, um die Bestien um sie herum auszuschalten, während sie durch das stockfinstere Höhlensystem liefen. Schließlich erreichten sie einen Raum, in dem unzählige alte Elektrobmaschinen aufgestapelt waren. Auf Shales Nachfrage erklärte Cahciua, dass ein Bekannter aus der Donnersteppe sie ihr anvertraut hatte. Sie waren alle bereits repariert, doch weder Cahciua noch ihr Bekannter wussten, um was für Geräte es sich eigentlich handelte. Shale warf einen Blick auf die Maschinen und erkannte, dass sie eine Art Empfänger sein mussten. Es brauchte nur den dazugehörigen Sender, um über große Distanzen Informationen und Bildmaterial verschicken zu können.
„Ich weiß nicht, wozu du so etwas brauchst, aber wenn du mich bezahlst, bin ich dabei.“
Shales Worte überraschten sie selbst ein wenig – womöglich waren es die seltenen Elektrobgeräte, die sie in ihren Bann gezogen hatten. Aber vielleicht war es auch der ungewohnte Wunsch, jemandem behilflich sein zu wollen. Cahciua blickte ebenfalls überrascht drein, doch sofort wich der Ausdruck einem breiten Lächeln und sie nickte.
„Es reicht mir schon, dass du sie für mich identifizieren konntest. Ich will dich nicht noch weiter in die Angelegenheit verwickeln. Den Rest werde ich schon selbst regeln.“ Cahciua wandte sich ab. „Ich danke dir, Shale.“
Wie? Nach der Verbissenheit, mit der sie Shale überredet hatte, war Cahciua jetzt diejenige, die das Angebot ablehnte? Shales Enttäuschung war wohl deutlich in ihrem Gesicht zu erkennen, denn Cahciua lachte sanft. Sie wühlte in einigen Holzkisten herum, bis sie eine Flasche Wein fand, die von den ehemaligen Minenarbeitern zurückgelassen worden war. Dann holte sie zwei Gläser hervor und stellte sie zum Wein auf den Tisch.
„Würdest du mir noch eine Weile zuhören?“, fragte Cahciua.
Und so erzählte Cahciua vom Leben nach dem Tod. Sie erklärte, dass alle lebenden Dinge eines Tages ihr Ende fanden, doch in anderer Gestalt wiedergeboren wurden. Als Shetona legte Cahciua besonderen Wert auf das Zusammenleben mit der Natur. Für sie waren Leben und Tod zwei Seiten einer Medaille, die für den Kreislauf der Natur unerlässlich waren und die es unbedingt zu schützen galt. Sie sprach von ihrem geliebten Sohn, für den sie sicherstellen wollte, dass die Welt so funktionierte, wie es von der Natur vorgesehen war. Dafür müsse sie noch etwas Wichtiges erledigen. Als Regulatorträgerin konnte sich Shale nicht großartig viel unter dem Konzept „Tod“ vorstellen. Doch in Cahciuas goldenen Augen, die so schön und liebevoll wie noch nie zuvor leuchteten, erkannte sie die Wahrheit. Dieser Kreislauf der Natur war unumgänglich.
Gleichzeitig lief ihr ein Schauer der Angst den Rücken herunter. Was, wenn Cahciua in Lebensgefahr geriet? Sie trug doch keinen Regulator. All diese Hingabe zu ihrem Sohn würde nicht den Wolken anvertraut werden, sondern gemeinsam mit jeglicher Spur von ihr verschwinden. Shale würde sie vergessen.
Als sie diesen Gedanken äußerte, schenkte Cahciua ihr ein zärtliches Lächeln. „Vergessen, und überhaupt vergessen können, das ist Teil der Natur. Egal, wie wichtig dir jemand ist, wenn er weg ist, wirst du mit der Zeit allmählich vergessen, wie sein Gesicht aussah. Aber gerade unser Wunsch, diese geliebten Personen nicht zu vergessen, ist meiner Meinung nach das wirklich Wichtige.“ Sie blickte einen kurzen Moment in die Ferne. „Na ja, es gibt so oder so Dinge, die man vergisst, ob Regulator oder nicht. Da hilft es wohl nicht, sich allzu viele Sorgen zu machen.“ Cahciua lachte. „Alles fließt, jeder Kreis wird sich schließen. Eines Tages werden wir wieder denen begegnen, die uns wichtig waren. Und dann ist es an uns, die Verbindung zu ihnen von Neuem aufzubauen und zu pflegen.“
In diesem Moment verstand Shale den Sinn hinter Cahciuas Worten noch nicht recht. „Aber wenn du etwas Gefährliches vorhast, solltest du wirklich einen Regulator tragen“, forderte sie.
Wieder einmal lächelte Cahciua, doch sie sah dabei traurig aus.
„Ich werde es mir überlegen.“
Und so kam es, dass Shale regelmäßig aus freien Stücken den Unterschlupf besuchte, um gemeinsam mit Cahciua an den Geräten zu arbeiten. Eines Tages kehrte Cahciua sichtlich verletzt in die Höhle zurück und berichtete, dass sie von einer Wacheinheit entdeckt worden war. „Willst du nicht als vollwertige Partnerin in mein Vorhaben einsteigen?“, bat sie Shale. Sie hatte durchschaut, dass Shale schon längst mit Herzblut bei der Sache war. Als diese ohne zu zögern zustimmte, offenbarte Cahciua ihr, dass es sich bei ihrem mysteriösen „Vorhaben“ um nichts Geringeres handelte, als König Zoraal Ja zu stürzen. Shale solle dabei eine unterstützende Rolle spielen.
„Ich kann nicht kämpfen“, sagte Shale. „Ich werde dir wohl kaum von Nutzen sein.“
Doch Cahciua beteuerte ihr, dass sie einfach dankbar für den Einsatz war.
Am gleichen Tag wollte sich Cahciua zur Auskundschaftung in Zoraal Jas Audienzzimmer begeben. Shale hatte ein ungutes Gefühl dabei, doch Cahciua sagte nur: „Wir brauchen langsam mehr Mitstreiter.“ Dann befestigte sie einen Regulator an ihrem Kopf – eine Geste der Besänftigung für Shales Sorgen. Dabei war sie doch so darauf bedacht, den natürlichen Zyklus des Lebens zu respektieren …
„Aber wenn wir noch andere ins Boot holen, musst du wirklich an deinen Umgangsformen arbeiten. Sonst fürchten dich deine eigenen Verbündeten noch“, ermahnte sie Shale mit einem breiten Grinsen, bevor sie sich umdrehte und den Unterschlupf verließ.
Wenige Stunden später erlosch das Signal von Cahciuas Regulator. Shale hatte es über die reparierten Empfänger verfolgt und ihr schwante Übles. Hastig riss sie sich ihren eigenen Regulator vom Kopf, doch es war zu spät: Alles, was mit Cahciua zu tun hatte – die Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten, die Erinnerung an ihr Lächeln, einfach alles – hatte sie vollständig vergessen.
Shale spürte einen tiefen Schmerz in der Brust, beinahe so, als hätte man ihr eine Wunde zugefügt. „Ich habe jemanden vergessen“, wurde es Shale benommen klar.
Nach diesem Tag verfiel Shale wieder ihren alten Lastern: Sie trank im Übermaß, war dauerhaft gereizt und prügelte sich mit jedem, der ihr in die Quere kam. So lebte sie erneut in dunklen Hintergassen, bis es eines Tages wieder zu einer Begegnung kommen sollte.
Shale hatte sich gerade mit einem blauhaarigen Hyune Schläge geliefert und war unsanft auf dem Boden gelandet, als ein seltsames, kreisrundes Gerät vor ihren Augen erschien.
„He du! Das ist kein Plätzchen für einen Mittagsschlaf.“
Diese Worte lösten ein tiefes Gefühl der Nostalgie in Shale aus, doch sie wusste gar nicht, warum. „Das geht dich gar nichts an“, antwortete sie – und gleichzeitig lief ihr eine Träne über die Wange.
Shale öffnete langsam die Augen und schritt aus dem Hinterzimmer hinaus. Gedankenverloren ließ sie sich von ihren Füßen leiten und stieg hoch zu einer Aussichtsplattform, von der man einen Blick über ganz Lösung Neun genoss. Dort atmete sie tief ein und nahm den Regulator ab.
Die neue Cahciua, in ihrer Form als Auskunftsdrohne, hatte mit keinem Wort ihre gemeinsame Vergangenheit erwähnt. War es aus Rücksicht auf Shale, die sich so davor fürchtete, zu vergessen? Oder war es aus Respekt vor dem natürlichen Kreislauf des Lebens, in dem Erinnerungen und Gefühle doch solch eine wichtige Rolle spielten? Wie dem auch sei: Cahciua war an Shales Seite zurückgekehrt. Shale sah ihr breites Grinsen vor Augen und konnte das Lächeln nicht unterdrücken, das sich auch auf ihren Lippen ausbreitete.
„Ja, du warst wirklich die ganze Zeit bei mir“, dachte sie. „Da habe ich wohl keine Wahl. Du hast mir etwas ganz Besonderes geschenkt, Cahciua: einen neuen Prolog. Und der fängt jetzt an.“







